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September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » September 6, 2010

Verführerische Erklärungen

von Stefanie Mahrer, September 6, 2010
Verschwörungstheorien als anthropologische Konstante und Reaktion auf die Herausforderungen der Moderne.
«9/11» Alternative Erklärungen der Terroranschläge entstanden in Europa und wurden ab 2003 in den USA rezipiert

Verschwörungstheorien sind eines der faszinierendsten und schillerndsten Phänomene der Menschheitsgeschichte. Die Unterhaltungsindustrie macht immense Umsätze mit ihnen, alleine Dan Browns «Sakrileg» («The Da Vinci Code») wurde weltweit über 80 Millionen Mal verkauft. Verschwörungstheorien beschränken sich aber längst nicht nur auf fiktive Erzählungen in Buch und Film, sie sind vielmehr seit Jahrhunderten integraler Teil kollektiver Wahrnehmungen. Die Pest, die Mondlandung, der Tod Marilyn Monroes oder Jörg Haiders, der Mord an John F. Kennedy, die Ewigkeitsglühbirne, die Pyramide auf der amerikanischen Ein-Dollar-Note, die Schweinegrippe, die Terroranschläge vom 11. September 2001 – eine kleine Auswahl an Ereignissen, bei welchen zahlreiche Stimmen den offiziellen Erklärungen misstrauen und eigene alternative Mutmassungen anstellen. Die Vorstellung, dass hinter schwer nachvollziehbaren Ereignissen und hinter Krisen eine verantwortliche Gruppe steckt, war und ist attraktiv. Auch wenn sich die historischen Begebenheiten verändern, die Mechanismen und die Funktion von Verschwörungstheorien wandeln sich kaum.
Dass sich nun seit einem Jahrzehnt auch die Geschichtswissenschaft mit der Thematik auseinandersetzt, ist der Tatsache geschuldet, dass Verschwörungstheorien weder als irrational noch als pathologisch bezeichnet werden können, sondern als anthropologische Konstanten zu verstehen sind. Der deutsche Historiker Dieter Groh hat einige grundlegende Charakteristika von Konspirationstheorien festgemacht, die diese Annahme bestärken: So sind Verschwörungstheorien in höchstem Masse universell, sie sind über eine lange Dauer, in allen sozialen Gruppen und in unterschiedlichen Kulturen vertreten. Ihre Anhänger finden sich im gesamten politischen Spektrum, und nicht, wie lange angenommen, nur in den rechten und linken Peripherie. Verschwörungstheorien sind in Bereichen von Kultur und Wirtschaft, in Innen- und Aussenpolitik, bei Naturereignissen und technischen Errungenschaften, in Religion und Wissenschaft zu finden und berühren somit sämtliche Bereiche der menschlichen Existenz. Im Gegensatz zu ihrer politischen und gesellschaftlichen Reichweite, ihrer universellen Einsetzbarkeit und der Heterogenität der Verschwörungsgläubigen gleicht sich im Allgemeinen ihr Strickmuster: Eine allmächtige und grundsätzlich Böses planende Gruppe arbeitet unter Instrumentalisierung nichts ahnender Helfer eine Verschwörung aus, um eine eigene Agenda zu verfolgen.

Vereinfachung der Komplexität

Die Anfänge dieser bis heute aktuellen Struktur von Konspirationstheorien liegen in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution. Denn vor der Aufklärung lagen Verschwörungstheorien im Bereich der religiösen Imagination – die angeblichen Verschwörer waren Juden, Ketzer und Hexen, gingen mit dem Teufel einen Bund ein, um in dessen Auftrag Böses in die Welt zu bringen. Die Verschwörungstheorien des Mittelalters und der Frühen Neuzeit lagen, zumindest im christlich geprägten Abendland, im Bereich des Theodizeeproblems: Es ist nicht die Schuld Gottes, wenn guten Menschen Schlechtes geschieht, die Schuldigen sind die Verschwörer. Im Zuge der Aufklärung verlor die Klärung der göttlichen Schuld an irdischen Übeln ihre Bedeutung für das Verstehen der Welt. Die durch die Französische Revolution hervorgerufenen gesellschaftlichen Umwälzungen wurden zudem von vielen Menschen als eine immense Bedrohung empfunden. Sie riefen das Gefühl hervor, dass die Welt eine Komplexität angenommen hatte, die nicht mehr verstanden werden konnte. Aus dieser Zeit des Übergangs stammen die ersten Theorien zur Weltverschwörung – Freimaurer, Juden, Jakobiner oder Anarchisten bildeten angeblich konspirative Gruppen, mit dem Ziel, den Staat und die Kirche zu unterwandern und sie schliesslich zu zerstören.
Verschwörungstheorien wurden zu eigentlichen Weltdeutungsmustern. Die Komplexität der Moderne liess sich so ganz einfach erklären; das für viele Unverständliche, Nicht-Nachvollziehbare wird angeblich klar: Hinter allem steht eine finstere, verschworene Macht, welche die Geschicke der Politik und der Gesellschaft lenkt. Die Welt wird zu einer eigentlichen Puppenspielerbühne, hinter welcher unbekannte Mächtige stehen und an unsichtbaren Fäden ziehen – die Welt wird zum Scheingebilde. Verschwörungstheorien machen Unerklärbares erklärbar, sie schaffen Gewissheit, wo es keine gibt. Hinter jeder Geschichte wird eine andere vermutet, es werden Schuldige benannt und so Sündenböcke geschaffen.

Juden als Sündenböcke

Die Rolle des Sündenbockes wurde und wird noch immer gerne mit Juden besetzt. Die Idee einer jüdischen Weltverschwörung entstand nicht erst in der Moderne. Im frühen Mittelalter wurden die Juden mit dem Antichristen in Verbindung gebracht, während der Kreuzzüge stellte man sie als die Kinder Satans dar, die das einzige Ziel verfolgten, der Christenheit zu schaden. Die Dämonisierung des jüdischen Volkes wird unter anderem auf die Fremdheit und Unkenntnis seiner Bräuche zurückgeführt. In wilden Spekulationen schrieb man ihnen übernatürliche Kräfte und Verbindungen zum Teufel zu. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung in der Moderne kann als innerweltliche Adaption der früheren dämonologischen Tradition an moderne Ängste verstanden werden. Nicht nur in Weltverschwörungstheorien spielen Juden eine prominente Rolle. Wenn die absurden Verdächtigungen von Juden nicht einen derart tragischen und besorgniserregenden Beigeschmack hätten, könnten sie einen mitunter zum Schmunzeln bringen.
Eine einfache Google-Suche zu den Stichwörtern «Juden» und «Tsunami» bringt schon unter den ersten Resultaten die Anschuldigung, der Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004 sei von «Zionisten» zwecks «geheimem Massenmords an Nichtjuden» mit unterirdischen Atomsprengungen ausgelöst worden. Das Kuriose an dieser und allen übrigen Verschwörungstheorien ist, dass sie nie geschehen sind, dass sie zu keiner Zeit der Realität entsprachen. Dass sie dennoch nie ausgemerzt werden konnten, nicht auf dem sprichwörtlichen «Schrottplatz der Geschichte» gelandet sind, erklärt sich durch den Fakt, dass sie eben Sündenböcke und Schuldige schaffen – Feinde und Gegner, ob echte oder (was öfters zutrifft) imaginierte, können als die Inkarnation des Bösen stigmatisiert werden.
Wenn man nun aber die Entwicklungsgeschichte von Verschwörungstheorien genauer betrachtet, lässt sich ein zweiter Strukturwandel festmachen. Zur Zeit der Französischen Revolution verlangte man nach Weltdeutungsmustern, nach innerweltlichen Erklärungen für eine sich verkomplizierende Welt der Moderne, eine Welt, in der heilsgeschichtliche Erklärungen und Dämonen keine glaubhafte Orientierungshilfe mehr boten. Man möchte fast meinen, dass das Zeitalter von Weltverschwörungen angebrochen war. Das Misstrauen galt weltumspannenden Mächten, die alle Bereiche der menschlichen Welt infiltrierten und manipulierten. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, scheinen die grossen Weltverschwörungen, mit Ausnahme der Annahme einer jüdischen Weltverschwörung, einer Masse von heterogenen, räumlich und zeitlich beschränkteren Konspirationstheorien Platz zu machen. Sobald eine Katastrophe geschieht oder eine Person von öffentlichem Interessens verunfallt, kursieren innerhalb weniger Stunden zahlreiche Gerüchte und Theorien. Aber auch angeblich versteckte Botschaften auf Strichcodes geben Anlass zu Verschwörungsdenken. Die Menschen haben nicht mehr nur die Neigung, hinter grossen Ereignissen grosse Mächte zu vermuten, sondern auch hinter Alltäglichem. Diese Neigung impliziert nicht nur ein grosses Bedürfnis nach Erklärungen, sondern vielmehr, dass offiziellen Erklärungen misstraut wird.

«9/11» – Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung

Ein Beispiel für das Misstrauen der Bevölkerung der eigenen Regierung gegenüber zeigt sich eindrücklich in den alternativen Erklärungsangeboten zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Entstanden in Frankreich und Deutschland, wurden die Theorien, dass nicht die islamistischen Extremisten um Mohammed Atta, sondern die Bush-Regierung hinter den Anschlägen stecke, erst im Jahr 2003 in den USA rezipiert. Unzählige Websites, «Wissenschaftler», Verschwörungstheoretiker und angebliche Gewährsleute aus Geheimdiensten publizierten «Beweise», welche die offiziellen Erklärungen zu widerlegen behaupten. Selten fanden Verschwörungstheorien derartige Zustimmung, wie eben jene im Zusammenhang mit «9/11». In Deutschland ergaben repräsentative Umfragen im Jahr 2003, dass ein Fünftel aller Deutschen glaubte, dass die US-Regierung hinter den Anschlägen stecke, bei den unter Dreissigjährigen war es gar ein Drittel.
Die Zahlen für New York im Jahr 2004 lagen gar noch höher: In der Stadt, die am stärksten getroffen wurde, glaubte die Hälfte der Bevölkerung an eine Verstrickung der eigenen Regierung. Aber nicht nur die Bush-Regierung wird verdächtigt, es gibt auch Gruppen, welche die «Weisen von Zion», den Mossad, Aliens oder gar die Amish-People hinter den Anschlägen vermuten. Das Internet ermöglicht Reaktionen auf Ereignisse in kürzester Zeit. Zeitgleich lassen sich Informationen sammeln, verbreiten und diskutieren. Das Netz als demokratisches Medium, in welchem jede und jeder auf Blogs und Diskussionsforen seine Meinung kundtun kann, wo Gleichgesinnte auf eigenen Web­sites Material sammeln und verbreiten können, intensiviert die Verbreitung von Verschwörungstheorien.
Das Ende des Kalten Krieges und damit das Ende einer dualen Welt sowie das Internet haben in der westlichen Welt dazu geführt, dass grosse Weltverschwörungen ihre Bedeutung verloren, denn politisch sind sie, anders als zum Beispiel in der arabischen Welt, wo Verschwörungstheorien wie in den «Protokolle der Weisen von Zion» immer wieder als demagogische und ideologische Waffe eingesetzt werden, kaum noch relevant. Vielmehr gibt es eine eigentliche Schwemme von Verschwörungsstheorien. Aber auch wenn die grossen Theorien überholt scheinen, ist das Grundbedürfnis der Konspirationsgläubigen dasselbe, es ist das Bedürfnis nach Erklärungen und Gewissheit. Die Welt wird damit zwar zum Schein, zumindest aber verliert sie ihre Komplexität.    ●


Sefanie Mahrer ist Historikerin und Doktorandin am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel.



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