Enthüllungen in der World Bar
Bill Masterson ist ein überpünktlicher Mann. Zum Gesprächstermin ist er mindestens 15 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt erschienen. Aber womöglich sitzt er schon länger an dem Ecktisch in der World Bar, um andere Geschäfte zu erledigen. Jedenfalls hat Masterson bereits eine halbleere Flasche Bier vor sich, als der Reporter eine Viertelstunde vor dem Termin in das opulent ausgestattete Lokal im Erdgeschoss des Trump World Tower tritt. Masterson quittiert das mit einem Griff zur Flasche, die er dem Reporter entgegenhält. Statt einer Begrüssung beginnt er das Gespräch mit einer rätselhaften Frage: «Sollten zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir Schicksal nennen, sollte es bloss Zufall sein?» Dann setzt der grauhaarige Mann seinen breitkrempigen Hut ab und nimmt einen tiefen Zug aus der Flasche.
Licht der Aufklärung
Der Mann in den antiquiert wirkenden Kniebundhosen, zu denen er ein weisses Seidenhemd trägt, passt nicht in die mondäne Atmosphäre der World Bar an der Ostseite Manhattans, die dem Hauptquartier der Vereinten Nationen direkt gegenüberliegt. Und doch scheint Masterson mit vielen der Diplomaten und Lobbyisten bekannt zu sein, die hier an einem Freitagnachmittag im Frühsommer das Wochenende mit einem Drink einläuten. «Hi Bill» sagt im Vorübergehen eine schöne Inderin in buntem Sari: «Wir rechnen Samstagabend beim Botschafter mit dir!» Masterson bestätigt den Termin mit einem knappen Nicken und wendet den Blick dem UN-Gebäude auf der anderen Seite der First Avenue zu: «Bei all ihrer Weitsicht hätten sich der Abbé und seine Mitstreiter nicht vorstellen können, wie reich die Ernte ihrer Pläne ausfallen würde. Denn der Turm aus Glas und Stahl hier gegenüber ist kein Zufall …». Das Achselzucken des Reporters treibt Röte auf die Wangen des Grauhaarigen. Ehe der Journalist aussprechen kann, dass «die Roosevelt-Regierung bekanntlich grosse Energie auf die Planung und Gründung der Vereinten Nationen verwandt hat», unterbricht Masterson heftig: «Ich habe mich auf dieses Interview nicht eingelassen, um über Banalitäten und die lächerlichen Geschichten zu reden, mit denen unsere Frontleute seit über 200 Jahren ihre Aktivitäten der Masse erklären. Nein – nun ist die Zeit gekommen, den Faden wieder aufzunehmen, den der Enkel des Webers gesponnen hat, und offen über unser Werk zu sprechen. Denn nur die Wahrheit kann den Bestand des Werkes sichern!»
Die Verwirrung seines Gegenübers ausnützend, fährt Masterson lebhaft fort: «Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger Begebenheiten! Sie kennen die Schlagzeilen besser als ich: Hier in Amerika steigt die Arbeitslosigkeit im Wettlauf mit der Staatsverschuldung und den Verlusten in den unseligen Kriegen in Übersee. Die Wähler verlieren den Glauben an unseren Präsidenten. Und immer mehr Amerikaner unterstellen ihm, Agent im Verborgen wirkender Mächte zu sein, die ihr Land der Herrschaft einer ‹Weltregierung› unterwerfen wollen.» Der Reporter muss Masterson zustimmen. Tatsächlich verlieren die Amerikaner den Glauben an die Einzigartigkeit und die Zukunft ihrer Nation, die bis heute als einzige unmittelbare Nachkommenschaft die europäische Aufklärung für sich beanspruchen kann. Doch von Anbeginn an wurde das Licht der Aufklärung von Schatten begleitet, die sich heute erneut über die amerikanische Öffentlichkeit legen. Auf die Frage, ob er von der konservativen Basisbewegung der Tea Party spreche, entgegnet Masterson mit Nachdruck: «Ja – da haben die Ignoranz und das daraus wachsende, toxische Gebräu von Angst und Hass ihre seit Langem wirkungsvollste Ausformung gefunden. Aber unser Geschäft wird dadurch erschwert, dass die Sozietät auf die gleiche Quelle zurückgeht, wie die Tea Party. Doch wir stehen für das Licht der Aufklärung und Sarah Palin und ihre Anhänger für den Schatten.»
Eine weltumspannende Loge
Zunehmend konfus, bittet der Reporter um weitere Aufklärung. Masterson sinkt in seinen Sessel zurück und ordert ein frisches Bier. Dann räumt er ein: «Die Sache ist in der Tat vertrackt. Die historische Tea Party von 1773 im Hafen von Boston, bei der als Indianer verkleidete Kolonisten aus Protest gegen Steuererhöhungen britischen Tee ins Wasser warfen, war die ursprüngliche Inspiration der Sozietät. Dieser Bund gleich gesinnter Bürger und Adliger trat in Deutschland zusammen, um die Menschheit von Aberglauben und den Ketten feudaler Herrschaft zu befreien. Der Archivar der Sozietät behauptet, dass Hamlets ‹Sein oder Nichtsein› unsere ursprüngliche Inspiration war. Aber ich vermute bürgerliches Kaufmannsdenken im alten Deutschland als die tiefere Quelle». Masterson führt weiter aus, die Sozietät betrachte eine freiheitlich-bürgerliche Ordnung als ideale Grundlage stabiler Besitzverhältnisse, die ihren Mitgliedern ihr fortschrittliches Wirken ermöglichen: «Von Anfang an zielten wir darauf ab, uns untereinander die Existenz zu sichern für den Fall, dass eine Staatsrevolution den einen oder den anderen von seinen Besitztümern völlig vertreiben würde.» Deshalb habe sich die Sozietät auch in alle Teile der Welt ausgebreitet und vorgesehen, dass man aus jedem Teil der Welt in sie eintreten kann, so Masterson weiter.
Darauf enthüllt er die bislang geheime Geschichte dieses Bundes, die mit dem Dienst eines ihrer Gründungsmitglieder, eines Offiziers, in der revolutionären Armee George Washingtons beginnt. Nach der Rückkehr dieses Offiziers kamen andere Mitglieder der Sozietät nach Amerika, um sein Wirken fortzusetzen. Auch Frankreich wurde bald ins Netzwerk der Gesellschaft eingeflochten. Dort wurde 1795 auch eine Verbindung geknüpft, die wesentlich für das Schicksal Amerikas und der Welt werden sollte: In Paris gewann die Sozietät mit der schönen Diplomatengattin Elizabeth Monroe ihr erstes in Amerika geborenes Mitglied. Monroe war die Gattin des damaligen amerikanischen Botschafters James Monroe, der 30 Jahre später als Präsident den Machtanspruch seiner Nation über den gesamten Doppelkontinent zur offiziellen Doktrin der Vereinigten Staaten erhoben hat. Dies entsprach dem auf Stabilität und Ordnung ausgerichteten Streben der Sozietät.
Monroe und ihre Nachkommen blieben der geheimen Loge weiter verbunden. Es waren immer wieder Frauen wie Elizabeths Cousine Mary Rebecca Aspinwall, denen als wirkenden Kräften Ruhmesblätter in der Geschichte der Sozietät gebühren. Masterson erklärt: «Kurz vor ihrem Tod hat Aspinwall in ihrem Enkel Franklin die Begabung erkannt, unser Werk auf eine höhere Stufe zu führen. Bürgerliche Tüchtigkeit hatte Amerika um 1880 zu einem jungen Riesen wachsen lassen, der binnen weniger Generationen die Geschicke der Welt würde lenken können und Franklin Roosevelt erschien Aspinwall und der Sozietät als der Mann, den die Vorsehung für diese Aufgabe gesandt hatte.» Das sei das eigentliche Geheimnis des Einflusses der Sozietät, sagt Masterson: «Wir beobachten die Menschen und wählen jene aus, die uns für unser Werk geeignet erscheinen. Beobachten und gelegentlich lenkend eingreifen – so dies geboten und möglich ist –, das ist unser Amt.»
Gezielte Förderung
Roosevelt bestand schwere Schicksalsschläge. Er habe gelitten wie keiner, von der höchsten, süssesten Fülle der Schwärmerei bis zu den fürchterlichen Wüsten der Ohnmacht, der Leere, der Vernichtung und Verzweiflung, von den höchsten Ahnungen überirdischer Wesen bis zum Punkt, als er nicht an sich selbst glauben konnte, so Masterson. Den Tod vor Augen, vermochte Roosevelt noch die Grundlagen für die Vereinten Nationen zu legen. Masterson greift erneut zur Flasche: «Doch Aspinwall hat noch einen zweiten Grundstein für eine neue, bessere Weltordnung gelegt: Sie riet der Sozietät, dem jungen John D. Rockefeller grosszügige Kredite einzuräumen, als dieser im amerikanischen Bürgerkrieg seine erste Ölraffinerie erbaute. Die Rockefellers wurden zu einer Säule der Sozietät und gründeten nach und nach die Institutionen, die Amerikas Eliten für ihre Rolle als Baumeister und Hüter einer globalen Ordnung vorbereiteten.» Nach den Namen dieser Institutionen gefragt, senkt Masterson die Stimme: «Sie kennen die Namen: Council on Foreign Relations, Trilaterale Kommission, Bilderberg-Gruppe – aber vergessen Sie die Rockefeller University nicht, die ein paar Minuten nördlich von hier am East River liegt. Wir haben dort fast zwei Dutzend Nobelpreisträger hervorgebracht, zum Nutzen der Menschheit. Dort erleben Sie abermals so einen schönen Fall, dass uneigennütziges Wohltun die höchsten und schönsten Zinsen bringt …»
Masterson zieht eine goldene Taschenuhr hervor und sagt: «Mein Freund, dringende Geschäfte rufen mich. Nur noch ein Wort: Sie wissen, dass von der Tea Party angezweifelt wird, dass Barak Obama auf amerikanischen Boden geboren wurde. Aber ich kann Ihnen versichern, dass er tatsächlich in Hawaii geboren worden und somit unzweifelhaft amerikanischer Staatsbürger ist. Die Sozietät hat sein Talent früh erkannt und ihm und seiner Mutter manche Hilfe geleistet.» Es sei kein Zufall gewesen, dass die Ford Foundation ihre Arbeit in Indonesien finanziert habe und auch auf Obamas Weg an führende Bildungseinrichtungen von Hawaii bis nach New York und Boston hätten helfende Hände manche Hürde ausgeräumt. Obwohl Amerikaner, habe sich Obama von klein auf als «Bürger der Welt» verstanden und das noch vor seinem Einzug ins Weisse Haus in Berlin verkündet. Auf ihm liege die Hoffnung der Sozietät, Amerika wieder erstarken und zu einem Anker der Menschheit im tosenden Meer der Geschichte zu machen: «Das sollen Sie berichten, mein Freund! Lassen Sie uns im September wieder zusammenkommen und ich weihe Sie tiefer ein in unser Werk.» ●
Friedrich Jarno ist Herausgeber der Werner-Briefe, einem privaten Nachrichtendienst für die Finanzwirtschaft.
Nachtrag: Kurz vor Druck dieser Ausgabe erreicht uns die Mitteilung aus New York, dass Bill Masterson unweit der Rockefeller University von einem Lkw angefahren und tödlich verletzt worden ist. Der Fahrer konnte den Tatort unerkannt verlassen (Red.).


