Auf der Seite der Unterdrückten
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ie Anrufe kamen noch viele Jahre nach Trotzkis Ermordung: Die «alte Frau» brauchte wieder einmal Geld. Die «alte Frau» – das war Natalja Sedowa, die zweite Gattin Leo Trotzkis, den seine Anhänger im Exil stets den «alten Mann» nannten. Bis zu Sedowas Tod 1962 haben sich Mary Green und Arthur Pincus den Anrufen nie verweigert. Ihre Tochter Sukey Howard erinnert sich: «Wir hatten nie viel Geld übrig, aber Natalja zu unterstützen war Ehrensache für meine Eltern und viele ihrer Freunde in New York.» Dort wurde Howard im August 1940 geboren, wenige Tage vor der Ermordung Leo Trotzkis durch einen Agenten Josefs Stalin im mexikanischen Exil: «Zuvor haben meine Eltern etwa 18 Monate in Mexiko verbracht. Mein Vater hat im März 1938 eine lange Geschichte für das Sonntagsmagazin der ‹New York Times› über Trotzki geschrieben. Danach sind er und meine Mutter in Mexiko City geblieben.»
Die Zeit in Mexiko im Umfeld von Trotzki war ein Höhepunkt im Leben von Pincus und Green, aber abgesehen von einem Foto, das den «alten Mann» und Sedowa im Haus des Künstlerpaares Diego Rivera und Frida Kahlo zeigt, verfügt Howard dazu über keine Dokumente mehr: «Das Magazin mit der Trotzki-Geschichte ist mit einem ganzen Karteikasten voller Papiere aus dieser Zeit Anfang der 1950-er Jahre aus unserer Wohnung an der Upper West Side verschwunden», sagt Howard beim Gespräch in ihrem Haus in Deep River, wo der Connecticut River sich wenige Kilometer vor seiner Mündung in den Long Island Sound zu einer Schilfmarsch weitet. Sie vermutet, dass ihre Eltern die Unterlagen unter dem Eindruck der damaligen Kommunistenjagd weggeworfen haben: «Meine Mutter war in den dreissiger Jahren Mitglied der trotzkistischen Socialist Workers Party. Im Gegensatz zu meinem Vater hatte sie ein Parteibuch und war darauf sehr stolz. Wenn sich die beiden stritten, hat sie meinem Vater auch später noch seine Halbherzigkeit vorgeworfen.»
Ein illusterer Kreis
Im Gespräch mit Howard wird das Milieu der New York Intellectuals greifbar, das auch in seiner Blütezeit vor dem Zweiten Weltkrieg in wenigen Vierteln in Manhattan konzentriert war – der Upper West Side und Greenwich Village –, aber tiefe Spuren in der amerikanischen Kulturgeschichte hinterlassen hat. Howard hat als Heranwachsende Publizisten wie John Podhoretz, Irving Kristol, Daniel Bell, Alfred Kazin und den Kunstkritiker Clement Greenberg ebenso erlebt wie die Literaten Saul Bellow und James Baldwin: «Meine Mutter war nach dem Krieg Literaturredakteurin des «New Leader» und hat Baldwin einige seiner ersten Aufträge als Buchkritiker gegeben. Jimmy hat uns oft besucht und mit mir Verstecken gespielt.» Neben «Commentary» und der «Partisan Review» gehörte der «New Leader» zu den kleinen, aber einflussreichen New Yorker Zeitschriften, die sich von ihren sozialistischen Anfängen über die Jahrzehnte zu liberalen oder – wie das heute noch allein bestehende «Commentary» – zu (neo-)konservativen Plattformen weiterentwickelt haben.
Wie die meisten ihrer Freunde und Bekannten waren Mary Green und Alfred Pincus Nachkommen jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Pincus kam 1909 an der Lower East Side Manhattans zur Welt, Green wuchs in Philadelphia auf: «Meine Mutter hiess eigentlich Greenberg, aber sie hat ihren Namen gekürzt und sich ein V. als Mittelinitial zugelegt. Mein Vater hat sich darüber gerne amüsiert und sie jiddisch als ‹Vosvillda› angesprochen. Allerdings hat er seinen Vornamen von Ahron zu Arthur verändert.» Während Pincus aus einer streng religiösen Familie im heutigen Polen kam, in der jiddisch gesprochen wurde, stammten die Greenbergs aus Kertsch am Schwarzen Meer. Wie der als Lev Dawidowitsch Bronstein ebenfalls am Schwarzen Meer aufgewachsene Trotzki sprachen die Greenbergs ausschliesslich russisch und waren vermutlich ebenfalls in der späten Zarenzeit aus dem jüdischen «Siedlungsgürtel» an der russischen Westgrenze nach Südosten gezogen. Die Greenbergs waren gebildet und an Religion überhaupt nicht interessiert, so Howard: «Aber meine Mutter war zeitlebens stolz darauf,
jüdisch zu sein, und wenn irgendjemand Schlagzeilen gemacht hat, war ihre erste Frage stets: Ist der jüdisch? Und was bedeutet das für die Juden?». Arthurs Vater war dagegen tief enttäuscht, dass sein Sohn nicht Rabbiner werden wollte, sondern Journalist, und dass er Autor von Geschichten für Magazine wie das legendäre «Pulp Fiction»-Journal «Black Mask» wurde.
Radikal links und jüdisch
Die unterschiedlichen Elternhäuser taten der radikal linken Grundüberzeugung keinen Abbruch, die Green und Pincus mit den meisten jungen Juden osteuropäischer Herkunft in den damaligen USA teilten. Allerdings war das Paar im Gegensatz zu vielen ihrer Weggefährten «bourgeois» genug, später zu heiraten. Obwohl sie selten über ihre jungen Jahre gesprochen haben, weiss Howard, dass ihre Eltern viel reisten und Mitte der dreissiger Jahre in Spanien waren, ehe sie für längere Zeit nach Kuba und von dort nach Mexiko zogen. Pincus hat aus Kuba für die «Times» berichtet. Howard vermutet, dass ihre Eltern meist von den Krimis lebten, die ihr Vater unter Pseudonymen wie «Dunghill» publizierte. Ob sie damals politisch tätig waren, weiss Howard jedoch nicht. Allerdings hat ihre Mutter gerne davon erzählt, wie sie in New York Angestellte der Kaufhaus-Kette Woolworth gewerkschaftlich organisierte: «Sie hat sich dafür stets adrett gekleidet und unauffällig das Gespräch mit Verkäuferinnen gesucht. Die anderen Organisatoren traten anscheinend plump oder laut auf und wurden postwendend aus den Läden verwiesen.»
Schauprozesse als Bruchstelle
Als Howard aufwuchs, hatten die Eltern ihre Wanderjahre längst hinter sich. Sukey wurde in einer Atmosphäre mit klaren Konturen gross. Green und Pincus haben ihr zwar nie erklärt, worin ihre Begeisterung für Trotzki begründet lag, doch: «Meine Mutter hatte nur immer diesen schwärmerischen Ausdruck in den Augen, wenn die Rede auf den ‹alten Mann› kam.» Howard vermutet, dass das grosse literarische Talent und sein intellektuelles Kaliber den Revolutionär für ihre Eltern und viele ihrer Freunde attraktiv gemacht haben: «Zudem hatte Trotzki als standhafter Exilant auf einsamem Posten auch eine gewisse romantische Aura.» Darüber hinaus waren die auf abstrusen Verschwörungstheorien basierenden Moskauer Schauprozesse gegen «Trotzkisten» und andere «Abweichler» oder «Verräter an der Revolution» Mitte der dreissiger Jahre auch im linken jüdischen Milieu New Yorks ein epochales Ereignis: «Wer danach noch ein ‹Kommunist›, also in der stalinistischen KP geblieben war, war für meine Eltern zeitlebens persona non grata. Das war einfach unverzeihlich.» So erinnert sich Howard an eine Begegnung mit dem legendären Schauspieler und Komiker Zero Mostel, der während der McCarthy-Ära nach 1950 auf die schwarze Liste gesetzt und arbeitslos geworden war. «Mein Vater und ich haben Zero in der U-Bahn-Station bei uns an der 72. Strasse wie ein Häufchen Elend sitzen sehen. Er hatte eine wirklich harte Zeit, aber dennoch empfanden meine Eltern keinerlei Sympathie für ihn. Zero war vor dem Krieg in der Partei und daher für sein Elend selbst verantwortlich», erzählt Sukey.
Die Kluft zwischen «Linksoppositionellen» und «Kommunisten» hat Howard noch persönlich zu spüren bekommen, als sie sich zu Ende ihrer Schulzeit an der exzellenten Bronx Highschool of Sciene in Robert Starobin verliebte: «Bobbys Vater Joseph Starobin war Redakteur bei der KP-Zeitung ‹Daily Worker› und so waren beide Elternhäuser zuerst entsetzt über unsere Beziehung.» Die Episode erinnert etwas an Shakespeares aus verfeindeten Adelshäusern stammendes Liebespaar Romeo und Julia. Starobin wurde später ein viel versprechender junger Vertreter der «New Left»-Historiker, ehe er seinem Leben ein Ende setzte. Howard betrachtet die negative Reaktion der Eltern auf ihre Freundschaft mit Starobin als Beispiel für die gleichsam fast tribale Atmosphäre unter den New York Intellectuals. Losgelöst von ihren traditionellen Grossfamilien und meist auch ihrer Religion, wurden ideologische Überzeugungen zum Kitt sozialer Netzwerke unter den Nachkommen der osteuropäischen Immigranten. Howard stellt amüsiert fest, dass sie selbst zwischen 1962 und 1964 als junge Ethnologin im äthiopischen Harrar erlebt hat, wie Klanstrukturen Identitäten formen: «So unterschiedlich zu unserer Szene in New York war das gar nicht.»
Wendepunkt Schoah
Der zweite grosse Einschnitt für Howards Eltern und ihren Kreis war jedoch der Zweite Weltkrieg. Obwohl viele Trotzkisten dank ihrer Ablehnung Stalins zunächst über die Allianz zwischen Stalin, Churchill und Roosevelt entsetzt waren, verlor der alte Konflikt zwischen den Linksoppositionellen und der KP rasch an praktischer Bedeutung: «Mit Trotzkis Tod verschwand ein Orientierungspunkt. Mit dem Krieg und dem anschliessenden Boom in den USA verflog die Hoffnung auf die Revolution. Und gerade für die Juden waren die Nachrichten über den Völkermord der Nazis an den europäischen Juden ein tiefer Schock, der die Allianz gegen Hitler als Notwendigkeit erscheinen liess.» Auch Arthur Pincus hat seine gesamte in Polen zurückgebliebene Familie in der Schoah verloren. Mary Green blieb jedoch ihrem Credo treu, «auf der Seite der Unterdrückten» Partei zu ergreifen. Sie hat um 1943 in New York das Lynn Committee to Abolish Segregation in the Armed Forces mitbegründet, das sich für die Gleichberechtigung schwarzer Soldaten in den US-Streitkräften engagierte: «Das Lynn Committee hatte ein Büro in Harlem. Meine Mutter hat dort viel Zeit verbracht, und solange ich mich erinnern kann, hatten meine Eltern nie Vorurteile aufgrund von Hautfarbe und Rasse», so Howard.
Das Komitee gilt als eine der Keimzellen der Bürgerrechtsbewegung, die 15 Jahre später einen tiefgreifenden Wandel in der amerikanischen Gesellschaft auslösen sollte. Mary Greens Engagement für die benachteiligten Afroamerikaner stellt vermutlich eine Art Transfer revolutionärer Hoffnungen von der «Arbeiterklasse» zu «Minoritäten» oder der «Dritten Welt» dar, die in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts linksradikale Visionen beflügelt hat. Aber das Lynn Committee dürfte auch ein frühes Indiz für den Wandel im amerikanischen Judentum darstellen, das sich nach 1945 rasch gesellschaftlich etablierte und die revolutionäre Weltanschauung aus den Tagen in den Slums an der Lower East Side gegen ein liberal-humanitäres Engagement für Bürgerrechte austauschte. Auch Howards Vater erlebte kurz nach Kriegsende einen gewaltigen Karrieresprung, als er in die PR-Abteilung des Hollywood-Studios MGM eingetreten ist. «Mein Vater wurde in New York Direktor der Abteilung für den Auslandsvertrieb und die Pressearbeit in Übersee für MGM», erklärt Howard, als sie den Besucher zu einem Foto aus den späten vierziger Jahren führt, das Arthur Pincus im eleganten Anzug neben
einem der grössten Filmstars aller Zeiten zeigt: Lassie.
So waren Howards Eltern «schon zu alt, um mitzumarschieren», als Martin Luther King die grossen Bürgerrechtsdemonstrationen in den Südstaaten und in Washington anführte. Aber während Pincus bis an sein Lebensende im Jahr 1997 die Demokraten unterstützte, hat Howards Mutter «stets für sozialistische Kandidaten gestimmt, wenn diese auf einer Wahlliste standen. Darunter war beispielsweise der Präsidentschaftsanwärter Darlington Hoopes in den Jahren 1952 und 1956.» Sukey Howard hat sich die Leidenschaft ihrer Mutter für progressive Anliegen und «die Sache der Unterdrückten» bewahrt, auch wenn sie dafür pragmatischere Wege als die Unterstützung obskurer Figuren findet. So war es schwierig, einen Gesprächstermin mit Howard zu finden: «Mein Mann Peter und ich haben derzeit einen vollen Terminkalender – es gibt jetzt so kurz vor den Kongresswahlen einfach so viele Veranstaltungen für demokratische Kandidaten hier in Connecticut, dass wir ständig unterwegs sind.» ●
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.


