Sommer ohne Erholung
Das unabhängige Budget-Büro im US-Kongress hat jüngst festgestellt, dass die gigantische, von Barack Obama im Februar 2009 durchgesetzte Konjunkturspritze tatsächlich drei Millionen Stellen geschaffen oder gesichert hat. Dennoch kommt die amerikanische Wirtschaft immer noch nicht in Schwung. Seit dem Frühsommer sind die private Nachfrage und das Wirtschaftswachstum erlahmt, während die Arbeitslosigkeit zuletzt erneut angestiegen ist. Dabei gaukelt die offizielle Quote von 9,5 Prozent ein falsches Bild vor, da sie Arbeitsfähige ausklammert, die bei der Jobsuche aufgegeben haben. Die «echte» Arbeitslosenzahl dürfte bei 16,5 Prozent landesweit und in alten Industriestaaten wie Michigan noch deutlich darüber liegen. Von der miserablen Wirtschaftslage besonders betroffen sind neben Schwarzen und Latinos junge US-Bürger, von denen jeder Vierte arbeitslos ist. Dies ist der schlechteste Wert seit 1949. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat Ausmasse wie zuletzt während der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre erreicht.
Hohe Staatsverschuldung
Die Massenarbeitslosigkeit schlägt auf den Immobilienmarkt durch. Nach einer Verbesserung im Frühjahr nehmen landesweit die Zwangsräumungen von Wohnhäusern erneut zu. Und immer mehr Amerikanern droht der Absturz aus der Mittelklasse: Bereits heute verfügt die Hälfte der US-Bürger laut dem Finanzmagazin «Forbes» über keinerlei Ersparnisse mehr. Doch Washington sind die Hände gebunden. Die auf Rekordhöhe weiter wachsende Staatsverschuldung macht ein zweites «Stimulusprogramm» politisch unmöglich. Der Präsident konnte dem Kongress zwar Anfang August 26 Milliarden Dollar für die von der Krise besonders betroffenen Gliedstaaten abtrotzen. Bei einer kurzfristig anberaumten Rede zur Wirtschaftslage nach seinem Urlaub konnte Obama am Montag neben Angriffen auf die «Blockadepolitik» der republikanischen Opposition keine neuen Initiativen anbieten. Er hat gleichwohl die Parole vom «Sommer der Erholung» verkündet und erklärt, Amerika habe die «Talsohle der Rezession durchschritten».
Eine Illusion
Dies trägt Obama die Kritik von Ökonomen auf beiden Seiten des politischen Spektrums ein. Während Konservative gegen neue Schulden und eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes wettern, stellt der Linksliberale Paul Krugman die «Erholung» als Illusion bloss. Aber der Nobelpreisträger hat inzwischen seine Rufe nach einem neuen Konjunkturpaket aufgegeben und wiederholt lediglich seine Kritik an Obamas ursprünglichem Stimulus – dieser sei mit 780 Milliarden Dollar zu klein gewesen. Ansonsten hat Krugman nur ein Sammelsurium schwacher Vorschläge parat, die von Hilfen für bedrängte Hausbesitzer bis zu einem offenen Konflikt mit China über dessen Wechselkurspolitik reichen.
Etwas optimistischer betrachtet der Ökonom Robert Samuelson die Lage. Er rechnet in einer aktuellen Analyse vor, dass die amerikanischen Privathaushalte trotz der Krise Fortschritte beim Abbau ihrer Schulden machen und ihre Sparquote seit 2008 im Schnitt von zwei auf sechs Prozent ihrer Einkommen erhöht haben. Doch auch Samuelson bezweifelt, dass die Amerikaner ihre frischen Ersparnisse angesichts der trüben Stimmung im Lande bald wieder in die Einkaufszentren tragen werden.


