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3. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 35 Ausgabe: Nr. 35 » September 3, 2010

Nicht kleinlich sein

Editorial von Jaques Ungar , September 3, 2010

Gewaltwelle. Die Hamas-Terroristen, die am Dienstag auf der Strasse nach Kiryat Arba vier jüdische Zivilisten ermordeten und sieben Kinder zu Waisen machten, haben die Aussichten auf israelisch-palästinensische Verhandlungen schrumpfen lassen. Die Folgetat vom Mittwochabend, bei der östlich von Ramallah zwei Israeli durch Schüsse teils schwer verletzt wurden, bestätigte die Befürchtungen israelischer Sicherheitskreise, wonach Hamas und Konsorten nichts unversucht lassen würden, um die Verhandlungen scheitern zu lassen. IDF-Stellen rechnen mit einer eigentlichen Terrorkette, die möglicherweise auf Jerusalem überschwappt, wo der muslimische Fastenmonat Ramadan demnächst von den hohen Feiertagen der Juden abgelöst wird.


Morast. Dass Barack Obama nach seinem Treffen mit Binyamin Netanyahu ein praktisch unlimitiertes Bekenntnis zur Sicherheit Israels abgab, ändert kaum etwas an der traurigen Gegebenheit, denn vor allem für Netanyahu scheint der Friedenskarren mit jedem abgegebenen Schuss aus einer Hamas-Waffe immer tiefer im Morast zu versinken. Nicht, dass Netanyahu bis jetzt mit Pauken und Trompeten auf einen Frieden zugerannt wäre, doch jetzt kann er nicht einmal mehr so tun als ob. Er möchte nicht riskieren, dass er nach seiner Rückkehr aus den USA zuhause in einen politischen Engpass gerät. Und die Chancen dafür sind wahrscheinlich grösser als die Aussichten auf einen Verhandlungsfrieden. Denn solange wie die palästinensische Seite die Terrorakte durch ihre Etikettierung als «militärische Operationen» in die Nähe von Heldentaten rückt, nützen alle verbalen Verurteilungen aus dem arabischen Lager wenig. Die Vorstellungen von Mahmoud Abbas und Binyiamin Netanyahu liegen eben immer noch zu weit auseinander. Abbas kontrolliert die Hamas-Zellen in der Westbank kaum und hätte ohne die heute gut funktionierende Sicherheitskooperation zwischen Israeli und Palästinensern (wenigstens etwas, das funktioniert) längst den Präsidentenpalast räumen müssen.


Pulverfässer. Weitaus weniger blutig, deswegen aber kaum weniger bedenklich sieht es auf israelischer Seite aus. Die Siedlerbewegungen benutzten den Mordanschlag vom Dienstag als Vorwand, um den Baustopp lange vor seinem offiziellen Ende am 26. September für tot zu erklären. Unmittelbar nach der Beerdigung der Terroropfer nahmen die Bulldozer parallel an verschiedenen Baustellen die Arbeit wieder auf. Netanyahu muss sich nach seiner Rückkehr aus Washington auf ein raues Erwachen einstellen. Innerjüdische, vielleicht auch blutige Zusammenstösse dürften dazu beitragen, dass der Premier an den kommenden Festtagen weitaus weniger zu feiern haben wird, als er noch vor Kurzem gedacht hatte. Dann nimmt der Atem des rechtslastigen Aussenministers Avigdor Lieberman in Netanyahus Nacken, gepaart mit den immer hoffnungsträchtigeren Atemstössen von Oppositionschefin Tzippi Livni, allmählich die Form eines brandheissen Wüstenwindes an.


Kleinlich. Vor dem Hintergrund dieser Perspektiven wäre es kleinlich, Netanyahu und Abbas die feierlichen Galadiners dieser Woche unter der Schirmherrschaft des Duos Barack Obama- Hillary Clinton vermiesen zu wollen. Verdauungsbeschwerden, Kopfweh und noch viel ernsthaftere Gebresten werden früh genug und ohne unser Zutun eintreten.   





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