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3. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 35 Ausgabe: Nr. 35 » September 3, 2010

Ein jüdischer Blick auf das Leben

Simon Spiegel, September 3, 2010
ZU LANG UND ZU MÜHSAM Markus Hering im Kampf mit den Tücken des Lebens

In seinem neusten Film behandelt Dani Levy ein Thema, das er besonders gut kennt: Die Nöte eines jüdischen Filmregisseurs in Deutschland.

Die erste Frage des Journalisten beantwortet Dani Levy, ohne etwas sagen zu müssen,alleine durch seine Erscheinung: Er trägt tatsächlich eines dieser bunt gemusterten Hemden, die auch Alfi Seliger, die Hauptfigur seines neuen Films «Das Leben ist zu lang» bevorzugt. Es ist dies nur eine von vielen Gemeinsamkeiten, die Levy mit seinem Protagonisten verbindet. Dieser ist ebenfalls ein jüdischer Regisseur in Berlin. Und wie Levy ist er Anfang 50 und Vater zweier Kinder. Seliger, dessen letzter Erfolg Jahre zurückliegt, bereitet ein kühnes Projekt vor: Einen Film über die Mohammed-Karikaturen. Eine Komödie notabene, denn die wirksamste Waffe gegen Fanatismus bleibt der Humor. Realisieren wird Seliger dieses Projekt allerdings nicht, dafür legt Levy seinem filmischen Alter Ego zu viele Steine in den Weg: ignorante Produzenten, zickige Stars, eine untreue Ehefrau, nervende Kinder und schliesslich einen metaphysisch-surrealen Twist, der Seligers Welt vollends aus den Angeln hebt.



Ein Albtraum

Dass einiges von Levy selbst in diesem Stadtneurotiker steckt, den Markus Hering mit viel Sinn fürs Tragischkomische spielt, ist offensichtlich. Identisch sind die beiden dennoch nicht. «Was Alfi erlebt, ist ein Albtraum», meint Levy. Das Klinkenputzen bei Produzenten etwa muss der gebürtige Basler in dieser Form nicht über sich bringen. «Ich kämpfe auch bei jedem Projekt um die Finanzierung. Verglichen mit Alfi bin ich aber in einer privilegierten Position.» Während Seliger aus finanzieller Not die Regie bei einer Fernsehseifenoper übernimmt, konnte Levy in der Vergangenheit immer wieder sehr persönliche Filme realisieren. Den sehr erfolgreichen Film «Alles auf Zucker» beispielsweise, aber auch die von Kritik und Publikum weitgehend verschmähte Hitler-Farce «Mein Führer».
Die letzten drei Filme zeigen es deutlich: Jüdische, oder vielmehr jüdisch-deutsche Themen beschäftigen Levy. In Deutschland nimmt er heute geradezu die Position des jüdischen Vorzeigeregisseurs ein. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Levy keinen deutschen Pass besitzt und seine Religion im Alltag kaum lebt. Er gibt denn auch unumwunden zu, dass das Judentum in seinem familiären Leben weitaus weniger wichtig ist als in seinem künstlerischen. «Ich habe irgendwann gespürt, dass die Art, wie ich das Leben betrachte, mein Humor, aber auch, wie ich mit Widersprüchen umgehe – dass das alles aus einem sehr jüdischen Blickwinkel geschieht. Ich bin kulturell eigentlich viel jüdischer, als es mein religiöses Leben vermuten liesse.»

Eine seltsame Familiensaga

Levy lebt seit 30 Jahren in Berlin, und schon in den achtziger Jahren sei ihm bewusst geworden, wie aussergewöhnlich seine Situation ist: «Es ist eigentlich eine sehr seltsame Familiensaga, dass ein Spross der Familie wieder in das Land zurückkehrt, aus dem seine Vorfahren vertrieben wurden, um dort die jüdische Kultur weiterzuführen, die 1933 zerstört wurde.» Und letztlich ist es wahrscheinlich sein künstlerisches Credo, das Levy weitaus enger mit seiner Figur Seliger verbindet als sein Judentum: «Ich liebe Kino über alles, ein Film kann etwas bewirken, er kann die Dinge aufwirbeln.»   
«Das Leben ist zu lang» ist seit 2. September in Schweizer Kinos zu sehen.



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