Horrorszenen ohne Autor und Namen
Für Andreas Lauble, Archivar der Stadt Lörrach, beginnt ein neuer Zeitabschnitt. Und mit ihm für einen ganzen Berufsstand der Republik, der im Stillen und in dunklen Kellern lichtempfindliche Zeugnisse der Geschichte einlagert und teilweise auch katalogisiert. Den Überblick nicht zu verlieren sei schon mal das Wichtigste, sagt Lauble humorvoll. Denn in sein Reich, das vom Soussol im Hochhaus des Lörracher Rathauses bis in den Keller reicht, kommt so ziemlich alles in Kartons, was das Leben der Stadt dokumentiert – von Regierungsprotokollen über Grundstückseinträge bis hin zu Nachlässen. Die Bearbeitung der Dokumente gleicht einer Sisyphusarbeit, deren Wahrnehmungsgrad in der Öffentlichkeit gering ist.
Eine Serie von zwei Dutzend Schwarzweissaufnahmen aus dem Jahr 1940 sorgt nun für eine bedrückende Stimmung in Laubles Katakomben. Es sind beklemmende und bestürzende Szenen vom Abtransport der letzten registrierten Juden aus Lörrach. Am 22. Oktober 1940 wurden in ganz Baden aus nicht weniger als 138 Dörfern und Städten mehr als 5600 jüdische Menschen deportiert. Die Fotos aus Lörrach sind – abgesehen von nur zehn weiteren Aufnahmen im ganzen badischen Landstrich – eine absolute Rarität.
Neue Quellenlage
Zum 70. Jahrestag der Deportationen soll nun eine Ausstellung im örtlichen Museum am Burghof unter anderem Licht in die Frage bringen, wer diese Aufnahmen gemacht hat und wer die abgebildeten
Opfer sind. Dies eröffnet eine ganz neue Qualität innerhalb der deutschen Geschichtsforschung, was die Quellen betrifft. Bis anhin galt als einzig glaubwürdiges Zeugnis mehr oder weniger die schriftliche Überlieferung. So wird etwa in der 1996 erschienen «Quellenkunde zur deutschen Geschichte der Neuzeit» für die Zeit des Nationalsozialismus von Herausgeber Winfried Baumgart noch verkündet: «Der Begriff der historischen Quelle bleibt auf die schriftliche Überlieferung eingegrenzt, die für die Geschichte der Neuzeit mit Abstand am wichtigsten ist.»
Die Hamburger Wanderausstellung «Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht», die zwischen November 2001 und März 2004 an elf Orten in Deutschland sowie in Wien und Luxemburg gezeigt wurde und von über 420 000 Menschen besucht wurde, hat jedoch einen medialen Sturm ausgelöst, der die Quellenforschung der deutschen Historiker ins Wanken brachte. Der Grund war die überwiegend appelativ gebrauchte Verwendung von historischem Bildmaterial, die zu oft zu Ungunsten solider Quellenkritik ging. «Man behauptet sicher nichts Falsches, wenn man in der Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung einen Wendepunkt für die Beschäftigung der Historikerinnen und Historiker mit historischen Fotoaufnahmen sieht, zumindest was den deutschsprachigen Bereich angeht», hält der Freiburger Forscher Uwe Schellinger fest.
Seit den heftigen Diskussionen um die in der Wehrmacht-Ausstellung gezeigten Bilder, seit der Debatte um die falsche Einordnung einiger weniger Fotos sowie die fragwürdige illustrative Verwendung einiger anderer ist nichts mehr, wie es vorher war. «Verbindliche, allgemein anerkannte und angewandte Methoden der Quellenkritik von Fotografien fehlen noch immer», musste auch eine zur nachträglichen Überprüfung durch eine von Jan Philipp Reemtsmaa eingesetzte Kommission feststellen.
Die Frage nach der Provenienz
Drei unverzichtbare Parameter müssten bei einem kritischen Umgang mit Fotomaterial berücksichtigt werden. Wie gestaltet sich die Überlieferung von fotografischem Material in den Archiven? In welcher Weise werden diese Quellen der Forschung zugänglich gemacht? Hier kommt die Kommission zu einem eher ernüchternden Ergebnis. Zu sehr überwiegt in den Archiven eine rein sachthematische Ordnung von Fotos oder Positivabzügen, die meist als Sammlungsgut bewertet werden. Bei dieser Praxis wird oft nicht beachtet, ob es sich ursprünglich um Fotoserien oder um Einzelfotos handelt. Weiterhin fehlen oft weiterführende Hinweise auf Fotografen, Provenienz, anderweitige Überlieferungen oder Angaben zur Beschaffenheit eines Fotoabzugs. Eigene Recherchen des Benutzers sind somit eigentlich unerlässlich.
Einen zweiten wichtigen Parameter bilden, wenn überhaupt vorhanden, die Bildbeschriftungen oder Bildlegenden. Diese können weiterhelfen, aber ebenso sehr in die Irre führen. Es wäre jeweils festzustellen, ob es sich um zeitgenössische oder um nachträglich ergänzte Beschriftungen handelt und von wem die Bildbeschriftungen vorgenommen wurden. Oder aber auch, ob es vielleicht widersprüchliche Angaben auf verschiedenen Abzügen gibt.
Drittens ist die Materialität fotografischer Quellen von immenser Bedeutung. Das bedeutet: Hat man es mit einem Originalabzug zu tun, oder liegt ein viel später erstellter Abzug oder gar eine Reproduktion vor? Liegen vielleicht die originalen Negativstreifen vor? Nur dann kann man auch feststellen, ob etwa eine Bilderserie überliefert ist. Kann man herausfinden, ob Manipulationen, etwa durch Beschneiden oder Vergrößern oder Verkleinern vorgenommen wurden?
Zeitzeugen gesucht
Zudem sollte, wenn möglich, immer eine ergänzende Forschung zum Kontext der Bilder auf der Basis anderweitiger Quellenformen erfolgen, fügt Schellinger hinzu. Im Vorfeld der Lörracher Ausstellung im Oktober erarbeitet jetzt unter anderem Jan Stoll von der Universität Freiburg (Deutschland) im Auftrag der Stadt Lörrach zu den Deportationsfotos eine Universitätsabschlussarbeit. Sie ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts zur Geschichte des Nationalsozialismus in Lörrach. Stoll will herausfinden, in wieweit eine neue, verbesserte Quellenforschung über die namenlosen Fotos zu einer historischen Vertiefung der Ereignisse führen könnte. Dazu könnten auch allfällige Zeitzeugen in aller Welt beitragen. Aus diesem Grund bittet die Stadt Lörrach schon jetzt und vor der Ausstellung um die Mithilfe und Unterstützung.


