Von «Tätern» und «Bösewichten»
Kurt Imhof, Leiter der Studie «Qualität der Medien», sagt: «Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann dürfen sie sich keinen schwachen Journalismus leisten». Das Ergebnis der Studie ist wenig erfreulich: Die Zunahme qualitätsschwacher Gratismedien gefährdet die publizistische Grundversorgung, die für die politische Diskussion unerlässlich ist. Wenig reflektiert ist die Berichterstattung über Minderheiten. Die Medienfreiheit führt zu wohl informierten Bürgerinnen und Bürgern, die im Wissen um die Konsequenzen an den demokratischen Auseinandersetzungen teilnehmen. Dies ist eines der zentralen Postulate der Aufklärung und eines demokratischen Staatswesen, ebenso wie der Grundsatz, dass alle Menschen gleich und frei an Rechten geboren werden. Minderheiten – wie beispielsweise die Juden – erreichten in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution – wenn auch mit schmerzhaften Rückschlägen – in einem laizistischen Staat Emanzipation und Anerkennung. Auch in der Schweiz. Nun aber haben die Schweizer Stimmenden im vergangenen November das Minarett-Verbot mehrheitlich angenommen. Wohl auch wegen der Berichterstattung der Schweizer Medien. In der vergangenen Woche wurde das Jahrbuch «Qualität der Medien» des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (FöG) vorgestellt. Es stellt fest, dass die Befürworter der Initiative rund drei Viertel der Medienaufmerksamkeit im Abstimmungskampf erreichten. Damit hätten sich die «Mehrheitsverhältnisse zwischen Gegnern und Befürwortern der Vorlage im Parlament» umgekehrt. Die Studienverfasser lassen unerwähnt, dass die Gegner des Minarett-Verbots keine eigentliche Kampagne führten. Nicht zum ersten Mal bei Abstimmungen um Menschenrechtsfragen gaben die Parteien zwar eine Parole heraus, verzichteten jedoch auf deren Verbreitung und Vertiefung durch einen Abstimmungskampf.
Negativ besetzte Typisierungen
Die Gegner des Minarett-Verbots kämpften allerdings von Beginn an gegen den medialen Wind. Gratis- und Boulevardmedien bevorzugen die personenzentrierte Berichterstattung, sie sehen grösseren Nachrichtenwert in Verstössen gegen den politischen Anstand und bevorzugen die Darstellung von Stil-Fragen und Skandälchen. Von grösserer Bedeutung aber ist: Seit vielen Jahren ist die Berichterstattung über Muslime von negativ besetzten Typisierungen geprägt. Vor dem Hintergrund des weltweiten Feldzuges gegen islamistische Organisationen und Strömungen übertragen die Medien die negativen Zuschreibungen auch auf die Schweizer Muslime. Der Befund ist nicht neu: Zu diesem Ergebnis kam bereits eine 2004 veröffentlichte Untersuchung des FöG. Sie verglich die unterschiedliche Darstellung von jüdischen und muslimischen Akteuren vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern. Von Juden vermitteln die untersuchten Medien «über weite Strecken ein positives, das heisst Empathie förderndes Bild». Häufig würden Juden «in einer Opferrolle» dargestellt, «sei es in einer historisch gewachsenen als bedrohte und verfolgte Minderheit, sei es durch aktuelle Bedrohungen – insbesondere durch Terroranschläge». Anders das Ergebnis über die «muslimischen Akteure». Sie werden vorwiegend als «Täter, aggressiv oder Konflikt(e) fördernd» dargestellt. Zwar werde die Täter-Typisierung insofern relativiert, als sie in den meisten Fällen auf «Islamisten» oder auf «muslimische Fundamentalisten» und damit nicht am Kollektiv der Muslime festgemacht werde. «Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Täter-Typisierung für das Image des Islam beziehungsweise der Muslime hoch problematisch bleibt, denn die Bezeichnung ‹Islamist› wird direkt mit dem Islam als Religion in Verbindung gebracht und ist in der Berichterstattung praktisch ausnahmslos negativ besetzt.»
Eine gesellschaftliche Strömung
Zu einem ähnlichen Resultat kommt auch eine Untersuchung, die im Rahmen eines Nationalfondsprojekts dem Verhältnis von Journalisten und Religion nachging. Sie stellt fest, dass «nicht-christliche Religionen» weniger als Religion denn als «politische Organisationen und Akteure» wahrgenommen werden. Religionen haben insgesamt keine gute Presse, doch besonders mit negativen Attributen dargestellt werden «nicht christliche Religionen, Juden und Buddhisten zwar meist als Opfer». Als Täter erscheinen hingegen die Muslime: «Muslime generell und Schiiten im Speziellen» werden «als Auslöser oder Mitschuldige» negativer Ereignisse gezeigt und folglich als «Bösewichte». Die Zustimmung zur Minarett-Verbots-Initiative erscheint somit nicht mehr als Überraschung, sondern als Konsequenz einer gesellschaftlichen Grundströmung, die von Medien aufgenommen und bestärkt wird.
Angebot an Klatsch und Tratsch
Insgesamt zieht das Jahrbuch ein ernüchterndes Fazit: In allen Mediengattungen wächst das Angebot an Klatsch und Tratsch. Es drängt die Berichterstattung über Politik, Kultur und Wirtschaft zurück. Damit verbunden ist eine Personalisierung und «Eventisierung» der Berichterstattung, speziell bei Boulevard- und Gratismedien. Über das Ausland wird – trotz zunehmender internationaler Verflechtungen – weniger berichtet. Gratiszeitungen und Gratisangebote im Internet senken das Bewusstsein, dass Qualität kostet. Der Einbruch bei den Werbeeinnahmen wie – wenn auch nicht im gleichen Umfang – der Abonnentenerträge erschwert die Finanzierung redaktioneller Leistungen wie Recherche und Einordnung. Allerdings gibt es auch markante Unterschiede, die öffentlich-rechtlichen Medien (vor allem das Radio, weniger das Fernsehen) leisten einen beachtlichen Beitrag für die notwendige politische Diskussion unter Bürgerinnen und Bürgern.
Aber auch die Aufklärung hat ihre Tabus, zumindest wenn sie von universitär besoldeten Professoren betrieben wird, die durch Spenden bei Privatfirmen und -Personen dringend benötigte Forschungsgelder locken machen müssen. Nicht verdeutlichen wollte Kurt Imhof sein Plädoyer für die Unterstützung der Medien «auf der Basis von Qualitätsstandards». Dabei ist der Gedanke naheliegend: wenn privatwirtschaftlich betriebene Medien die staatspolitisch notwendige Qualität nicht mehr erreichen, dann müssen gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Unternehmen die Grundversorgung übernehmen, auch bei den Zeitungen.


