Zentrale Ziele nicht erreicht
Heute, fünf Jahre nach dem unfreiwilligen Abzug der gut 9000 Einwohner der 21 jüdischen Siedlungen im Gazastreifen, erfreut sich das ganz auf Nostalgie und Ideologie eingestellte Katif-Museum eines regen Zuspruchs, vor allem von Sympathisanten, die meistens gleich im Familienverbund anrücken, aber auch von Gleichgesinnten aus dem Ausland. Fotografien und audiovisuelle Darstellungen bringen sie zurück in die Zeit des 17. August 2005, als rund 14 000 israelische Soldaten und Polizisten mit der Evakuierung der Siedler begannen. Mit dem Abzug des letzten Uniformierten am 12. September war die permanente israelische Präsenz im Gazastreifen beendet.
Ehemalige Gaza-Siedler sieht man im Katif-Museum weniger. Sie können sich nämlich den Luxus der Tagträumerei und des ständigen Geredes von der «Rückkehr der Enkel» nach Ganei Tal, Netzer Hazani, Neve Dekalim oder wie die im August 2005 geräumten und dann von den IDF-Soldaten dem Erdboden gleichgemachten Siedlungen geheissen haben mögen (38 Synagogen wurden von den nachrückenden Palästinensern zerstört) immer weniger leisten. Die Fakten sprechen eine ebenso klare wie harte Sprache: Fünf Jahre nach der Räumung sind immer noch 70 Prozent der ehemaligen Gaza-Siedler arbeitslos, verglichen mit einer Arbeitslosigkeit von vier bis fünf Prozent im Gush Katif vor dem Abzug und von heute rund sieben bis acht Prozent landesweit in Israel. Die Landwirtschaft, das wirtschaftliche Paradepferd des Siedlungsblocks, ist ebenfalls arg unter die Räder gekommen, konnten sich doch nur zehn Prozent der Katif-Bauern dazu aufraffen, an ihren neuen Wohnorten im angestammten Beruf weiterzuarbeiten. «Früher sahen sie von den Wohnzimmerfenstern auf ihre Felder und Haine», meinte unsere Reiseführerin Debby, die selber 24 Jahre im Katif-Block gelebt und ihre Kinder dort grosszogen hat. «Jetzt betreiben sie, wenns hochkommt, Kleider- oder Spielzeuggeschäfte oder eine Pizzeria.»
Langwierige Startprobleme
Langsam, für die direkt Beteiligten wahrscheinlich viel zu langsam, ändert sich aber die Stimmung unter den ehemaligen Siedlern. Debby etwa nimmt kein Blatt vor den Mund und wirft den Rabbinern der Siedlerbewegung «schreckliche Fehler» vor, weil sie ihre Gefolgschaft bewusst nicht mit der Möglichkeit vertraut gemacht haben, die Zelte abbrechen und irgendwo anders wieder aufstellen zu müssen. «Wir haben uns nicht vorbereitet, weil wir es nicht wollten», erklärt Debby. Einer, der sich auch nicht vorbereiten wollte, ist der 61-jährige Shlomo Wassertheil, der vor dem Rückzug aus Ganei Tal, wo er seit 1977 wohnte, vor allem Geranien gezüchtet und pro Jahr drei bis fünf Millionen Setzlinge in alle Welt verkauft hat. «Die Regierung konnte unseren Geist nicht brechen», meinte er. Das mag stimmen, doch faktisch hat Wassertheil aufgehört, landwirtschaftlich tätig zu sein. Stattdessen erzählt er jedem, der es hören will, im Katif-Museum seine Geschichte und lässt sich vor Fotografien seiner ehemaligen Farm ablichten.
Mehr an die Zukunft denkt man offenbar in der neu entstehenden Ortschaft Nitzan zwischen Ashdod und Ashkelon. Im Endstadium sollen dort über 500 Familien aus den ehemaligen Gaza-Siedlungen, vorwiegend aus Neve Dekalim, wohnen. Nach langwierigen Startproblemen, für die vor allem das nationale Übel Bürokratie, aber auch mangelnde Führungsqualitäten verantwortlich waren, schreitet nun die Bauarbeit zügig voran, und in den letzten Monaten haben 40 Familien ihre permanente Behausung bezogen. Wenn die Bauarbeiten in drei bis fünf Jahren beendet sein dürften, werden aber immer noch rund 150 Familien in Mobilheimen wohnen, weil sie bis dahin die vom Staat entrichteten Kompensationsgelder bereits ausgegeben haben und nicht mehr in der Lage sein werden, sich den Bau eines Eigenheims zu leisten. Bauunternehmer und finanziell besser gestellte Familien haben aber offenbar den Wert des Bodens in Nitzan schon längst entdeckt. Konnte man vor fünf Jahren eine Parzelle von 500 Quadratmetern noch für 30 000 bis 40 000 Dollar erwerben, kostet das gleiche Grundstück heute bereits 120 000 Dollar.
Einen Beitrag leisten
Für die aus Paris stammende Lawrence war der Aufenthalt in Gush Katif ein Möglichkeit, mit der «wir unserer Entschlossenheit zeigen konnten, etwas für den Staat zu tun». Die Frau hatte bereits kurz nach der Räumung damit angefangen, in einer Organisation zu arbeiten, die sich für das Recht der «vertriebenen Siedler» einsetzte, genau das ersetzt zu bekommen, was sie im August 2005 gezwungenermassen aufgeben mussten. Sie berichtet, wie die Menschen mit dem Gefühl konfrontiert waren, ihre Zugehörigkeit verloren zu haben. «Das setzte die Familien, das Bildungswesen, aber auch die Ehepaare und die Armee einem gewaltigen Druck aus. Für jemanden, der gezwungen wird, etwas zu tun, wird alles viel schwieriger.» Lawrence weist darauf hin, dass bis heute erst knapp 160 der total 1800 evakuierten Familien in permanenten Heimen lebten. «Wir möchten wieder produktive Mitglieder des Staates und in der Lage sein, unseren Beitrag zu leisten.» Die Führung müsse endlich einsehen, dass der Staat ohne Land selber gefährdet sei. Trotz allem Schmerz und ungeachtet der Frustration, die Lawrence heute noch empfindet, denkt sie realistisch: «Wir sind überzeugt, dass der Gush Katif und die anderen Orte zu Israel gehören, doch gleicht diese Überzeugung einem Traum für eine ferne Zukunft.» Der Geist von Gush Katif könne auch ohne die physische Präsenz im Gazastreifen überleben.
Träume und Wirklichkeit
Eine drastische Metamorphose hat Rachel Sapperstein durchgemacht. Als wir die agile 70-jährige Frau kurz vor der Räumung in ihrer Villa am Meeresstrand von Neve Dekalim besuchten, meinte sie kampfeslustig, wenn sie ihren Wohnort «Gott behüte» je verlassen müsste, käme für sie als neue Bleibe nur Kiryat Arba bei Hebron in der Westbank in Frage. Doch heute hat sie ganz andere Pläne: «Ich will in der innerhalb der grünen Linie liegenden Lachish-Region zwischen den Hebron-Bergen und der Küstenebene die Ortschaft Bne Dekalim (sinngemäss «die Kinder von Neve Dekalim») für 500 Familien errichten. Die Gegend braucht dringend mehr jüdische Bevölkerung, und die wollen wir ihr bringen, verbunden mit Ökologie und Tourismus.» Rachel denkt unter anderem an die Errichtung eines Spa-Hotels. Sie hofft, in drei Jahren würde Bene Dekalim zur Realität werden.
Fünf Jahre nach dem Rückzug aus dem Gazastreifen haben sich für Israel weder die Sicherheitslage und schon gar nicht die Position des Landes in der internationalen Szene wesentlich verbessert, obwohl diese beiden Punkte von Ariel Sharon angesichts des «Fehlens politischer Verhandlungen» doch zu zentralen Zielen des einseitigen Vorgehens erhoben worden waren. Und nach wie vor sprechen die ehemaligen Gaza-Siedler von den Palästinensern nur im Zusammenhang mit Terrorismus und Raketenangriffen. Der Weg bis zur wirklichen Verständigung der beiden Völker ist lang und holprig und bleibt vielleicht sogar unmöglich.


