Kampf um Identität der USA
Die Debatte um den Bau des muslimischen Gemeindezentrums Cordoba House nördlich von Ground Zero in Manhattan zieht auch in der jüdischen Gemeinschaft der USA immer weitere Kreise. Nachdem die Anti-Defamation League (ADL) das Projekt zunächst begrüsst hatte, änderte ADL-Direktor Abe Foxman kurz darauf seine Position und rief den Betreibern zu: «Tut es nicht!» Foxman zufolge verletzt das Vorhaben die Gefühle der Angehörigen der Opfer von «9/11». Zudem verglich er das Projekt mit dem nahe der Auschwitz-Gedenkstätte geplanten katholischen Konvent, der nach starken internationalen Protesten nicht gebaut wurde. Allerdings konnte Foxman bislang keine konkreten Angaben über das Ausmass des Widerstandes der betroffenen Familien von «9/11» gegen die Moschee am Ground Zero machen. Da es eine ganze Reihe deratiger Verbände gibt, ist dies auch kaum zu klären – Angehörigen-Vereine finden sich inzwischen auf beiden Seiten der Debatte.
Ein Sturm von Protesten
Inzwischen haben sich mit dem Jewish Community Relations Council of New York und dem American Jewish Committee (AJC) zwei bedeutende jüdische Organisationen hinter das Cordoba House gestellt. AJC-Direktor David Harris hat die Betreiber jedoch aufgefordert, sich unmissverständlich «von dem Terrorismus zu distanzieren, der von der islamistischen Ideologie inspiriert wird». Rabbiner David Rosen, der AJC-Direktor für internationale und interreligiöse Beziehungen, nannte Imam Rauf indes eine der konstruktivsten Kräfte des Islam in den USA und weltweit: «Ich halte ihn für einen sehr fairen Mann und eine muslimische Stimme, die wir ermutigen und stärken sollten.»
Foxmans Kurswechsel hat einen Proteststurm ausgelöst. Der prominente Autor und Kommentator Fareed Zakaria hat der ADL den Preis zurückgegeben, den er 2005 aufgrund seines «Engagements für die Meinungs- und Religionsfreiheit» erhalten hat. Zakaria wirft der ADL nun Bigotterie und den Verstoss gegen ihre Mission vor, nämlich «der ungerechten und unfairen Diskriminierung und Verhöhnung jeder Sekte oder bürgerlichen Vereinigung für immer und ewig ein Ende zu bereiten». Prominente jüdische Kolumnisten wie Tom Friedman, Joe Klein und der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman nannten die Haltung der ADL beschämend und warfen Foxman vor, sich auf die Seite der Intoleranz gestellt zu haben.
Die Idee des «amerikanischen Islam»
In den vergangenen Jahrzehnten hatten weder die ADL noch das AJC oder andere jüdische Verbände Konflikte mit dem Urheber des Cordoba-Projekts, Imam Feisal Abdul Rauf. Dieser steht seit 27 Jahren einer Moschee im Süden Manhattans vor, wird in New York seit Langem von christlichen Geistlichen, aber auch von bekannten Rabbinern wie Arthur Schneier als Partner im interreligiösen Dialog geschätzt. Rauf hat die Idee eines «amerikanischen Islam» entwickelt, der westliche Werte eingliedert und Amerika als Modell einer offenen, multireligiösen Gesellschaft begreift. Allerdings hat der Imam kurz nach «9/11» erklärt, die USA hätten die Angriffe zwar «nicht verdient», seien aber für den «Tod vieler Unschuldiger in der Welt» verantwortlich. Daher sei Osama bin Laden «im direktesten Sinn ein Produkt der USA». Der Imam will sich zudem nicht von der palästinensischen Hamas distanzieren. Rauf hat jedoch wiederholt Gewalt und Terror grundsätzlich verurteilt. Bislang haben der Imam und der ägyptisch-amerikanische Immobilienunternehmer Sharif El-Gamal auch nicht erklärt, wer die 100 Millionen Dollar für den Bau des Gemeindezentrums aufbringen soll. Kritiker unterstellen Rauf deshalb, Strohmann für saudische Islamisten oder die fundamentalistischen Muslimbrüder zu sein.
Grundsätzliche Fragen
Im Zentrum des Streits steht ein seit den Anschlägen von «9/11» leer stehendes Gebäudes am Park Place, 180 Meter nördlich von Ground Zero. Die zuständigen Behörden haben jüngst den Abriss der Immobilie erlaubt. Das Cordoba House orientiert sich an dem goldenen Zeitalter der muslimischen Herrschaft in Spanien und soll eine «Plattform für Toleranz und interreligiösen Dialog» mit einem Vorstand aus Mitgliedern verschiedener Religionen werden. Kritik kam zunächst von republikanischen Lokalpolitikern. Doch seit einigen Wochen haben sich führende Konservative das Thema zu eigen gemacht. So bezeichnete der ehemalige Fraktionsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus Newt Gingrich das Vorhaben als Speerspitze des «islamistischen Angriffs auf unsere Zivilisation». Nun hat das christlich-fundamentalistische American Center for Law and Justice Klage gegen das Cordoba House erhoben. Die Gegner des Projekts sprechen zudem ständig von einer Moschee, obwohl das Cordoba House Gemeindezentren wie dem jüdischen 92nd Street Y an der Upper East Side nacheifert, das längst zu einem beliebten Treffpunkt von New Yorkern jeder Herkunft geworden ist. Das Cordoba House soll auf 13 Stockwerken neben einem Gebetssaal für bis zu 2000 Muslime Fitness-Einrichtungen, ein Restaurant, Galerien und Veranstaltungsräume bieten.
Die Debatte um das Cordoba House wirft eine Reihe grundsätzlicher Fragen auf. Jüdische Organsationen müssen entscheiden, wie sich die vom israelischen Premier Binyamin Netanyahu etwa bei seinem jüngsten New-York-Besuch (tachles berichtete) propagierte Vision eines unüberbrückbaren Konflikts zwischen der muslimischen Welt und dem «Westen» zu ihrem traditionellen Engagement für Toleranz und Meinungsfreiheit in den USA verhält. Wie der aus Ägypten stammende New Yorker Akademiker und Autor Moustafa Bayoumi gegenüber tachles erklärte, laufen in den USA etliche Kampagnen gegen Muslime, den Koran und den Bau islamischer Zentren und Gebetshäuser. Die ADL und andere jüdische Organisationen werden daher ständig gefordert sein, Position zu beziehen.
Ein Glaubenskrieg?
In der laufenden Debatte befindet sich die ADL indes auf der Seite von Kräften, die traditionell wenig mit der liberalen Haltung des amerikanischen Judentums gemein haben. Die Angriffe der Republikaner auf das Cordoba House sind einem gefährlichen politischen Opportunismus geschuldet: Tatsächlich lehnen die meisten Amerikaner das Projekt ab. Konservative Kräfte nutzen dies aus, um eine Mentalität zu schüren, die auch in der nun erneut aufflammenden Immigrationsdebatte greifbar wird. Obwohl die Zahl der illegalen Einwanderer dank der Rezes-sion stark abgenommen hat, weckt die anhaltend schlechte Wirtschaftslage Existenzängste, die in Misstrauen allen «Fremden» gegenüber Ausdruck findet – ob sie nun Indios aus dem Hochland von Guatemala oder Amerikaner muslimischen Glaubens sind. Daher warnt nicht nur Bayoumi vor einer blinden Feindseligkeit Muslimen gegenüber: Dies würde Osama bin Laden in die Hände spielen, der mit den Attacken von «9/11» einen Glaubenskrieg zwischen der muslimischen Welt und dem Westen auslösen wollte.


