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13. August 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 32 Ausgabe: Nr. 32 » August 16, 2010

Flüchtige Eindrücke

Von Sabine Pfennig-Engel, August 16, 2010
Im Jüdischen Museum Berlin ist noch bis zum 10. Oktober eine Ausstellung über den kulturellen Beitrag von Juden zum Gesellschaftsleben von Argentinien zu sehen. Die gezeigten Installationen stehen im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse im kommenden Oktober, an der das Land Argentinien Ehrengast sein wird.
BÜCHERINSTALLATION Buchcover stehen im Mittelpunkt der Ausstellung «Jüdisches Leben in Argentinien»

Innerhalb der Ausstellung «Jüdisches Leben in Argentinien. Beiträge zum 200-jährigen Jubiläum» im Jüdischen Museum Berlin stehen – in Verbindung zur Frankfurter Buchmesse – Bücher im Mittelpunkt. Es sind allerdings nur Bücher ohne Inhalte oder beschriftete Buchklappen zu sehen. Bücherinstallationen, in Anlehnung an eine Erinnerungskunst, deren Originale wie die Stolpersteine oder Micha Ullmans Mahnmal zur Bücherverbrennung in Berlin-Mitte weitaus überzeugender wirken, werden dem Besucher präsentiert. Auf fünf Podesten sind 200 Bücher mit 200 Biografien von argentinischen jüdischen Persönlichkeiten wie zum Beispiel von Komponist Daniel Barenboim gestapelt. Die Bücher aber haben keinen Inhalt. Die ausgestellten Bücher stehen also im Gegensatz zum Medium Buch als Informations- oder Unterhaltungsquelle. Mit Hilfe chronologisch gelisteter historisch-kultureller Daten wird versucht, die Besucher nicht ganz ratlos zu lassen. Auf einem Pfad der Erinnerung wird ferner der Verschwundenen der argentinischen Militärdiktaturen und der Opfer des Anschlags von 1994 auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires, bei dem 85 Menschen starben, gedacht.

Nicht mehr als kurze Einblicke

Die 25 Spielfilme, die an fünf Monitoren abgespielt werden, geben nur kurze Einblicke in Einzelschicksale und Geschichten von Juden in Argentinien. Den meisten sind noch die furchtbaren Anschläge 1992 auf die israelische Botschaft gegenwärtig und der Anschlag aus dem Jahr 1994. Viele Juden verliessen Argentinien in den neunziger Jahren. Die über 100-jährige Geschichte der Juden in Argentinien ist geprägt von den politischen Verhältnissen zwischen Militärdiktaturen, importierten Ideologien, Antisemitismus, aber auch von Erfolgsgeschichten, mittlerem Wohlstand und kultureller Blüte. Diese Geschichten erzählt die Ausstellung aber bedauerlicherweise nicht.

Argentinien als Exil

So hätten die Besucher gerne mehr erfahren vom Leben der Juden, die Ende des 19. Jahrhunderts einwanderten, und über die Juden aus Osteuropa, die im Zuge der Pogrom-Wellen in den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts nach Argentinien strömten. Später, in den dreissiger Jahren, flüchteten Juden dem nationalsozialistischen Deutschland nach Argentinien. Das Land bot nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Nazischergen Unterschlupf. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die spektakuläre Verhaftung Adolf Eichmanns durch den Mossad. Militärdiktaturen mit starker antisemitischer Prägung, Hetze und Verfolgung von vermeintlichen Regimekritikern prägten Argentinien. Der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes in den neunziger Jahren trieb viele Juden in die Verarmung und in die Emigration. Viele Mosaiksteine dieser Geschichte wären es wert, gezeigt zu werden. Vielleicht in einer nächsten Ausstellung.

www.jmberlin.de





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