Geschichte greifbar machen
Pädagogen, welche die Holocaust-Geschichte unterrichten, sind jedes Jahr mit der gleichen Herausforderung konfrontiert: Wie kann man das Interesse junger Studenten an einer der grössten Tragödien der Geschichte wecken, die bereits über 65 Jahre zurückliegt? Früher gab es eine ganz direkte, einfache Formel. Nina Sasportas vom Jüdischen Gymnasium in Berlin umschrieb es so: «Man zeigt den Kindern schreckliche Fotografien, erschreckt sie, und dann traumatisiert man sie.» Als Resultat würden viele Menschen entweder die Erinnerung ausblocken oder sich erschöpft geben, wenn es um das Thema Holocaust geht. «Das gilt gleichermassen für jüdische wie nicht jüdische Kinder.»
Lebensgeschichten dokumentieren
In den vergangenen Jahren sind einige Lehrer allerdings dazu übergegangen, Geschichten von Einzelpersonen zu lehren. «Man benutzt Familienbilder und konzentriert sich auf das Familienerlebnis, auf die Zeiten vor dem Krieg, während des Krieges und nach Kriegsende», sagt Sasportas. Zu den Kreisen, welche diese Methode benutzen, gehört die in Wien domizilierte nicht gewinnorientierte Organisation Centropa, die über 250 000 digitalisierte Fotos und 1300 mündliche Geschichten über das jüdische Leben in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg und danach gesammelt hat. Das Material beleuchtet das Leben, das Juden in Osteuropa und auf dem Balkan geführt haben, und es zeigt, wie diese Leben ausgelöscht worden sind. Mit dieser Methode wird über jüdisches Leben vor dem Krieg berichtet, und nicht nur über die Erfahrungen dieser Menschen in den Konzentrationslagern. Die Menschen gingen zur Synagoge, heirateten, betrieben Sport, waren gesellschaftlich aktiv. Fotografien und Interviews dokumentieren all das.
Das Material der Centropa, einschliesslich Ausstellungen und Unterrichtsplänen, steht Lehrern unentgeltlich zur Verfügung. Auf diese Weise erhält man über persönliche Geschichten einen Einblick in das Leben jüdischer Gemeinden in Europa. Lior Sibony, ein israelischer Lehrer vom Hebräischen Gymnasium in Herzlia, sagt: «Studierende würdigen so viel mehr das, was verloren ging, und sehen die Vielfältigkeit des jüdischen Lebens in Zentral- und Osteuropa.»
Historische Stätten besuchen
Vor einigen Wochen organisierte Centropa ein neuntägiges Seminar für Lehrer, das den Wandel im Holocaust-Unterricht unterstrich. 75 Lehrer aus zwölf Ländern besuchten Prag, Budapest und Wien. Sie besichtigten jüdische Wohnviertel, unterhielten sich mit Regierungsangehörigen und trafen Repräsentanten von jüdischen Institutionen. Schwerpunkt des Seminars war aber, wie im Unterricht über den Holocaust gesprochen werden sollte. «Lehrer haben so wenig Zeit für Brainstorming, und diese Reise gestattete uns, dies zu tun», sagte Sasportas in Prag. «Die Stätten zu besuchen, über die wir unterrichten, gibt uns ganz andere Möglichkeiten, uns mit dem Material zu befassen.» Das galt ganz besonders für amerikanische Lehrer, wie Nick Holton aus Los Angeles, ein Nichtjude, der an der Milken Community High School unterrichtet. Ihm ging es vor allem darum, dass er, wie er sagte, «erschrocken» war, als er in einem Klassenimmer voller jüdischer Kinder über den Holocaust unterrichten sollte. Zum ersten Mal besuchte Holton auf der Reise ein ehemaliges KZ. Der Gang nach Theresienstadt ausserhalb von Prag war ein «schrecklich ernüchterndes Erlebnis, das mich in meinem Willen bestärkte, das Fach zu unterrichten».
Interaktives Lernen
Zu den wertvollsten Aspekten bei Centropa gehört nach der Ansicht von Lehrern die Tatsache, dass Schüler aus aller Welt via Internet zusammenarbeiten und Material austauschen können. «Das wird der Tatsache gerecht, dass verschiedene Menschen Informationen unterschiedlich verarbeiten», sagte Holton. «Studenten aus aller Herren Länder haben so die Möglichkeit der Interaktion.»


