logo
23. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 29 Ausgabe: Nr. 29 » July 22, 2010

Ein Exempel der friedvollen Koexistenz

von Daniel Zuber, July 22, 2010
Der Nahost-Konflikt, Berichte über Attentate, Holocaust-Leugner und andere Formen von Ignoranz und Hass kennzeichnen das Bild, welches die Medien heute von der Beziehung zwischen Judentum und Islam vermitteln. Dieses Bild entspricht jedoch längst nicht überall der gelebten Realität.
LAG BAOMER Pilger vor der Synagoge La Ghriba bei einem traditionellen Umzug an Lag Baomer

Auf der kleinen tunesischen Mittelmeerinsel Djerba finden sich jedes Jahr zahlreiche Pilger ein, um einer einzigartigen Prozession beizuwohnen. In der legendären Synagoge La Ghriba, welche eine der ältesten Thora-Rollen der Welt beherbergt, wird Lag Baomer mit einem besonderen sephardischen Fest zelebriert. Dieses Jahr pilgerten etwa 5000 Gläubige aus aller Welt zu der sagenumwobenen Synagoge, welche der Legende nach auf einem Stein aus Salomons Tempel errichtet worden ist.

Unter Muslimen

La Ghriba liegt in einem Land, das zu 98 Prozent von Muslimen bewohnt wird. Präsident Ben Ali hat den Beitrag der Juden zur Geschichte des Landes bereits 1997 anerkannt, Juden und Muslime Leben in nachbarschaftlicher Beziehung, haben ihre Geschäfte nebeneinander und schicken ihre Kinder in die gleiche Schule. So besuchen jüdische und muslimische Kinder von 6 bis 15 Jahren die Primarschule Essouani im jüdischen Viertel Hara Kebira. Der Unterricht ist speziell auf die religiösen Bedürfnisse beider Volksgruppen zugeschnitten. «Am Samstag werden keine Tests geschrieben, so dass die jüdischen Kinder Schabbat feiern können», erzählt Neji Omrani, welcher seit 1979 an der Schule unterrichtet. Der Lehrer ist praktizierender Muslim. «Wir behandeln alle Schüler gleich, die Religion spielt keine Rolle. In erster Linie sind wir alle aus Djerba», betont er. Trotzdem belastet der Nahost-Konflikt auch hier die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden: «Wir versuchen, das Thema in unserer Schule zu vermeiden, eine Lösung des Konflikts würde jedoch auch uns gut tun», so Omrani. Der Präsident der jüdischen Gemeinde auf Djerba, Youssef Wazan, bekräftigt diese Aussagen: «Wir haben mehr mit unseren muslimischen Nachbarn gemein als mit vielen ausländischen Pilgern», sagt er.

Kreuzung der Kulturen

Berber, Phönizier, Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Normannen, Spanier, Osmanen und Franzosen haben allesamt ihre Spuren in Kultur und Bevölkerung Djerbas hinterlassen. Auch die Präsenz jüdischer Gemeinden auf Djerba reicht lange zurück. Obwohl laut dem Historiker Claude Nataf, Präsident der Société d’historie des juifs de Tunisie, unklar ist, wann genau sich die ersten Juden in Djerba niederliessen, weisen archäologische Funde auf eine jüdische Präsenz in Tunesien noch vor der Ära der Römer hin. Der mündlichen Überlieferung der Juden Djerbas zufolge, haben sich jüdische Emigranten bereits nach der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels auf der Insel niedergelassen. Die heutige jüdische Gemeinde auf Djerba ist selbst ein Gemisch. Neben den besagten ersten jüdischen Siedlern aus Jerusalem kamen im Laufe der Geschichte Juden aus Kairouan, sephardische Juden, die vor der Inquisition in Spanien flüchteten, Sephardim aus Thessaloniki, Tripolis, aus dem italienischen Exil in Livorno und aus anderen Gebieten des Maghrebs nach Djerba.

Die Nazis in Tunesien

Von November 1942 bis Mai 1943 war Tunesien von Hitlers Afrika-Korps besetzt. Nachdem die Deutschen die Führer der jüdischen Gemeinschaft Tunesiens verhaftet hatten, setzten sie auch hier einen «Judenrat» ein und raubten den jüdischen Gemeinden ihren ganzen Besitz. Allein den auf Djerba lebenden Juden wurden 43 Kilogramm Gold abgepresst. Die Nazis errichteten in Tunesien ein System von Arbeitslagern. Über 2500 tunesische Juden starben in den sechs Monaten deutscher Besetzung. Die Muslime verhielten sich angesichts der Bedrohung durch die Deutschen nicht anders als die Europäer: Viele waren dem Schicksal der Juden gegenüber indifferent, aber viele haben auch geholfen und Juden gerettet. Der US-Historiker Robert Satloff arbeitet in seinem Buch über sogenannte «arabische Oskar Schindlers» diesen wenig beachteten, aber gerade heute durch seine Symbolträchtigkeit sehr wichtigen Abschnitt des Holocaust auf und setzt sich für die Anerkennung dieser Wohltäter ein.

Wenige sind geblieben

Nach dem Abzug der Nazis wurden die Rechte der Juden sofort wiederhergestellt. Die jüdische Bevölkerung erreichte in Tunesien 1945 mit 105 000 einen sehr hohen Stand. Dieses jüdische Revival fiel mit dem Unabhängigkeitskampf der muslimischen Bevölkerung zusammen. Bereits in dreissiger Jahren hatte sich eine Unabhängigkeitsbewegung unter der Führerschaft von Habib Bourguiba formiert, welcher auch zahlreiche jüdische Aktivisten angehörten. 1956 erlangte Tunesien schliesslich seine Unabhängigkeit, und Habib Bourguiba wurde der erste Präsident mit einer Regierung, welcher auch jüdische Aktivisten wie etwa André Barouche angehörten.

Wie Gabriel Qabla, Präsident der Organisation Amicale des juifs de Djerba und der Féderation des associations de juifs Tunisiens en France feststellt, erlebte Djerba im letzten Jahrhundert drei grosse jüdische Auswanderungswellen: die erste 1948 nach Israel, die zweite in den Jahren 1968 und 1969, welche «eher ökonomische Gründe hatte und nicht nur durch den Sechstagekrieg verursacht wurde». Die dritte Welle fand schliesslich in der ersten Hälfte der achtziger Jahre in Richtung Frankreich statt. Heute leben etwa 1200 Juden in Djerba, wobei ihre Anzahl in den letzten Jahren aussergewöhnlicherweise leicht zugenommen hat.

Gestörte Harmonie

Dem tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali ist das Wohlergehen der jüdischen Bevölkerung Tunesiens sehr wichtig. Augenfällig wird dies vor allem an den enormen Sicherheitsbemühungen zum Schutz der physischen Integrität der jüdischen Einwohner. Die Eingänge zum Viertel Hara Kebira werden 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche von Polizisten bewacht. Dasselbe gilt für Hara Sghira und für La Ghriba, welche gerade am Lag Baomer fast einer Festung gleichen. Abriegelungen, Zugangskontrollen, Körperscans – ein enormes Aufgebot an Sicherheitskräften und Überwachung sollen sicherstellen, dass sich ein Anschlag wie im Jahr 2002 nicht wiederholt. Die inszenierte Sicherheit stört gleichzeitig das oben gezeichnete Bild der harmonischen Koexistenz der Religionen, ist aber durchaus erklärbar: Am 11. April 2002 fuhr der in Tunesien geborene französische Staatsangehörige Nizar Nawar einen Gaslastwagen in die Aussenwand von La Ghriba und riss 20 Menschen in den Tod. Der Attentäter war ein Aussenseiter und kein Djerbe. Dennoch wurde das Bild der Harmonie und Toleranz mit diesem Attentat stark beschädigt. Das Attentat bekräftigte das von den Medien zementierte Bild eines weltweiten jüdisch-muslimischen Konfliktes weiter. Gerade Djerba kann jedoch als Exempel für die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz der Söhne Abrahams angesehen werden.






» zurück zur Auswahl