Zwischen Kairo und Mangalore
Von Monica Strauss
Jüdische Händler waren im zwölften Jahrhundert auf dem Seeweg zwischen der arabischen Welt und dem indischen Subkontinent aktiv. Dass wir davon wissen, haben wir vor allem drei Autoren zu verdanken, zwischen denen ebenfalls denkbar weite Distanzen liegen – einem jüdischen Händler aus der historischen Epoche, einem deutschen Wissenschaftler aus dem 20. Jahrhundert und einem zeitgenössischen Schriftsteller indischer Abstammung. Die Autoren teilen jedoch eine Quelle: die berühmte Kairoer Genizah. Dieser gewaltige Schatz an jüdischen Dokumenten umfasst beinahe 200 000 rabbinische Papiere, Bibelmanuskripte, persönliche und geschäftliche Briefe, Rechnungen, Verträge und Heiratsurkunden aus neun Jahrhunderten. Gefunden wurden sie in einer Synagoge im ägyptischen Fustat, dem alten Kairo. Zwischen 1025 und 1875 (dem Datum des neuesten Dokuments, einem Scheidungsvertrag aus Bombay) waren Gemeindemitglieder der alten jüdischen Tradition gefolgt, Gegenstände, die den Namen Gottes enthielten, nach ihrer Verwendung sicher in einer Genizah, an einem verborgenen Ort, aufzubewahren. Diese Verstecke werden in der Regel ausgeräumt, damit ihr Inhalt begraben werden kann. Aber aus unbekannten Gründen ist dies in der Ben-Ezra-Synagoge in Fustat nie geschehen. Stattdessen wurden die Papiere nach ihrer Entdeckung am Ende des 19. Jahrhunderts auf Bibliotheken in Europa verteilt. Der Hauptteil findet sich heute in der Taylor-Schechter-Sammlung der Cambridge University.
Reicher Quellenschatz
Die Genizah enthält 70 Briefe von und an Abraham Ben Yiju, einen typischen Repräsentanten der kosmopolitischen jüdischen Händlerklasse in der arabischen Welt des zwölften Jahrhunderts. Um das Jahr 1100 in Tunesien geboren, erhielt Ben Yiju dort eine derart umfassende jüdische Bildung, dass er seinem Dank dafür in ein Lobesgedicht für die jüdischen Offiziellen in seiner Heimat fassen konnte, ehe er nach Fustat umzog. Doch der richtige Ort für einen jungen ehrgeizigen Mann war zu jener Zeit Aden. Am Ausgang des Roten Meeres zu den gewaltigen Weiten des Indischen Ozeans gelegen, war die Stadt damals Dreh- und Angelpunkt des Fernhandels mit Indien. Die Reise von Kairo nach Aden war überaus beschwerlich. Nachdem Ben Yiju über 600 Kilometer den Nil hinauf gesegelt war, musste er zwei Wochen durch die sudanesische Wüste ziehen, ehe er das letzte Stück seines Weges auf dem Roten Meer zurücklegen konnte.
Nachdem er wertvolle Kontakte zu den jüdischen Kaufleuten dort geknüpft hatte, segelte Ben Yiju von Aden nach Mangalore an der indischen Südküste. Dort verbrachte er die nächsten 20 Jahre. In dieser Zeit häufte er im Export von Gewürzen, Farben, Heilpflanzen und wertvollen Metallen ein Vermögen an. Aus seiner in arabisch geführten, aber in hebräischen Lettern geschriebenen Korrespondenz geht hervor, wie stark Ben Yijus Erfolg von seinen Geschäftspartnern in den blühenden jüdischen Gemeinden Ägyptens und im Jemen abhing. Der Kaufmann hatte diese Briefe vor dem Klima und den Insekten Indiens geschützt und dann mit zurück nach Fustat gebracht, nachdem er zunächst einige Jahre im Jemen verbracht hatte. Schliesslich fanden die Papiere den Weg in die Genizah.
Ein Gelehrter aus Burgkunstadt
Dass wir uns einen Begriff vom Leben und den Geschäften Ben Yijus machen können, verdanken wir dem Unternehmungsgeist eines anderen jungen Juden, der seinen Lebensweg acht Jahrhunderte später in dem süddeutschen Örtchen Burgkunstadt begann: Dort wurde im Jahr 1900 Shlomo Dov Goitein geboren. Begünstigt durch die liberalen Zeitumstände konnte er neben einer umfassenden talmudischen Ausbildung auch ein Studium des Arabischen und der Islamwissenschaft an der Universität Frankfurt absolvieren. Wie Ben Yiju fühlte sich auch Goitein bewegt, sein Glück fern der Heimat zu suchen. Aber ihn zog nicht geschäftlicher Ehrgeiz, sondern der Zionismus an und so wanderte er nach seinem Abschluss 1923 nach Palästina aus. Fünf Jahre später trat er der Fakultät der neu gegründeten Hebrew University bei und begann sich auf die Kultur der jemenitischen Juden zu spezialisieren. Darauf konnte er nach einem Besuch in Budapest im Jahr 1948 aufbauen. Dort sah Goitein erstmals Dokumente aus der Kairoer Genizah. Diese Erfahrung fesselte ihn derart, dass er sich fortan der Rekonstruktion des Alltags arabischsprachiger Juden in der islamischen Welt des Elften bis Dreizehnten Jahrhunderts widmete. Dies fand in seinem sechsbändigen Magnum Opus «A Mediterranean Society. The Jewish Communities of the Arab World as Portrayed in the Documents of the Cairo Genizah» Niederschlag.
Seit Beginn der 1950er Jahre und verstärkt nach seinem Umzug in die USA 1957 konzentrierte sich Goitein dabei auf jüdische Kaufleute im mediterranen und im Indienhandel. Um die Aufmerksamkeit nichtjüdischer Historiker auf den Wert der Genizah-Dokumente zu lenken, beschloss er 1971, «etwas Kurzes und gleicher-
massen für Studenten, Laien und Fachleute Zugängliches» zu verfassen. Das Ergebnis waren seine «Letters of Medieval Jewish Traders» von 1973, in denen Goitein 80 Briefe von und an jene Kaufleute, die er als «wagemutige, fromme und häufig gebildete Vertreter der nahöstlichen Zivilisation im Hochmittelalter» charakterisierte.
Ein indischer Schriftsteller auf jüdischen Spuren
Das Buch hat die Hoffnungen seines Autors erfüllt. So hat das den lebendigen und informativen Briefen Ben Yijus gewidmete Kapitel «The India Traders» die Aufmerksamkeit des indischen Schriftstellers Amitav Ghosh geweckt, der damals Doktorand in sozialer Anthropologie in Oxford war. 1956 in Kalkutta geboren, war Ghosh von der Beschreibung eines indischen Sklaven begeistert, der für seinen jüdischen Besitzer zwischen Mangalore und Aden unterwegs war. Nachdem er selbst während der 1980er Jahre in ägyptischen Dörfern die sozialen Strukturen unter den örtlichen Bauern studiert hatte, empfand er die Notwendigkeit, sich mit jenem anderen Aussenseiter aus Indien zu befassen, der die gleiche Reise 800 Jahre vor ihm angetreten hatte.
Das Ergebnis war sein Sachbuch «In an Antique Land», das er 1993 nach zwei Romanen vorgelegt hat. Darin vermischt Ghosh Geschichte aus seinem Alltag in einem ägyptischen Dorf mit Gedanken zum Leben Ben Yijus und dem Schicksal der Kairoer Genizah. Zunächst scheint kaum eine Verbindung zwischen diesen Erzählsträngen zu bestehen. Viele Passagen sind dem mangelnden Verständnis der ägyptischen Bauern für die Religion ihres hinduistischen Besuchers gewidmet. Aber dennoch kommen der Inder und die Dorfbewohner miteinander aus. Von dieser toleranten Atmosphäre ausgehend, vermutet Ghosh, dass damals in Fustat, Aden und Mangalore zwischen Muslimen und Juden ein ähnliches Verständnis geherrscht haben muss. Von dort aus kommt Ghosh zu einem Fazit über den gesamten arabischen Indienhandel, wenn er dessen Ende durch die Ankunft der schwer bewaffneten Armada des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama in Indien 1498 beschreibt: War der Austausch zwischen Juden, Muslimen und Hindus vorher durch «Verhandeln und Kompromiss» charakterisiert, so bestimmten fortan «Widerstand und Unterwerfung» das Geschehen.
Der Zugang Ghoshs zu der Genizah ist sehr viel subjektiver als Goiteins detailgenaue, linguistische und historische Analyse. Als Inder reagiert er auf kolonialistische Attitüden besonders sensibel und so betrachtet er die Verteilung der Genizah-Dokumente auf europäische Sammlungen als Beispiel imperialistischer Raffgier. Besonders scharf geht er mit dem Cambridge-Gelehrten Solomon Schechter ins Gericht, der die Genizah ausgeräumt hat und deren gesamten Inhalt – ausser gedruckten Büchern – an seine Universität transportieren liess, ohne der Ben Ezra-Gemeinde auch nur einen Heller zu bezahlen. Ghosh schreibt dazu: «Waren sie aus allen Winkeln der Erde nach Fustat gelangt, hat eine zweite Reise die Dokumente auf diese Weise noch weiter fortgetragen. Die Ironie liegt darin, dass die Papiere meist in Länder geraten sind, welche die Genizah längst zuvor zerstört hätten, wäre sie Teil ihrer Geschichte gewesen. Nun fiel es Ägypten zu, das die Genizah für ein Jahrtausend erhalten hatte, jeder Spur ihres Reichtums beraubt zu werden. Dem Land verblieb nicht einmal ein einziger Fetzen Papier, um es an dieses Kapitel seiner Geschichte zu erinnern.»
Monica Strauss ist langjährige aufbau-Autorin. Sie lebt und arbeitet in Manhattan.


