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Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 07/08 Ausgabe: Nr. 7 » July 12, 2010

Wohlstand am seidenen Faden

July 12, 2010
Die Seide machte die protestantischen Städte Zürich und Basel reich. Die entscheidenden Impulse kamen von ausländischen Glaubensflüchtlingen.
EINE TECHNOLOGISCHE REVOLUTION 1668 führte Emanuel Hoffmann-Müller die erste «Bändelmühle» ein, eine Vorstufe der späteren Webmaschinen

von Daniel Suter

Am Ende der Seidenstrasse lagen die Seidenplätze: die Hafenstädte des östlichen Mittelmeeres. Wohl waren Seidenraupe und Maulbeerbaum bereits Mitte des 6. Jahrhunderts nach Byzanz geschmuggelt worden, doch die europäische Seidenproduktion erreichte nie die Qualität der chinesischen Ware. Jüdische Kaufleute reisten bis nach China, um Seide für Europa zu importieren; auf der Seeroute um Indien bis Basra oder ins Rote Meer waren Juden die wichtigsten Händler. Im Mittelmeerraum spezialisierten sich zunächst arabische Weber auf die Verarbeitung der Seide; sie brachten ihre Kunst im 10. Jahrhundert nach Sizilien. So entstand 1133 in Palermo in der Hofwerkstatt des Normannenkönigs Roger II. ein rotseidener, mit Goldfäden und Perlen reich bestickter und arabisch beschrifteter Umhang. Der Legende nach soll ihn der Stauferkaiser Friedrich II. bei seiner Krönung 1220 getragen haben. «Krönungsmantel» hiess darum der 11 Kilo schwere Umhang, der bis 1806 bei diesen Zeremonien Verwendung fand. Heute ist er in der Schatzkammer der Wiener Hofburg ausgestellt.

Erste Zürcher Seidenkonjunktur

Bereits zur Zeit der Hohenstaufer unterhielt Zürich Handelsbeziehungen mit italienischen Städten. Zürcher Kaufleute führten Rohseide ein, und im frühen 14. Jahrhundert florierten in der Stadt der Seidenhandel und die Seidenmanufaktur. Kopftücher und Schleier aus Zürich waren weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft bekannt und wurden bis nach Polen und Wien verkauft. Die Brun’sche Zunftrevolution 1336 und die Entmachtung des Adels schadeten der Seidenindustrie – die Pestepidemie und Kriege brachten sie ganz zum Erliegen. Denn Seide war immer schon ein Luxusgewerbe, das Frieden und Wohlstand brauchte, damit es sich entfalten konnte.

Die Geschichte der Seide in Europa ist auch eine Erfolgsgeschichte der Migration. Unterdrückte religiöse Minderheiten – Juden, italienische Reformierte, flämische Calvinisten, französische Hugenotten –  wanderten in sicherere Asylländer aus und brachten dort den Seidenhandel zur Blüte und ihre neue Heimat zu Wohlstand. Die ersten dieser Welle waren spanische und portugiesische Marranen, zwangskatholisierte Juden, die ab 1480 vor der spanischen Inquisition flüchteten. Sie siedelten sich in italienischen Städten, im osmanischen Reich und in Flandern an. Viele kehrten am neuen Aufenthaltsort wieder zu ihrer ursprünglichen jüdischen Religion zurück. In Venedig waren die Marranen stark im Seehandel mit Woll- und Seidenstoffen sowie Gewürzen engagiert. So stark, dass der Senat von Venedig 1550 ein Dekret aus dem Jahr 1497 erneuerte, das die Marranen aus der Stadtrepublik auswies. Doch die christlichen Kaufleute fürchteten, eine Verbannung der Marranen schade dem ganzen Handelsplatz Venedig und ihren eigenen Firmen, in denen oft Marranen als Teilhaber sassen. Mit einer Petition wandten sich die Christen an den Senat und erreichten zuerst einen Aufschub und später den Widerruf der Ausweisung.

Protestantische Refugianten

Glaubensflüchtlinge waren es, die das abgestorbene Seidengewerbe in Zürich und Basel wiederbelebten. 1555 fanden 147 protestantische «Refugianten» aus Locarno in Zürich Aufnahme. Viele waren wohlhabende Ärzte und Bürger. Der 19-jährige Parisio a Piano war Samtweber und richtete vor dem Rennwegtor seine Werkstatt mit vier Webstühlen ein. Die Geschäftstüchtigkeit der Locarner erregte den Neid der Zürcher Zünfter. Als der Stadtrat 1558 beschloss, dass die Flüchtlinge sich den Zünften anzuschliessen hatten und eigene Betriebe nur mit Bewilligung des Rats eröffnen durften, zog a Piano 1572 nach Basel weiter. Der erste Zürcher Seidenunternehmer war Hans Jacob Werdmüller (1481–1559), der als Landvogt von Locarno das Verlagswesen kennengelernt hatte: Als Verleger stellte er Heimarbeitern auf der Landschaft Webstühle und Seidengarn zur Verfügung und übernahm die gewobenen Tücher zum Verkauf. Seine Neffen David und Heinrich erweiterten den Betrieb in Zusammenarbeit mit dem Locarner Giacomo Duno und dem aus Lucca stammenden Francesco Turrettini. Ihr Unternehmen in den Seidenhöfen nahe der Sihl beschäftigte in den Dörfern um die Stadt rund tausend Heimarbeiter.

Zürich entwickelte sich im 17. Jahrhundert zu einem Zentrum des Seidenhandels und der Seidenweberei. Die Landbevölkerung links und rechts des Zürichsees lebte zu einem wichtigen Teil von der Arbeit für die städtischen Verlagsunternehmen. 1678 waren es 33 Firmen, die ausschliesslich Seidentücher und Flor (Samtstoffe) herstellten. Zum Färben der Stoffe bauten die Unternehmer Waidkraut (blau) und Gelbkraut an. «Zürcher-Artikel» nannte man die glatten, leichten Seidenstoffe, die in Deutschland und Frankreich begehrt waren. Hugenotten, die nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes 1685 nach Zürich emigrierten, brachten neue Fabrikationsmethoden der Seidenweberei, etwa die mit Gold oder Silber durchwirkten Laméstoffe. In Frankreich war Lyon mit seinen drei Messen pro Jahr der wichtigste Handelsplatz. Schon früh gründeten Zürcher Firmen Niederlassungen in der Lombardei, so 1666 in Bergamo. Sie errichteten eigene Spinnereien und Zwirnereien oder investierten in italienische Unternehmen. Bis ins 20. Jahrhundert waren Zürcher Unternehmer in der norditalienischen Seidenindustrie engagiert. Der Aufschwung Mailands zum wichtigsten Seidenhandelsplatz der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts war zu einem grossen Teil das Werk schweizerischer Unternehmer und Investoren.

So weltoffen die Zürcher Seidenherren waren, so engherzig verteidigten sie ihre städtischen Privilegien. Die Landbevölkerung war ihnen als Arbeitskraft willkommen, doch Verleger durften nur Stadtbürger sein. Die Handels- und Gewerbefreiheit kam erst 1825 zum Durchbruch, mit einer selbständigen Seidenweberei in Horgen. Der liberale Umsturz von 1830 beschleunigte diese Entwicklung. 1842 gab es in den Zürcher Landgemeinden bereits 47 Seidenunternehmen, neben 21 Firmen in der Stadt.

Basler Visionär der Globalisierung

Während Zürich sich zum Zentrum der Seidenstoffweberei und des Seidenhandels entwickelte, war Basel die Stadt der Seidenbandweberei. Auch hier kamen die entscheidenden Impulse von Refugianten. Aus Flandern, das zum Königreich Spanien gehörte, flüchteten von der Inquisition bedrohte Calvinisten nach Basel. Eine überragende Persönlichkeit war der Bankier und Unternehmer Marcos Perez (1527–1572). Als spanischer Marrane in Antwerpen geboren, trat Perez um 1560 aus Überzeugung vom Katholizismus zum Protestantismus über und wurde Vorsitzender der calvinistischen Gemeinde seiner Geburtsstadt. Er war Bankier von Wilhelm von Oranien und liess auf eigene Kosten 30 000 Exemplare von Calvins Schriften in spanischer Sprache drucken, um sie in seinem Herkunftsland unter das Volk zu bringen. Als die Inquisition ihren Schrecken auch in den spanischen Niederlanden verbreitete, wich Perez 1567 mit seiner Familie nach Basel aus. Im folgenden Jahr erhielt er das Basler Bürgerrecht, mit der Auflage «keinem Bürger noch Gewerbe nachteilig sein zu wollen». Sein Haus, der Engelhof am Nadelberg, wurde zu einem Zentrum der protestantischen Glaubensflüchtlinge. Perez schlug dem Rat der Stadt vor, eine grosse Seidenmanufaktur mit ausgebildeten Webern aus den Niederlanden, Italien, Spanien und Frankreich für den Exporthandel zu gründen. Obschon dieses Projekt nicht zustande kam, war Perez ein früher Vertreter der globalisierten Wirtschaft. Sein internationaler Grosshandel mit Seidenstoffen und anderen Waren drückte die Preise der alteingesessenen Händler. 1570 klagten sie dem Rat, Perez verdränge sie mit der Macht seines Reichtums; sein Geschäft sei doppelt so gross wie das erste der Basler Häuser. Perez verkörperte nicht nur die wirtschaftliche Macht eines modernen Unternehmers, sondern war auch ein grosszügiger Mäzen, der Glaubensflüchtlinge, Arme, Buchdrucker und Intellektuelle mit seinem Geld unterstützte. Er starb 1572 – zu früh, um seine Pläne in Basel verwirklichen zu können. Seine Witwe zog ein Jahr später aus der Stadt weg.

Marcos Perez war ein Komet, der Basel kurz und grell erleuchtete. Andere Refugianten hinterliessen dauerhaftere Spuren. Parisio a Piano liess sich von Zürich kommend 1572 als Bandweber in Basel nieder. 1573 kauften die reformierten Patrizier Claudius und Cornelius Pellizari, «Sydenferber und Sametweber» aus Piuro im Bergell, das Haus am Blumenrain, das durch sie bis heute den Namen «Seidenhof» trägt. Ihre Geschäftsbeziehungen reichten nach Genf, Lyon und Frankfurt. Der Erfolg der Basler Textilindustrie zog auch deutsche Händlerfamilien wie die Burckhardt an, die keine Flüchtlinge waren. Aus Colmar zogen die Vischer, Miville und Sarasin zu. 1668 führte Emanuel Hoffmann-Müller aus Amsterdam die erste «Bändelmühle» ein, eine Vorstufe der späteren Webmaschinen. Auf diesem «Kunststuhl», wie er auch genannt wurde, konnte ein Weber im gleichen Arbeitsgang mehrere identische Bänder weben.

Parallel zur Bandweberei entwickelte sich in Basel die Seidenfärberei, die im 20. Jahrhundert als Chemieindustrie die Seidenweberei weit hinter sich liess. Wie die Bandfabrikanten durften sich auch die Basler Seidenfärber «Herren» nennen, was keinen anderen Handwerkern gestattet war. Die Seidenherren woben Bänder für die Roben und Hüte der Damen der europäischen Oberschicht. Auf der untersten Stufe des Handels standen die oft jüdischen Hausierer, die mit ihren Bauchläden durch die Dörfer und Städte zogen – die «Bändeljuden». Noch 1930 ehrte die Vereinigung der Basler Bandfabrikanten ein verdientes Mitglied mit einem Becher, der einen – recht antisemitisch karikierten – «Bändeljuden» darstellte.

Technik und tiefe Löhne

Der Jacquard-Webstuhl löste ab 1805 eine technologische Revolution aus: Bald war es möglich, mit Lochkarten komplizierteste Bandmuster und ganze Seidenbilder zu weben. Für die feinen Seidenstoffe waren die mechanischen Webstühle der Baumwollindustrie lange zu grob. Erst nach 1850 entwickelte der Maschinenbauer Kaspar Honegger in Rüti den mechanischen «Honeggerstuhl», dennoch dauerte es bis in die 1880er Jahre, bevor er sich durchsetzen konnte. Und selbst im Jahr 1900 gab es im Kanton Zürich mehr Handwebstühle (19 544) als mechanische Stühle (13 326). Die tiefen Löhne waren mit ein Grund, weshalb Zürich zeitweise hinter Mailand zum zweitgrössten Seidenstoffproduzenten der Welt aufsteigen konnte. In den Seidenstofffabriken arbeiteten zu 90 Prozent Frauen und Mädchen. Erst das eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 verbot die Kinderarbeit (als Mindestalter galt nun 14 Jahre) und die Nachtarbeit für Frauen. Die Tessiner Seidenspinnereien konnten vom Bundesrat noch bis 1898 eine Ausnahmebewilligung erwirken und 12-jährige Mädchen anstellen, weil sie angeblich so jung wie möglich mit dem feinen Kokonfaden vertraut sein mussten. Die Konkurrenz in Italien durfte noch bis 1903 neunjährige Mädchen in den Spinnereien beschäftigen.

Sowohl die Zürcher Seidenstoffe als auch die Basler Seidenbänder waren Exportprodukte der Luxusklasse. Bei den Bändern kam eine hohe Abhängigkeit von der aktuellen Frauenmode hinzu: Die Fabrikanten mussten dem Geschmack der Zeit stets eine Produktionssaison voraus sein. Seidenstoffe konnten eher mit einem steten Absatz rechnen. Beide Industrien litten aber unter den Schutzzöllen, welche mit der Zeit alle europäischen Staaten ausser Grossbritannien auf Seidenprodukte erhoben. Diese Schranken versuchten Schweizer Unternehmer zu umgehen, indem sie in anderen Ländern eigene Tochterbetriebe aufbauten. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Zürcher Fabrikanten die Hälfte ihrer Produktionskapazität ins Ausland verlegt – auch weil die Löhne in der Schweiz mittlerweile gestiegen waren. 1914 erlebte die Zürcher wie die Basler Seidenindustrie noch einmal eine fiebrige Hochkonjunktur, da die europäische Konkurrenz in den Dienst der Kriegsproduktion gestellt wurde. Doch je länger der Krieg den Kontinent ausblutete, desto weniger Menschen konnten sich Seidenstoffe leisten.

Der Absturz

Auf den Krieg folgte die Revolution – in Russland und in der Frauenmode. Die moderne Frau war emanzipiert, burschikos, trug Bubikopf und betont schlichte Kleider. Für Seidenbänder war kein Platz mehr. Nach einem letzten Höhenflug 1922 tauchte die Basler Bandweberei in eine lange Agonie ab. Nur eine Handvoll Firmen mit Nischenprodukten konnten sich halten. Die Zürcher Seidenstoffwebereien hatten noch bis zur Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gute Zeiten. Doch dann war der Absturz brutal: Die Exporterlöse fielen von 201 Millionen Franken im Jahr 1927 auf noch 11 Millionen im Jahr 1935. Die Schwarzenbach-Gruppe, der grösste Konzern, der 1930 noch die Wirtschaftskraft von Nestlé und BBC besass, musste das gesamte Aktienkapital abschreiben. Als sich die Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erholte und die Hochkonjunktur einsetzte, blieb die Zürcher Seidenindustrie entkräftet liegen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Seidenherren in ihrem Konservativismus und aristokratischen Dünkel den Innovationssprung von der Seide zur Kunstseide und später zu den synthetischen Fasern verpasst hatten.            

Daniel Suter ist Journalist und Schrifsteller; er lebt in Zürich.



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