Staatsgeheimnis und Exportschlager
Von Andreas Mink
Ohne Prinzessin keine Seide. So will es zumindest die chinesische Überlieferung. Demnach fiel der Prinzessin Leizu im 27. Jahrhundert v.d.Z. der Kokon einer Seidenspinnerraupe in ihren Tee, während sie unter einem Maulbeerbaum sass. Als die Gattin des mythischen «Gelben Kaisers» Huangdi versuchte, den weissen Wickel zu entfernen, haspelte sie den endlosen Faden des Kokons um ihre Finger. Die junge Dame – Leizu soll damals erst 14 Jahre alt gewesen sein – eilte zu ihrem Gemahl, um sich einen Hain mit Maulbeerbäumen schenken zu lassen. Dort züchtet sie fortan Seidenraupen. Leizu soll zudem die Spindel erfunden haben, auf der die extrem dünnen Seidenfasern zu Fäden gedreht wurden, sowie einen Webstuhl für die Herstellung von Seidentuch. Die Prinzessin wird bis heute in der Provinz Hebei als «Seidenraupengöttin» verehrt.
Ein kostbarer Alleskönner
Archäologische Funde datieren die Erfindung der Seide noch weiter zurück, bis auf das vierte Jahrtausend v.d.Z. Damals waren Chinesen auf die in Maulbeerbäumen lebenden Seidenraupen aufmerksam geworden. Diese Raupen produzieren mittels Drüsen im Maul Fäden, mit deren Hilfe sie sich mit bis zu 300 000 Windungen verpuppen. Ehe sie aus ihren Kokons schlüpfen – und diese damit zerstören können – töten die Seidenhersteller die Raupen in kochendem Wasser. Dabei ergeben 12 000 Kokons ein Kilo Rohseide. Diese wird in Seifenwasser gekocht, um die Fasern vom so genannten Seidenleim zu befreien. Diese komplizierten Prozeduren ergeben schliesslich ebenso leichte wie widerstandsfähige Gewebe, die ihre Träger im Sommer kühl und im Winter warm halten. Der hohe Aufwand beschränkte den Kreis der Abnehmer über viele Jahrhunderte auf die chinesische Elite. Der Stoff wurde zudem bemalt oder für schriftliche Aufzeichnungen verwendet. Später verwendete die mongolische Reiterei Panzerungen aus vielen Lagen Seide, die sogar in der Lage waren, Pfeile zu stoppen.
Das Prestige der Seide machte sie zu einem begehrten kaiserlichen Geschenk für Günstlinge und Beamte. Der Stoff entwickelte sich zudem, etwa in Verhandlungen mit kriegerischen Nomaden, zu einer Währung, mit der sich das Reich der Mitte das Stillhalten seiner Nachbarn erkaufte. Da der Kaiserhof den aus ihrer Einzigartigkeit rührenden Wert der Seide bald erkannte, belegte China die Ausfuhr von Maulbeersamen und Raupen mit dem Tod. So blieb der Verrat dieses Staatsgeheimnisses einer weiteren legendären chinesischen Prinzessin vorbehalten, die im ersten Jahrhundert d.Z. das Geheimnis der Seidenherstellung erstmals ausser Landes gebracht haben soll. Um ihre Versorgung mit Seide zu sichern, schmuggelte sie angeblich Kokons und Maulbeersamen in ihrem Haar in das zentralasiatische Sinkiang, als sie an einen dortigen Adeligen verheiratet wurde.
Sandstürme, Wassermangel und Wegelagerer
Zu dieser Zeit hatten chinesische Händler die Seide längst als begehrte Exportware entdeckt. Obwohl in ägyptischen Gräbern aus dem 11. Jahrhundert v.d.Z. Seidenstoffe gefunden worden sind, setzt die Ausfuhr der wertvollen Textilien im grossen Stil erst gegen 300 v.d.Z. ein. Voraussetzung dafür war die Ausdehnung Chinas nach Nordwesten unter der Han-Dynastie, die erstmals dauerhaft für Stabilität und Sicherheit sorgte, ohne die der Fernhandel mit dem Luxusgut Seide nicht möglich gewesen wäre. Doch selbst von der neuen Grenze des Reiches der Mitte aus hatten die mitunter Tausende von Kamelen, Maultieren oder Eseln umfassenden Seidenkarawanen noch schier endlose Distanzen durch einige der unwirtlichsten Weltgegenden zurückzulegen. Ausgangsort der Händler war die Stadt Xi’an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi, die um die Zeitenwende etwa zwei Millionen Einwohner zählte. Von dort aus legte die kostbare Fracht über mehrere Umschlagplätze bis zum Mittelmeer etwa 6000 Kilometer zurück.
Insgesamt dürfte es zwei bis drei Jahre gedauert haben, ehe Seide aus
Shaanxi in der Levante oder in Byzanz ankam. Dabei mussten die Karawanen zunächst nördlich oder südlich an der Salzwüste Taklamakan vorbei. Dabei machten den Händlern Sandstürme, Wassermangel, Räuber sowie dramatische Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht zu schaffen. Im Gegensatz zur nordöstlich der Seidenstrasse gelegenen Wüste Gobi weist die Taklamakan kaum Oasen auf. Allein diese Strecke nahm bis zu fünf Monate Reisezeit in Anspruch, ehe die Karawanen in der Stadt Kashgar ankamen. Die Stadt liegt im äussersten Westen der heutigen chinesischen Grenzprovinz Sinkiang. Dort übernahmen Zwischenhändler die Seidenballen, aber auch Gewürze, Heilpflanzen, Porzellan oder Tee aus China. Diese Güter gelangten über weitere Zwischenstationen nördlich über das heutige Kirgistan und Kasachstan zum Schwarzen Meer oder südlich über den Pamir nach Iran, mitunter auch über den Hindukusch im heutigen Afghanistan nach Indien.
Grundvoraussetzung: politische Stabilität
Dieses Netzwerk war im Wesentlichen fast zweitausend Jahre lang aktiv. Aus heutiger Sicht imponieren dabei nicht allein die von chinesischen, jüdischen, iranischen und zentralasiatischen Händlern überwundenen Distanzen und geografischen Hindernisse: Die Handelsgüter müssen in den Augen der Beteiligten einen Wert besessen haben, der sämtliche Risiken verblassen und Investitionen in stabile politische Verhältnisse notwendig erscheinen liess. Die Profite aus dem Handel ermöglichten die Bildung stabiler Staaten und Reiche entlang dem Netzwerk der Seidenstrasse. Dabei waren zunächst die Ausdehnung der Han nach Westen sowie die in der Nachfolge Alexanders des Grossen entstehenden griechischen Staatsbildungen im Iran und dem Nordwesten Afghanistans (Bakhtrien) hilfreich. Doch auch nach dem Aufkommen der Parther im Iran und – Jahrhunderte später – dem Untergang der Han-Dynastie hielten handlungsfähige Staatswesen die für den Fernhandel notwendige Ordnung bis ins 15. Jahrhundert d.Z. aufrecht – wenn auch mit nachlassendem Erfolg. Dies macht die Seidenstrasse zu einem ausserordentlichen historischen Phänomen. Dass ein ungehinderter Handel nicht nur die Grundlage für den Wohlstand aller Beteiligten schafft, sondern auch Vertrauen zwischen den Angehörigen einander sehr fremder Kulturen, hat Generationen von Forschern begeistert. Seit dem Ende des Sowjetreiches wurden die alten Handelsrouten zu einer Inspiration für Politiker und Unternehmer in Asien und Europa, die von einer Wiederbelebung der Seidenstrasse mit modernen Verkehrsmitteln träumen.
Schattenseiten der Gier nach Seide
Allerdings hatte die Seidenstrasse in ihrer klassischen Epoche um die Zeitenwende herum auch ihre Schattenseiten. Die kulturelle und wirtschaftliche Überlegenheit Chinas führte dazu, dass der Westen der Seide kaum gleichwertige Handelsgüter entgegensetzen konnte. Obwohl unter anderem die Bibel von Leinenstoffen und Glasprodukten aus Erez Israel berichtet, die in Ostasien beliebt waren, mussten die Römer den Import der durch die enorme Distanz unerhört teuren Luxustextilien vorrangig mit Gold und Silber bezahlen. Anscheinend waren Seidenstoffe in Rom so beliebt, dass sie mit purem Gold aufgewogen wurden. Dies führte in der römischen Kaiserzeit zu einem enormen Abfluss von Edelmetallen nach Asien und schliesslich zu einem Importverbot für Seide unter Kaiser Tiberius (14–37 d.Z.). Dennoch blieb die Lust der römischen Oberschicht auf Seide ungebrochen, was langfristig zu Inflation und wirtschaftlicher Instabilität im Kaiserreich führte. Das Geheimnis der Seidenherstellung gelangte erst nach dem Untergang Roms in den Westen, als der oströmische Kaiser Justinian (527–565 d.Z.) nestorianischen Mönchen auftrug, Seidenraupen in ihren ausgehöhlten Wanderstöcken in sein Reich zu transportieren. Auch dies erscheint als Legende, da die Lebensdauer der Raupen in keinem Verhältnis zu den Reisezeiten auf der Seidenstrasse stand. Aber dennoch steht fest, dass das chinesische Monopol in der Seidenherstellung in dieser Zeit gebrochen wurde. Doch es sollte noch weitere 500 Jahre dauern, ehe auch im westlichen Mittelmeerraum und danach in Amerika die Seidenproduktion begann.
Heute hat China seine zu Justinians Zeiten verlorene Marktführerschaft bei der Seidenproduktion mit einem Anteil von etwa 50 Prozent wiederhergestellt. Indien folgt weit abgeschlagen mit 14 Prozent auf dem zweiten Platz. Bemerkenswerterweise ist auch das klassische Missverhältnis zwischen China und Rom zurückgekehrt, obwohl heute nicht das ultimative Luxusgut Seide, sondern meist Massenkonsumwaren zur Debatte stehen. Die nicht zuletzt in Washington gerne als «neues Rom» bezeichneten USA sind ebenfalls nicht in der Lage, chinesische Exporte mit eigenen Waren zu bezahlen. Aber im Gegensatz zu den alten Römern greifen die Amerikaner nicht auf ihre Edelmetalle zurück, sondern borgen sich bei den Chinesen die Mittel zur Finanzierung ihrer Importe. Dieses Handelsmodell muss nicht nur ohne einfallsreiche Prinzessinnen auskommen – ihm dürfte obendrein eine deutlich kürzere Lebenszeit beschieden sein als der klassischen Periode der Seidenstrasse. ●
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.


