Seidenstrasse oder Pfad der Tränen?
Von Michael Brenner
Das zunehmende Engagement der USA in der islamischen Welt wirft die Frage auf, ob wir – wie einst die Briten – dabei «nebenher ein Imperium aufbauen». Es erscheint jedoch sinnvoller, dies speziell mit Blick auf Afghanistan als Einmischung in die Angelegenheiten weit entfernter Weltgegenden zu betrachten, die für unsere nationalen Interessen keine wesentliche Bedeutung haben. Dort setzen wir uns Risiken aus, die wir kaum kontrollieren können. Diese gefährliche Lage ist die Frucht einer Politik der kleinen Schritte, der ein strategischer oder intellektueller Unterbau fehlt. Treibende Kraft dieser riskanten Aussenpolitik sind seit dem 11. September 2001 die Terrorismusobsession und eine vergleichbare Besessenheit bezüglich des Irans. Deren höchst zweifelhafte Fusion rechtfertigt, dass wir auf den Spuren Alexanders des Grossen in den abgelegensten Winkeln Zentralasiens rastlos wirkliche oder eingebildete Dämonen jagen.
Ernsthafte Gespräche
Vom Terrorismus abgesehen, hat Amerika in der weiteren Region entlang der alten Seidenstrasse zwei reale Interessen: Öl und Erdgas sowie die nukleraen Spannungen zwischen Indien und Pakistan. Die Betonung auf das Erstere überlagert die Bedeutung des zweiten Anliegens und verwirrt unsere Strategie. Ich gehöre der Schule an, die unsere massiven, politischen und militärischen Interventionen zur Eliminierung jeglicher Art von terroristischer Bedrohung als verfehlt und kontraproduktiv betrachtet. Dabei werden die uns drohenden Gefahren massiv übertrieben, während unsere Methoden unangemessen sind und dazu führen, dass eben die Gefahren zunehmen, die wir ursprünglich bekämpfen wollten. Gegen die USA gerichteter, islamischer Terrorismus ist im Wesentlichen ein Fall für Polizei und Nachrichtendienste. Und Iran hat zwar in der Vergangenheit Amerikaner angegriffen – aber diese waren in Nahost stationiert und nicht in ihrer Heimat. Doch selbst damit hat Teheran längst aufgehört. Zudem gibt es auch bei den nuklearen Ambitionen Irans bessere Wege, mit dem Mullah-Regime umzugehen. Dazu gehören ernsthafte Gespräche über das gesamte Spektrum der beiderseitigen Sicherheitsbedürfnisse – so verabscheuungswürdig das Regime auch sein mag.
Öl und Erdgas in Zentralasien? Wertvoll, ohne Frage. Müssen wir diese besitzen oder die Regierungen der sie produzierenden Staaten kontrollieren? Nein. Wie wichtig ist es, China oder Russland daran zu hindern? Ziemlich. Aber diese Mächte ganz ausschliessen zu wollen, wäre nur ein weiterer törichter Traum. Trotzdem wäre es nützlich, wenn wir die innere Stabilität und die Unabhängigkeit Kasachstans, Turkmenistans und Usbekistans so weit unterstützen, wie dies unsere bescheidenen Möglichkeiten erlauben. Dass die ersten zwei halbwegs stabil sind, ist auch der Abwesenheit eines spürbaren Engagements der USA zu verdanken. Dafür hat unsere Einmischung in Kirgistan zur Absicherung unserer Luftwaffenbasis in Manas erheblich zu den blutigen Unruhen dort beigetragen.
Iran vorzuwerfen, dass es unser grossartiges Werk im Irak und in Afghanistan untergräbt, ist bestenfalls eine Ablenkung und schafft mehr Probleme, als es löst. Zudem wurden diese Vorwürfe nie mit handfesten Beweisen gestützt. Dagegen treiben wir selbst tatsächlich ein gefährliches Spiel, indem wir Spezialeinheiten nach Belutschistan schicken, um dort Separatisten gegen Teheran aufzuwiegeln. Dies könnte uns gefährlich werden, wenn sich Separatisten im Iran mit Kämpfern in der Belutschen-Provinz im Südwesten Pakistans zusammentun, wo die Taliban ihre Rückzugsgebiete etabliert haben.
Wut ist keine Aussenpolitik
Die Atomwaffen Pakistans werfen drei Fragen auf: Zum einen könnte ein Irrtum oder eine Fehlkalkulation einen nuklearen Schlagabtausch mit Indien auslösen. Dieses Risiko liesse sich durch technische Hilfe und eine konstruktive Politik in der Kaschmir-Frage vermindern. Zweitens sollten wir Pakistans Handel mit Nukleartechnologie nicht vergessen. Dieses Problem scheint vorerst beigelegt zu sein – dank traditioneller Diplomatie, die mit dem «Krieg gegen den Terror» nichts zu tun hatte. Schliesslich steht die Sicherheit des nuklearen Arsenals von Pakistan zur Debatte, das in die Hände einer islamistischen Gruppe oder Junta in Pakistan fallen könnte. Dieses Problem ist in meinen Augen derzeit unbedeutend. Aber wenn wir wollen, dass im Punjab und in der nordwestlichen Grenzprovinz zu Afghanistan radikale und gewalttätige Fundamentalisten weiter Einfluss auf die Sicherheitskräfte gewinnen, dann müssen wir unseren bisherigen Kurs des militärischen Engagements fortsetzen. Als Alternative bleibt uns nur, dass wir uns endlich von unserer selbstgerechten Pose des Rächers verabschieden, die wir nach dem 11. September 2001 eingenommen haben. Wut ist keine Aussenpolitik.
Unsere Obsession mit dem Terrorismus raubt uns die Kraft und die Zeit, unsere Lage zu erkennen und Strategien zur Realisierung unserer globalen Interessen zu entwickeln. Dabei hätte das Obama-Team selbst in guten Zeiten seine liebe Mühe, etwa sinnvoll auf die Machtzunahme Chinas zu reagieren. Stattdessen ringen der Präsident und seine Berater heute mit der Quadratur des Kreises am Hindukusch, während sie ständig auf die nächsten Wahltermine in den USA schielen. ●
Michael Brenner ist Professor für Internationale Beziehungen an der University of Pittsburgh und ein gesuchter Lehrer und Gastredner an akademischen und politischen Institutionen weltweit.


