Fromme Juden, leichte Mädchen
Von Alexander Alon
Gross war der Aufschrei in Englands Akademikerkreisen, als David Selbourne, ehemals Dozent für Politische Philosophie an der Universität von Oxford, 1997 ein ihm anvertrautes Manuskript herausgab, in dem ein zuvor unbekannter jüdischer Kaufmann namens Jacob d’Ancona seine Reiseerlebnisse auf der maritimen Seiden-
strasse schilderte. Besonders gepriesen hatte Selbournes Verlag, dass sich Jacob bereits einige Jahre vor Marco Polo, Ende des 13. Jahrhunderts, den Weg von seiner Heimatstadt Ancona in die chinesische «Stadt des Lichts» (so der Titel der deutschen Ausgabe) Zaitun gemacht habe, was eine Schar von Judaisten, Asienspezialisten und sonstigen Kritikern nicht nur die Seiten einiger wissenschaftlicher Journale füllen liess, sondern sie auch in die Feuilletons der «New York Times», der Londoner «Times», der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und anderer renommierter Zeitungen vorpreschen liess.
Umstrittene Authentizität
Dort liessen sich die hoch gebildeten Rezensenten in beissendem Sarkasmus über die offenbar haufenweise vorhandenen (und für Laien gänzlich unsichtbaren) Anachronismen aus, die, so einer von ihnen gegenüber der «New York Times», so auffällig seien, wie wenn man in den Qumran-Rollen vom Toten Meer das Wort «Oldsmobile» gefunden hätte. Ein Dorn im Auge war ihnen vor allem die Tatsache, dass der strittige Text nur in Selbournes Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische herausgegeben und nicht einmal abgebildet worden war: Selbourne hatte im Vorwort erklärt, dass ein ihm unbekannter Herr einige Jahre zuvor an seine Wohnungstür geklopft und ihm das Manuskript zur alleinigen Einsicht, Edition und Übersetzung überlassen habe – allerdings unter der Bedingung, seine Quelle niemals offenzulegen. Diese Erzählung von der Herkunft des Textes, die gleichzeitig den Effekt hat, seine Glaubwürdigkeit zu versichern, werteten die Rezensenten als eine Finte Selbournes, den sie, mehr oder weniger subtil, der alleinigen Autorschaft von Jacob d’Anconas Reisen in die «Stadt des Lichts» bezichtigten. Freundlichere Stimmen gaben zu bedenken, dass Selbourne einer der zahlreichen Judaica-Fälschungen aufgesessen sein könnte. Übelgenommen wurde ihm beides.
Nun ist zwar klar, dass die Fälschung von Dokumenten strafrechtliche Konsequenzen haben kann; aber das behauptete Zitat «aus einem bisher unbekannten Manuskript», ist doch eine andere Sache. Denn dem Leser zu versichern, dass die Geschichte, die er sich zu lesen anschickt, glaubwürdig ist, gehört zum ABC der literarischen Rhetorik. Überzeugt werden die Leser klassischerweise mit dem Hinweis auf eine nur dem Erzähler zugängliche Quelle oder durch behauptete «Augenzeugenberichte» aus Ländern, die so weit entfernt sind, dass der Leser niemals die Gelegenheit haben wird, die von dort berichteten Erlebnisse und Beobachtungen nachzuprüfen. Dieses Verfahren ist keineswegs auf literarische Werke beschränkt, denen man ihre Fiktionalität auf den ersten Blick ansieht. Ein Beispiel aus der jüdischen Reiseliteratur mag dies vielleicht, bevor wir wieder auf Jacob d’Ancona zurückkommen, erläutern.
Von Bagdad nach Babel
Benjamin von Tudela, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte, gilt als einer der wichtigsten jüdischen Reisenden des Mittelalters. Sein Bericht ist beinahe ausschliesslich auf die Beschreibung der jüdischen Gemeinden seiner Zeit fixiert, die er, in offenbar jahrelangen Reisen durch Europa, Kleinasien, den Norden Syriens, Palästina, den Norden Mesopotamiens und den Irak aufsuchte. Möglicherweise war er auch in Zentralasien, denn sowohl Samarkand als auch Tibet und China werden in seinem Bericht beschrieben. Obwohl über Benjamin und den Zweck seiner Reisen nichts bekannt ist, scheinen die vielen detaillierten Angaben zur jeweiligen Anzahl der Juden, deren Verhältnis zur Obrigkeit und die Anzahl der Gelehrten einen praktischen Zweck gehabt zu haben, weshalb auch die These geäussert worden ist, Benjamin könnte sich auf der Suche nach Unterschlupfmöglichkeiten für vertriebene und unterdrückte Juden befunden haben.
Liest man seine Beschreibung der Stadt Bagdad, so gewinnt man den Eindruck, dass Benjamin seine Glaubensbrüder am liebsten hier gewähnt hätte: «Unter der Herrschaft des Kalifen leben sie [die Juden, d. Autor] in Sicherheit, Ruhe und Anerkennung. [...] Bagdad ist eine grosse Stadt von zwanzig Meilen Umfang in einer Gegend von Palmen, Gärten und Obstgärten, wie es dergleichen im ganzen Lande Schin’ar nicht gibt.» Gerade die nicht immer leicht zu identifizierenden Länder- und Städtenamen, wie das biblische Schin’ar, wo die Stadt Babel mit ihrem berühmten Turm beinahe erbaut worden wäre (Genesis 11,1), zeigen jedoch auf, dass es Benjamin nicht nur um eine Darlegung besonders günstiger Geschäftsmöglichkeiten ging, sondern um die Verknüpfung reeller Gegebenheiten mit dem kulturellen Gedächtnis seiner jüdischen Leser.
So ist Bagdad gemäss Benjamin nur einige Tagesreisen von Babel entfernt, «das ist das alte Babel, es ist zerstört. Sein Ruinenfeld erstreckt sich über dreissig Meilen». Nicht von ungefähr deckt sich dieser Augenzeugenbericht Benjamins mit der Überlieferung im Babylonischen Talmud, wonach sich ein Drittel des Turmes erhalten habe; er wird so zur Beglaubigung des Mythos vom Turm von Babel. Benjamin vermittelt den zuhause gebliebenen Lesern die vermeintliche Fremde als eine jüdische Welt, die den solchermassen Gebildeten vertraut vorkommen muss. Verunmöglicht wird so die Trennung von «Fakt» und Fiktion, denn wie soll der Leser entscheiden können, was konstruiert wurde und was nicht? Der Leser aber, der sich um diese Trennung nicht kümmert, kann Benjamins Reisebeschreibung mit dem wohligen Gefühl eines Menschen aufnehmen, der in seinem Glauben bestätigt wird. Mit etwas mehr Distanz kann er aber auch erkennen, wie um sein Vertrauen geworben worden ist.
Zaitun, die sündige Lichterstadt
Zurück zu Jacob d’Ancona. Jacob d’Ancona ist eine frömmelnde Plaudertasche. Ostentativ um einen guten Eindruck beim Allmächtigen besorgt, flicht er in jeden zweiten Satz ein «Gott möge dies verhüten» oder ein «wofür dem Herrn gedankt sei» ein. Im Gegensatz zum vergleichsweise spröden Benjamin von Tudela, in dessen Reisebericht beinahe ausschliesslich Männer – und vorwiegend fromme, jüdische Männer – vorkommen, lässt uns der Anconeser an Gedanken und Gefühlen teilhaben, die von Verdauungsbeschwerden bei der Überfahrt bis zur mehr oder weniger unterdrückten Lust den meisten Frauen gegenüber reicht. Die Seidenstrasse bietet ihm so vor allem Begegnungen mit seinen eigenen menschlichen Schwächen.
In Hormus, zwischen dem heutigen Iran und Oman, wo Händler aus Indien, Europa und China zusammentreffen, geht Jacob zwar, wie jeweils Benjamin, auf den Bildungsstand der einheimischen Juden ein («Sie wissen viel Mischna und Talmud, studieren sie doch Tag und Nacht die Rechte und sie sprechen die Persische Sprache, aber damit ist es nicht zum Besten»), schwelgt aber darauf, mit weitaus mehr Begeisterung, von den einheimischen jüdischen Frauen, die sich in grüne Roben kleiden, Gold an der Brust tragen und, im Gegensatz zu den «Sarazenen-Frauen», ihr Gesicht nicht verbergen, was «in der Tat [...] eine Sünde [wäre], solchermassen ist ihre Schönheit». Aber wenn Jacobs religionsbedingte Keuschheit (seine Frau ist zuhause geblieben) bereits hier ins Wanken gerät, was wird dann in Zaitun geschehen, der Stadt des Lichts, in der ein Rezensent sarkastisch das sündige San Francisco der neunzehnzwanziger Jahre voller Dancings und Bordelle wiedererkannt hat? Dem Leser schwant nichts Gutes. Und tatsächlich findet sich der Fromme, kaum angekommen und nach eigenen Angaben gezwungenermassen, in einem Freudenhaus wieder, in das er dem Leser entrüstet und gebannt zugleich Einblick verschafft: «Ich sah, möge Gott dem Frommen verzeihen, der gegen seinen Willen sehen muss» – was hierauf folgt, kann man sich vorstellen.
Es ist aber gerade diese Absehbarkeit des Geschehens, die den Schlüssel zu Jacobo d’Anconas beziehungsweise David Selbournes Werk darstellt. Macht man sich nämlich bewusst, wie Jacob nach allen Abenteuern wieder ins heimische Ancona zurückkehrte und dort seine Erlebnisse niederschrieb, so erblickt man ihn, wie er die Erlebnisse um seine Faszination vor dem weiblichen Geschlecht so in die Handlung einflicht, dass sie als Vorzeichen für den späteren Sündenfall im Zaituner Bordell gelesen werden – womit sich Jacob als unrettbar triebgesteuert porträtiert. Im Gegensatz dazu stehen aber die ebenfalls eingeflochtenen Anrufungen Gottes, dieser möge ihn bitte sehr vor der Sünde bewahren, weil diese suggerieren, dass Jacob die Rettung durch Gott gerade als möglich erachtet! Dieser Kontrast wirkt in dem Augenblick komisch, in dem man sich seiner bewusst wird und jedes «möge Gott mich davor behüten» als Ankündigung für eine saftige Katastrophe zu lesen beginnt. Dieser komische Effekt fällt jedoch auf das Buch zurück und macht die Augenzeugenberichte Jacobs unzuverlässig. Jacob d’Anconas «Stadt des Lichts» wird damit von einem Reisebericht zu einer von einem Paradox durchdrungenen und also unüberprüfbaren Autobiografie. Woraus folgt, dass selbst, wenn wider alle Lehrmeinung das Originalmanuskript von Jacobs Erzählung auftauchen sollte, dieses Jacobs Beobachtungen auch nicht wahrer oder falscher machen würde. ●
Alexander Alon ist Historiker und lebt in Zürich.


