logo
Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 07/08 Ausgabe: Nr. 7 » July 12, 2010

Abenteuer im 12. Jahrhundert

July 12, 2010
Um 1160 brach ein spanischer Rabbiner zu einer abenteuerlichen Reise auf. Bei seiner Rückkehr dreizehn Jahre später hatte er ein ungewöhnliches Gut im Gepäck: das grösste enzyklopädische Wissen seiner Zeit über die Demografie und die Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung, über Wirtschaftsregionen und Handelsprodukte in Europa, Asien und Nordafrika.
KONSTANTINOPEL Der westliche Endpunkt der Seidenstrasse beherbergte auch eine grosse jüdische Gemeinde, die Benjamin Tudela schilderte

Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Es ist ein besonderer Freudentag und Bagdad zeigt sich aus diesem Anlass von seiner schönsten Seite. Von weit her und aus allen Landesteilen des Reiches sind die Menschen angereist, um ihrem Oberhaupt zu huldigen. Alle wissen, diese Gelegenheit gibt es nur einmal im Jahr, immer zu Ramadan, dem muslimischen Fastenmonat.

Der aufmerksame Beobachter

Nur im neunten Monat des islamischen Kalenders verlässt Kalif Emir al-Mumamin al-Abbassi seinen prachtvollen Palast  und zeigt sich seinem Volk. Feierlich und in Gold und Silber gekleidet, zieht er zum Gebet zur Hauptmoschee. Die Prozessionsteilnehmer sind in Seide und Purpur gehüllt. Singend und tanzend führen seine Untertanen den Zug an. Ein Fremder weilt unter ihnen, aber die  Einheimischen schenken ihm kaum Beachtung. Man ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und durch den regen Handel ohnehin Ausländer und Andersgläubige in der Stadt ge wohnt. Benjamin von Tudela, der jüdische Reisende aus dem fernen Spanien, verfolgt gebannt die Szenerie, spricht mit den Menschen und macht sich ausführliche Notizen.

Wie schon in allen anderen von ihm besuchten Orten und Städten zuvor gilt auch in Bagdad sein besonderes Interesse den Lebensumständen der jüdischen Gemeinde. Er knüpft Kontakte und erfährt die Namen der wichtigsten lokalen jüdischen Persönlichkeiten und der Rabbiner. Manch einem begegnet er auch persönlich. Über den Kalifen erfährt er von den Einheimischen, dass er aus der Abbassiden-Dynastie stammt und somit als ein direkter Nachkomme aus der Familie des Propheten Muhammad gilt. Über Emir Al-Mumamin al-Abbassi  berichten ihm die ansässigen Juden nur Gutes. Tudela notiert sich dazu in seinen Reiseaufzeichnungen Folgendes: Der Kalif gilt als ein freundlicher, gütiger und wohltätiger Mann und als hervorragender Regent aller Untertanen. Besonders loben seine jüdischen Glaubensbrüder die ausgezeichneten Hebräischkenntnisse ihres muslimischen Herrschers, sein immenses Wissen über den mosaischen Glauben und die Gesetze. Für seine Statistik hält Tudela fest, dass um die 1000 Juden in Bagdad leben sollen.

Mit unbekanntem Ziel unterwegs

Wir erfahren von ihm viel über ferne Länder. Aber wer war Rabbi Benjamin von Tudela? Es ist so gut wie nichts über seine Herkunft und Jugendjahre bekannt, auch keine genauen Lebensdaten. Selbst der Name der Mutter ist nirgends überliefert. Nur so viel: Geboren wurde er in Spanien in dem navarresischen Ort Tudela. Sein Vater hiess Jonah. Offensichtlich wurde im Elternhaus sehr viel Wert auf Wissen gelegt. Benjamin genoss eine sehr umfassende Erziehung und galt als ausserordentlich gebildet, auch im Judentum. Ein möglicher Grund, warum er von seinen Zeitgenossen als Rabbi bezeichnet wurde. Ob er tatsächlich als Rabbiner gewirkt hat, ist nicht verbrieft. 1160 verliess Benjamin vonmTudela seine Heimat und brach über Saragossa zu seiner langjährigen Erkundungsreise an.

Über den Anlass oder die Motivation für seine strapaziöse Reise ist ebenfalls nichts zuverlässig überliefert. Benjamin von Tudela könnte Juwelenhändler gewesen sein. Dies wäre eine denkbare Erklärung für sein grosses Interesse an den Handelsrouten der Seidenstrasse und den Austausch von Handelsgütern zwischen China und dem Westen sowie in umgekehrter Richtung. Als Seidenstrasse bezeichnet man seit der Antike ein Netz von Karavanenstrassen, deren Hauptroute Ostasien mit dem Mittelmeer verbindet. Gewöhnlicherweise begleiteten die chinesischen Händler ihre Ware nicht den gesamten Weg nach Westen, sondern nur über kurze Distanzen. An chinesischen Umschlagsplätzen wie Dunhuang oder Jinchang wurden die Handelsgüter an zentralasiatische Mittelsmänner verkauft oder getauscht, welche die Handelswaren zu den Städten der persischen, syrischen und griechischen Kaufleute weitertransportierten.

Schreckensvolle Zeit

Eine weitere Vermutung: Wollte Benjamin von Tudela sichere Pilgerrouten ins Heilige Land erkunden? Wenn ja, vielleicht lag es dann in seiner Absicht, gute Kontakte zu jüdischen Gemeinden zu knüpfen, die ihre spanischen Glaubensbrüder auf dem Pilgerweg und im Heiligen Land beherbergen würden. Benjamin von Tudela lebte in einer für Juden schreckensvollen Zeit. Sowohl in christlich wie auch in islamisch beherrschten Gebieten wurde die Stimmung im Hochmittelalter zunehmend judenfeindlicher. 1145 stürzten die streng gläubigen Almohaden, ein nordafrikanischer Berberstamm, die Dynastie der Almoraviden und fassten Fuss in Spanien. Ihr Begründer Abd al-Mu’min drohte den Christen und Juden: «Ihr habt die Wahl: Islam oder Tod!»

Es war das Ende der bislang toleranten Atmosphäre zwischen Juden und Muslimen. Andersgläubige galten von da an als Gesetzlose. In den Jahren 1147 und 1148 richteten die Kreuzfahrer in Tortosa ein Blutbad unter den Juden an. Das Rheinland wurde von grausamen antijüdischen Ausschreitungen in den sogenannten «Schum-Gemeinden», mit denen die Orte Speyer, Worms und Mainz gemeint sind, erschüttert. Vielleicht wollte Rabbi Benjamin von Tudela sichere Fluchtwege und Exilmöglichkeiten für die spanischen Juden erkunden.

Von Europa bis nach Asien

Das Reisen war unbequem. Der Mann aus Tudela nahm grosse Strapazen und Gefahren auf sich. Mancherorts herrschten politische Unruhen und kämpferische Auseinandersetzungen. Seine Reiseroute verlief von Spanien aus zunächst durch mehrere Länder Europas. Eine besonders lange Zeit scheint er in Konstantinopel verbracht zu haben. Die Stadt am Bosporus markierte den westlichen Endpunkt einer der Handelswege der Seidenstrasse.

Viele Juden waren Händler oder erfolgreich in der Seidenproduktion tätig. Obwohl es einige von ihnen zu grossem Reichtum gebracht hatten, beschrieb Tudela die Gesamtsituation für die Juden im Vergleich zu anderen Orten als schwierig. Nur der angesehene Rabbi Shlomo Hamitrsi, der am königlichen Hof diente, konnte hin und wieder seinen Einfluss  geltend machen und Repressalien gegenüber den Juden wirksam entgegenwirken. Von Konstantinopel aus reiste der rastlose Benjamin in den Libanon und betrat dann endlich den Boden des Heiligen Landes. Tudela besuchte Orte wie Nablus, Akko, Tiberias und Bethlehem und wir erfahren Wissenswertes über die Drusen, Garizim und Samariter. Seine detaillierten Schilderungen aus Jerusalem und dem Leben der Menschen sind wohl einmalig für seine Zeit. Über Belinas, dem historischen Dan, setzte er seine Reise in die berühmten syrischen Handelsstädte Damaskus und Aleppo fort. Auch hier betrieben die Menschen Handel über das Routennetz der Seidenstrasse. Den Abstand der von ihm bereisten Orte gab Benjamin von Tudela in seinen Reiseaufzeichnungen in Tagesreisen oder in «Parasangen» an, wobei eine Tagesreise 10 Parasangen entspricht und eine Parasange etwa vier Kilometer sind.

Von Syrien aus zog es ihn weiter nach Bagdad. Unter dem nachhaltigen Eindruck der Begegnung mit dem Kalifen während des Ramadan-Festes reiste er in Mesopotamien bis an die persische Grenze. Auch hier traf er auf Zwischenhändler der Seidenstrasse. Von ihnen sammelte er eifrig Informationen über jüdische Gemeinden in Persien. An der Malabarküste Indiens begegnete er chinesischen Kaufleuten. Er nutzte die einmalige Gelegenheit und erfuhr von ihnen von Juden in China. Benjamin von Tudela war wohl der erste Europäer, der vom Handel mit Indien berichtet und in dessen Reiseaufzeichnungen das Wort Tibet auftaucht. Der Name Tibet ist vom arabischen tubbat abgeleitet und bezeichnet ein turk-mongolisches Volk. Nach alttibetischen Quellen aus dem achten Jahrhundert nannten sich die Tibeter selbst Pöpa und ihr Land Pö oder Pöyul. Seine Heimreise trat er über die Arabische Halbinsel an. Auch in Ägypten verbrachte der Reisende noch einmal eine längere Zeit; auch hier machte er sich Notizen für seinen späteren Reisebericht.

Rückkehr und Tod

1173 kehrte Benjamin von Tudela in seine Heimat Spanien zurück. 13 lange Jahre war er unterwegs gewesen. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr starb er noch im selben Jahr in Kastilien. 300 Orte soll Benjamin besucht haben. Nicht immer sind seine Angaben absolut zuverlässig. An manchen Orten ist er nie persönlich gewesen und stützte sich ausschliesslich auf Angaben und Aussagen anderer, meist Händler der Seidenstrasse. Benjamin von Tudela zitierte aber immer gewissenhaft seine Quellen. Historiker betrachten ihn daher dennoch als sehr vertrauenswürdig. Der Rabbi aus Tudela verfasste seinen Reisebericht, den Masa’ot schel Binjamin min Tudela, auf Hebräisch. 1543 wurde sein Werk in Konstantinopel erstmals ins Lateinische übersetzt, später in alle wichtigen europäischen Sprachen. Einhundert Jahre nach Benjamin von Tudela wagten die venezianischen Gebrüder Polo das Abenteuer und reisten gen Osten. 1325 bis 1353 folgten die berühmten Reisen des Arabers Ibn Battuta.

Was auch immer den Mann aus Tudela zu seiner ungewöhnlichen Reise in ferne Länder bewegt haben mag, eines steht fest: Der Nachwelt gilt Rabbi Benjamin von Tudela als der bedeutendste jüdische Reisende des Mittelalters.            ●

Gundula Madeleine Tegtmeyer ist Journalistin und lebt in Deutschland und Israel.

 





» zurück zur Auswahl