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9. Juli 2010, Küche Beilage 27 Ausgabe: Nr. 1 » July 8, 2010

Vitale Gegenwart im Bewusstsein des Schreckens

von Gérard Wirtz, July 8, 2010
Strassburg, die Schöne – ein Attribut, das einst der Elsässer Metropole galt. Inzwischen ist sie eine stolze Europäerin, die nicht nur die Besetzung, sondern auch den Bombenhagel ihrer Befreier überstanden hat. Attraktiver denn je, kann die Stadt am Rheint ihren Titel bis heute unumstritten verteidigen.
KLEIN, ABER FEIN Das Restaurant Le King ist jeden Tag gerappelt voll

Die mit 640 000 Einwohnern von den Alteingesessenen im Dialekt liebevoll «Schdrossburi» genannte Stadt ist mit ihrer Agglomeration die grösste Stadt Ostfrankreichs und in den Medien vor allem bekannt durch ihre vielen europäischen Einrichtungen wie etwa den Gerichtshof für Menschenrechte. Und dafür, dass in den sozialen Problemvierteln jeweils zu Silvester mutwillig Autos abgefackelt werden.

Günstige Anbindung

Nicht zuletzt dank ihrer Lage am heutigen Grenzfluss Rhein zieht die attraktive Stadt mit ihren vielen Baudenkmälern, Museen, Parks und Wasserläufen das ganze Jahr hindurch massenhaft Touristen an. Seit auch Strassburg das Tram als modernes Verkehrsmittel entdeckt hat, dessen Netz jetzt laufend ausgebaut wird, sind die breiten langen Boulevards für die Besucher kein Hindernis mehr, die Stadt nach allen Himmelsrichtungen bequem und kostengünstig zu erkunden. Verkehrstechnisch getoppt wurde «die Schöne» durch ihre Anbindung an den TGV Est nach Paris vor zwei Jahren.

Der kumulierte Zeitgewinn erlaubt es heute, auch gelegentlich in die reizvollen Gegenden des kulturellen Schmelztiegels abseits der Reisebus-Destinationen im Ansichtskartenrayon der Metropole vorzustossen. Dorthin etwa, wo modernes
urbanes Leben sichtbar vom Puls der Geschichte befeuert wird.

Jüdisches Leben

Dass in dieser einstmals deutschen Stadt heute mit rund 16 000 Mitgliedern eine der grössten jüdischen Gemeinden Frankreichs lebt, kann man in jedem Reiseprospekt nachlesen. Kein Wunder, hat doch im Elsass seit Jahrhunderten jüdisches Leben stattgefunden, wenn auch mit grausamen Zäsuren. In Strassburg ist eine jüdische Gemeinde bis ins 12. Jahrhundert zurück belegt.

Ihren heutigen Status verdankt die Gemeinde den vor den Nazis fliehenden deutschen Juden und der Rückwanderung der Elsässer nach der Schoah, die im Elsass 5000 Opfer gekostet hat. Sephardische Einwanderer aus Nordafrika brachten in den sechziger Jahren frischen Wind in die Szene. Mehr oder weniger unbelastet von der Schoah, bringen die Marokkaner eine freundliche Lockerheit mit, die offenbar ansteckend wirkt. Weiter westlich vom Parc des Contades, wo an der Avenue de la Paix die grosse Synagoge vom 1958 steht und das heutige jüdische Viertel dominiert, das neugierige Touristen anlockt, befindet sich unweit der École Militaire die Rue de Sellenick.

Begehrte koschere Küche

Hier kehrt man im Le King ein, einem winzigen koscheren Lokal mit noch kleinerem Wirts­hausschild. Die rund 20 Vierertische, je nach Vorbestellung zu grösseren und kleineren Einheiten zusammengestellt, sind ausser Freitag und Samstag jeden Tag besetzt. Wer zu spät kommt oder nicht reserviert hat, wartet geduldig am Tresen, bis ein Platz frei wird.

Jeder, der ins Le King kommt, nimmt das in Kauf, auch wenn es eine Stunde dauert. Der Geräuschpegel ist hoch, die Konversationen sind angeregt, französisch, aber auch maghrebinisch. Die älteren Damen mit Hut tauschen sich mit zusammengerückten Köpfen auf Jiddisch oder in Elsässer Jüdisch aus. Zum Glück habe ich meine Kippa dabei. Ohne geht’s hier nur mit Hut. Vor mir wartet ein Student mit Schläfenlocken und Ziziot am Jeansgürtel auf einen Platz und bringt sein iPhone zum Glühen.

Michel, der Dompteur

Kinder kommen angerannt und holen sich mehrere Dosen Cola zugleich aus dem gläsernen Kühlschrank auf der Seite. Mein späterer Tischnachbar, ein Informatiker, mit seiner zu spät kommenden Kameradin, hat schon drei Cola Zero mit scharfem Knall erledigt, bevor wir endlich eingewiesen werden. Meister der Szene ist einzig und allein Michel, der einem Dompteur gleicht und mit geübtem Schwung, ohne mit der Wimper zu zucken, elegant aufträgt: Teller, Schüsseln, Schälchen, Gläser und Flaschen. Das dauernde Schnippen der hochgereckten Finger ignoriert er majestätisch und verschwindet hinter der Schwingtüre.

Und schon ist er wieder da. Mit einer Chromplatte  Stangenbohnen und zwei Platten mit Côtes de veau an Zwiebelkompott. Die Bestellung am Nebentisch mit zwei ernst verhandelnden Geschäftleuten im dunklen Zwirn wird lange und kompliziert. Michel hört zu, widerspricht, legt erneut die Karte vor und beschwichtigt nach hinten eine junge Frau mit modischer Bob-Perücke und vier Bengeln am Tisch, die sich langweilen und den Kühlschrank schon wieder im Visier haben.

Im Le King fühle ich mich aufgehoben und umsorgt, wie schon lange nicht mehr. Die Unterhaltung ist gratis und grossartig. Das Essen, als es dann endlich auch bei uns ankommt, schön und perfekt: Der Caviar d’aubergine, die Filets vom Rouget auf Salat, die Foie de veau à l échalote und zum Schluss frische Erdbeeren. Leider ist der Kaffee, in dem ich rühre, nicht maghrebinisch, sondern – welch ein Luxus – von Nespresso. Während nach und nach ein paar Plätze frei werden, lasse ich mir durch den Kopf gehen, wo ich mich hier eigentlich befinde.

Hautnah an der Geschichte

Schräg hinter dem Lokal ist die Hausnummer 11. Yolande Lagrave von der örtlichen Résistance, welche die deutsche Besatzung überlebt hat, schrieb an ihre in Pforzheim am 30. November 1944 von den Nazis ermordete Kameradin: «Je zwei in einem Abteil, ohne Licht und frische Luft, durchquerten wir Paris und befanden uns dann am Gare de l’Est. Der Zug fuhr am Abend ab, wir sind die ganze Nacht gefahren und um sieben Uhr am Morgen waren wir in Strassburg. Eine Gruppe der Gestapo führte uns ab in eine ihrer Verwaltungszentralen, einem herrlichen Gebäude in der Rue Sellenick Nr. 11.» Es war der Sitz der jüdischen Gemeinde, ab 1940 beschlagnahmt und Sitz der deutschen Gestapo in Strassburg. 







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