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9. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 27 Ausgabe: Nr. 27 » July 8, 2010

Der dritte Libanon-Krieg

July 8, 2010
Ari Shavit Zur Lage in israel

Der dritte Libanon-Krieg wird ungefähr so aussehen: Innerhalb von drei bis vier Tagen werden 2000 bis 3000 Raketen auf Israel niederregnen. Die meisten von ihnen werden Kurzstreckengeschosse sein, die nördlich von Haifa landen werden. Eine kleine Anzahl von Mittelstreckenraketen wird von Herzlia an gegen Norden einschlagen, und eine noch kleinere Zahl von Langstreckenraketen geht in diesem Krieg auf Tel Aviv, das Zentrum des Landes und den nördlichen
Negev nieder.

Von 160 zu Raketenbasen gewordenen Schiitendörfern in Südlibanon aus wird Israels ziviles und militärisches Hinterland attackiert werden wie nie zuvor. Die israelische Antwort wird heftig sein. Die Luftwaffe wird sogar Stellungen der Hizbollah zerstören, die sich in der Nähe von Krankenhäusern und Schulen befinden. Die israelische Armee wird auch dann Ziele der Hizbollah zerstören, wenn eine Bodenoffensive schwere Verluste nach sich zieht. Als Ergebnis der israelischen Gegenangriffe wird das Raketenfeuer allmählich nachlassen und dann ganz verstummen.

In Libanon werde Tausende zu Grabe getragen werden, darunter viele Zivilisten. In Israel werden Hunderte von Soldaten, Frauen und Kindern begraben werden. Der dritte Libanon-Krieg wird eine viel heftigere Version der zweiten Auflage sein, und die Konsequenzen werden sich mit jenen des Jom-Kippur-Kriegs vergleichen ­lassen.

Eine Welle von Gerüchten hat sich in letzter Zeit über ganz Israel ausgebreitet: Noch in diesem Sommer werde ein Krieg ausbrechen. Die Gerüchte sind übertrieben und verfrüht. Zurzeit ist es ruhig an der Nordgrenze; Syrien und die Hizbollah bekunden Respekt. Weil sowohl der syrische Präsident Bashar Assad als auch Hizbollah-General­sekretär Hassan Nasrallah wissen, was sie im Falle eines Angriffs erwarten würde, sind sie an einem unmittelbaren Aufflammen der Gewalt nicht interessiert. Jeder weiss, dass der nächste Krieg ein schrecklicher sein wird, weshalb niemand es eilig hat, ihn vom Zaune zu brechen. Keiner riskiert einen begrenzten gewaltsamen Zwischenfall, der nur allzu leicht in eine breit angelegte, präzedenzlose Operation münden könnte.

Ein echtes Gleichgewicht des Schreckens stabilisiert die Ruhe, und wir können uns weiter dem Alltag widmen und Volleyball am Meeresstrand spielen. Der dritte Libanon-Krieg wird nicht morgen ausbrechen, doch übermorgen dürfte es dann so weit sein.

Zwei Szenarien werden übermorgen möglicherweise für den Kriegsausbruch verantwortlich zeichnen. Eines ist ein israelischer Angriff auf Iran. Zweifelsohne wird der iranische Präsident im Fall einesisraelischen Angriffs auf sich und sein Land mit Hilfe seiner Fronttruppen südlich des libanesischen Litani-Flusses zurückschlagen.

Das zweite Szenario ist die nukleare Aufrüstung Teherans. Kurz nachdem Iran unkonventionelle Kapazitäten haben wird, wird es sich frei fühlen, einen unkonventionellen Krieg zu lancieren, der Israel blutend und geschwächt zurücklassen würde. Egal, ob Israel attackiert würde oder ob Iran zur Nuklearmacht wird: Das Resultat wird der gleiche Raketenkrieg im Norden sein.

Im Weissen Haus hat Binyamin Netyanhu vor wenigen Tagen vor allem über Iran gesprochen, während sein Gastgeber Präsident Barack Obama die Palästinenserfrage zur Debatte stellte. Beide Staatsmänner hätten allerdings mehr über den dritten Libanon-Krieg reden sollen, dürfte dieser Krieg doch während ihrer Amtsperioden ausbrechen und mit ihren Namen in Verbindung stehen. Diesen Krieg müssen Netanyahu und Obama zu verhindern trachten. Um das zu tun, muss Obama zwei Schritte unternehmen: Er muss aufhören, Israel in die Ecke zu drängen, und er muss Führungsqualitäten beweisen. Bis jetzt hat Obama eher das Gegenteil getan. Er befasst sich nur zögernd mit der iranischen Angelegenheit, und er vermittelt dem Nahen Osten einen Mangel an Entschlossenheit.

Netanyahu wiederum muss zur Verhinderung des dritten Libanon-Kriegs zwei Dinge tun: Er muss Israel aus der Isolation holen, und er muss proaktive Führungsqualitäten vorweisen. Bis jetzt macht er genau das Gegenteil. Genauso wie vor dem zweiten Libanon-Krieg die Notfallregale der IDF leer waren, sind heute die «diplomatischen Notfallregale» leer. Wenn Israel Gewalt einsetzen muss, um sich zu verteidigen, wird das niemand verstehen und ihm zur Seite stehen. Ironischerweise hat Israel unter einem an die Macht der Diplomatie glaubenden Regierungschef die totale Isolation erreicht und eine gefährliche diplomatische Schwäche, die den nächsten Krieg näher bringt.

Obama und Netanyahu müssen aufwachen. Der Deal ist ein bekannter: Entschlossenes amerikanisches Auftreten gegenüber Iran im Austausch gegen eine entschlossene israelische Initiative gegenüber Syrien und den Palästinensern. Diesen Deal können nur die beiden Staatsmänner unter Dach und Fach bringen. Wenn sie ihre Methoden nicht ändern und nicht lernen, miteinander zu arbeiten, werden Obama und Netanyahu persönlich für die Folgen des dritten Libanon-Kriegs verantwortlich zeichnen.

Ari Shavit ist politischer Kommentator bei «Haaretz».





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