Stimmen zum Tod von Alfred Donath
Nachruf von Micheline Calmy-Rey
Kritik an der Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey übte Alfred Donath häufig, wenn ihm ihre Nahostpolitik zu wenig ausgewogen schien, und er trug ihr diese Kritik auch persönlich vor. Dennoch liess sie es sich nicht nehmen, nach der Landung in der Schweiz für tachles einen Nachruf für Alfred Donath zu schreiben, der von gegenseitigem Respekt zeugt.
Kritik und Respekt
Soeben von meinem Aufenthalt in China zurückgekehrt, erreichte mich die Nachricht vom plötzlichen Tod Alfred Donaths. Sein Hinschied erfüllt mich mit grosser Trauer. Ich entbiete seinen Familienangehörigen meine aufrichtige Anteilnahme und bin mit ihnen in dieser schweren Zeit in Gedanken herzlich verbunden.
In seiner Eigenschaft als Präsident des SIG bin ich Herrn Donath mehrmals begegnet, und ich habe ihn als einen differenzierten, fairen und engagierten Menschen des konstruktiven Dialogs kennengelernt.
Differenziert und fair: Weil Herr Donath, bei aller Kritik, immer ausserordentlich respektvoll blieb und seine Anliegen immer sachlich vertrat. Er war ein anregender Gesprächspartner.
Engagiert: Ich habe Herrn Donath als offen und zukunftsorientiert erlebt, gerade auch im Zusammenhang mit neuen Projekten. Als die Schweiz im Jahre 2004 der «Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research» (ITF) beitrat und, als einziges Mitgliedsland, eine «Begleitgruppe» aus Vertretern jüdischer und im Bildungswesen tätiger Institutionen schuf, hatten wir in Herrn Donath einen ausgezeichneten Gesprächspartner, der dem EDA seine uneingeschränkte Unterstützung und sein umfangreiches Fachwissen zusicherte. Darüber hinaus hat Herr Donath bis zu seinem Rücktritt als Präsident des SIG im Jahre 2008 regelmässig an den zweimal jährlich stattfindenden Sitzungen der ITF-Begleitgruppe teilgenommen. Wie sein Vorgänger Rolf Bloch war Alfred Donath ein Mann des konstruktiven Dialogs. Seine interessierte Teilnahme zeugte von der Bedeutung, die die jüdischen Gemeinden in der Schweiz dem Engagement der Eidgenossenschaft – vertreten durch den Bund und besonders durch das EDA – beimessen, um die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wach zu halten, ihr Andenken zu ehren und an der Ausarbeitung von Lehrmitteln über dieses furchtbare und tragische Ereignis der jüngsten europäischen Geschichte mitzuwirken.
In Anlehnung an einen Beschluss des Europarates wird nun auch in der Schweiz jedes Jahr am 27. Januar der Opfer der Schoah gedacht und viele Schulen in der ganzen Schweiz planen und führen Veranstaltungen durch.
Anlässlich der letzten Delegiertenversammlung des SIG in La-Chaux-de-Fonds am 30. April 2008, an welcher Alfred Donath als Präsident teilgenommen hat, waren auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, und Bundespräsident Pascal Couchepin anwesend. Es fanden Gespräche statt, an welchen Alfred Donath ebenfalls teilnahm. Diese Gespräche stellten für Herrn Donath «die Bande der Freundschaft zwischen dem Jüdischen Weltkongress und der Schweiz wieder her», und Bundespräsident Couchepin erwähnte die «sérénité retrouvée» nach der langwierigen Angelegenheit der «Nachrichtenlosen Vermögen». Das ist auch das Verdienst von Alfred Donath.
Mit tief empfundenem Beileid
Micheline Calmy-Rey
Alt Bundesrat Pascal Couchepin
Ein Mitglied der Familie
Ich war sehr traurig, als ich vom plötzlichen Tod von Alfred Donath erfuhr und auch überrascht. Wir hatten uns erst vor zwei Wochen noch gesehen, in Genf, und wir freuten uns auf die Feier im September, an der wir beide ins Goldene Buch des SIG eingetragen werden sollten. Für uns war es eine besondere Genugtuung, dass wir diese Ehrung gemeinsam erhalten würden.
Ich lernte Alfred Donath vor zehn Jahren kennen, als er Präsident des SIG wurde und mit mir zusammen das Problem des Schächtens anging. Wir haben es nicht gelöst, aber wir haben eine mögliche Lösung gefunden. Natürlich war das Thema am Anfang schwierig. Aber wir haben über die Grundsätze gesprochen, was das Schächten religiös bedeutet und was für Schweizer Bürger, und dann fanden wir gemeinsam eine Lösung, die keine Opposition bei der jüdischen Gemeinschaft und auch nicht bei den hartnäckigen Verteidigern der Tiere verursachte.
Auch nachher haben wir weiter über vieles gesprochen. Ich war auch mit ihm, als er sein Amt niederlegte. Wir sassen nebeneinander in der Synagoge von La Chaux-de-Fonds, und ich fand damals wirklich, dass er ein Mitglied der Familie war. Wir teilten viele Werte, trotz unserer Unterschiede, aber diese brachten uns einander noch näher. Sein Tod ist für mich sehr traurig. Es fehlt jemand, mit dem ich freundschaftlich reden kann.
Rolf Bloch, Vorgänger im Amt des SIG-Präsidenten
Ausgleichend und verbindend
Tragisch, dass diese jüdische Stimme so früh verstummte, eine Stimme, die sich immer wieder für die Juden in der Schweiz und für Israel eingesetzt hat und, was wichtig ist, in der Westschweiz gehört wurde, aber auch auf europäischer Ebene. Alfred Donath war einer der SIG-Präsidenten, die sich für die spezifisch-jüdischen Aspekte dank seiner Kenntnisse einsetzte.Er verlor sie nie aus den Augen, er brachte sie jeweils ein.
Alfred Donath hat keinen persönlichen Einsatz gescheut und viel Arbeit auf sich genommen. Er hat alle angehört, um Lösungen für Probleme zu finden, was nicht immer leicht war und viel Zeit erforderte. Er bemühte sich stets, ausgleichend zu wirken. Er war ein verbindendes Element, er hat die Westschweiz und die Deutschschweiz, die Schweiz und Europa in alle Richtungen vernetzt. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen und Organisationen, zum Beispiel «Save a Child’s Heart», noch gerne weiterhin mit seiner Erfahrung hätten rechnen wollen.
Jüdischer Weltkongress trauert um Alfred Donath
Hart, aber immer fair
Mit Trauer und Bestürzung hat die Führung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) die Nachricht vom plötzlichen Tod des ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Professor Alfred Donath, vernommen, der im Alter von 78 Jahren in Genf verstarb.
WJC-Präsident Ronald S. Lauder würdigte Donath als einen grossen und streitbaren jüdischen Führer der Schweiz: «Alfred Donath kämpfte hart, wenn es darum ging, das Schweizer Judentum gegen alle möglichen Angriffe zu verteidigen. Er war, wenn notwendig, unbequem, aber immer auch fair und auf Ausgleich bedacht. Er hinterlässt ein grossartiges Erbe, besonders seine Initiativen im interreligiösen Dialog, die gute Fortschritte ermöglichten. Als Vizepräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses und als regelmässiger Teilnehmer der Treffen des WJC war er auch ein wichtiger Freund und Fürsprecher Israels. Er wird der WJC-Familie sehr fehlen.»
Pfarrer Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und des Rates der Religionen
Der jüdisch-christliche Dialog als Anliegen
Ich habe Alfred Donath ausserordentlich geschätzt. Der jüdisch-christliche und der jüdisch-evangelische Dialog waren ihm ein grosses Anliegen, und er setzte sich mit viel Engagement auf seine verbindliche, herzliche Art für die Sache der Juden ein. Wir hatten wie heute regelmässige Gespräche zwischen SIG und SEK und nahmen jedes Jahr zusammen teil an einer Sitzung der evangelisch-jüdischen Gesprächskommission. 2007 feierten wir auf dem Seelisberg 60 Jahre
jüdisch-christlichen Dialog. In seinem Votum unterstrich Donath damals, was Juden und Christen eine, sei viel wichtiger als das, was sie trenne, und beide würden zum gleichen Ziel streben, nämlich dem Kommen des Reichs Gottes.
Er nahm 2003 die Initiative zur Schaffung eines Schweizerischen Rates der Religionen sehr positiv auf und prägte die ersten Jahre stark mit, denn die interreligiöse Verständigung schien ihm unabdingbar für ein friedliches Zusammenleben. Wir vertraten auch gemeinsame politische Positionen in der Öffentlichkeit und gemeinsame Anliegen an den Bundesrat, wie beim Schächtverbot oder in der Asylgesetzgebung.


