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2. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 26 Ausgabe: Nr. 26 » July 1, 2010

Lebt Mohammed Al-Durah noch?

July 1, 2010
Eim brisantes Thema behandelt bereits der erste Dokumentarfilm der Sommerserie «Kulturplatz extra – Medienwelten» des Schweizer Fernsehens am 7. Juli um 22.50 Uhr: Die deutsche TV-Journalistin Esther Schapira und ihr Co-Autor Georg M. Hafner gehen in «Das Kind, der Tod und die Wahrheit – Das Rätsel um den Palästinenserjungen Mohammed Al-Durah» der Frage nach, ob Mohammed noch lebt.

Die französischen Fernsehbilder gingen im September 2000 um die Welt: Ein 12-jähriger Palästinenserbub wurde anscheinend in den Armen seines Vaters erschossen, und alle Welt gab den israelischen Soldaten die Schuld. Zwei Jahre später schloss Esther Schapira in einem ersten Film nahezu aus, dass Israeli geschossen hatten. In ihrem zweiten Film geht sie gemeinsam mit Georg M. Hafner der Frage nach, ob die berühmte Szene eine Fälschung, ein gestelltes Propagandabild sein könnte, wie dies seit Jahren behauptet und von einem französischen Gericht kürzlich bestätigt wurde. Auch für den zweiten Film ergaben die Recherchen keinen Beleg, dass Mohammed Al-Durah überhaupt gestorben ist.

«Ich freue mich, dass unser Film im Schweizer Fernsehen gezeigt wird», sagt Esther Schapira zu tachles: «Das Thema erregte weltweit Aufsehen und geht uns alle an. Als Zuschauer von Nachrichten bilden wir uns eine Meinung anhand von Medienbildern. Bevor ich den ersten Film drehte, war ich wie alle Welt tief überzeugt, dass das Kind von Israeli erschossen wurde. Ich wollte herausfinden, was es für die Moral von Soldaten bedeutete, ein Kind erschossen zu haben und für einen Vater, sein Kind nicht schützen zu können, doch das Resultat war anders als erwartet. Der zweite Film vertieft das Thema. Jetzt ist es unklar, ob überhaupt jemand geschossen hat, ob da Kind wirklich tot ist.»

Esther Schapira zitiert Amos Oz, der den Nahostkonflikt als «Konflikt zwischen richtig und richtig» bezeichnet: «Er tangiert mich persönlich sehr, und ich setze mich seit Jahrzehnten mit diesem kleinen Fleck Erde auseinander.» Anhand der Szene des Palästinenserkindes untersucht sie, wie fragwürdig Medienbilder sein können, die sie selber als Journalistin und Zuschauerin erschüttern und die sich dann als wenig wahrhaftig erweisen. «Wir Journalisten müssen extrem aufpassen, uns nicht vereinnahmen zu lassen», sagt sie. «Viele von uns haben in einem Konflikt Sympathien für eine Seite, das macht anfällig für Manipulation.»

Im Nahostkonflikt, so Schapira, spiele mit, dass viele Kollegen von vornherein für die Anliegen der Palästinenser sehr aufgeschlossen seien und Israel als brutale Besatzungsmacht sehen. So erlebte sie wegen beider – preisgekrönter – Filme feindliche Reaktionen, bis hin zu Morddrohungen, und viel Kritik von Berufskollegen. «Wenn wir die Grenze verwischen zwischen dem, was ein Bild wirklich zeigt und dem, was wir hineinsehen, verwischt sich die Grenze zwischen Journalismus und Agitprop.» Aber der Nahe Osten ist emotional aufgeladen, sagt sie: «Die Palästinenser würden die Mehrheit nicht so interessieren, wenn auf der anderen Seite nicht Juden stünden. Die Situation der Palästinenser in Jordanien ist keine einzige Schlagzeile wert. Es geht immer gegen die Juden.»

Nachdem sich Esther Schapira für den Hessischen Rundfunk seit Jahrzehnten mit Neonazis und Ausländerfeindlichkeit beschäftigte, gönnt sie sich eine thematische Auszeit und dreht ein Porträt über Luciano Pavarotti, das am 6. September in der ARD um 21 Uhr zu sehen sein wird: «Für einmal kein Fanatismus, sondern nur viel Leidenschaft. Aber anschliessend kehre ich sicher zu meinen alten Themen zurück, denn die bleiben uns ja erhalten.»





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