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2. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 26 Ausgabe: Nr. 26 » July 1, 2010

Er wird fehlen

Von Gisela Blau, July 1, 2010
Die Trauer ist gross und aufrichtig. Alfred Donath wurde unerwartet aus dem vollen Leben gerissen. In Erinnerung bleiben die Herzlichkeit und der Optimismus des ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG).
WEGGEFÄHRTEN UND FREUNDE Rolf Bloch, Pascal Couchepin und Alfred Donath (v.l.n.r.)

Einen seiner letzten Auftritte als Würdenträger des SIG genoss Alfred Donath im Mai am Vorabend der Delegiertenversammlung 2010 an seinem Wohnort Genf: Ihm wurde die Ehre zuteil, mit seinem schönen Tenor das «Birkat Hamason», das Tischgebet nach dem offiziellen Diner, zu singen und zu rezitieren. Eine passende Aufgabe, denn «er war ein Mensch, der tief verankert in seinem Glauben war und dessen Handlungen in seinem Glauben verankert waren», wie der amtierende SIG-Präsident Herbert Winter am Dienstagabend in seiner Trauerrede während der Abdankung sagte. Winter zeigte sich dankbar für die taktvolle Hilfe, die ihm sein Vorgänger bei seiner Amtsübernahme zuteil werden liess, und er erinnerte an Alfred Donaths «immense Erfahrung, seine Bescheidenheit, Freundlichkeit seinen Optimismus und Humor, an seinen Respekt vor den Mitmenschen, die dem SIG und allen fehlen werden». Am meisten sicher seiner Ehefrau Lea, seinen drei Söhnen und zwei Töchtern und den zehn Enkelkindern.

Mit dem Herzen

Der 1932 geborene Rabbinersohn Alfred Donath studierte Medizin und machte am Genfer Universitätsspital eine grosse Karriere als Chef der Abteilung für Nuklearmedizin, Direktor der Radiologie und langjähriger Vizekanzler der Universität. Als Experte wurde er häufig von verschiedenen Gremien wie dem Bund und der Weltgesundheitsorganisation beigezogen. Doch die Karriere, die ihm wohl am meisten am Herzen lag, machte er in der jüdischen Gemeinschaft. Bereits in Bern, wo er Assistenzprofessor für Pädiatrie war, bevor er sich auf die Nuklearmedizin spezialisierte, diente er als Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Ein Vierteljahrhundert lang war er für den SIG tätig, zuletzt, von 2000 bis 2008, als Präsident. Die grösste Ehrung, die der Dachverband zu vergeben hat, der Eintrag ins Goldene Buch des SIG, die ihm gemeinsam mit alt Bundesrat Pascal
Couchepin im September zuteil werden sollte, hat er nicht mehr erlebt.

Alfred Donath war die Liebenswürdigkeit in Person. Kein lautes Wort gegenüber Menschen ist bekannt; ihr Wohlergehen war ihm immer eine Frage wert. Laute Politik lag ihm nicht, aber zusammen mit Bundesrat Pascal Couchepin, damals Volkswirtschaftsminister, ging er die heikle Frage einer Aufhebung des Schächtverbots an. Als er sah, dass sich die geballte Opposition der Tierschützer in Teilen der Öffentlichkeit in blanken Judenhass verwandelte, hatte Alfred Donath die Weisheit, auf diese grundlegende politische Änderung zu verzichten. Ein Herzensanliegen war ihm der interreligiöse Dialog, den er massgeblich beeinflusste.

Einsatz für Recht

Doch der SIG-Präsident konnte bei aller Konzilianz auch hartnäckig sein. Als er erfuhr, dass Israel Singer, der damalige starke Mann des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in New York, offensichtlich finanzielle Unregelmässigkeiten über ein Konto des Genfer WJC-Büros abwickelte, bestand Donath gegen erbitterten Widerstand auf einer Untersuchung dieser Vorgänge. Auf Grundlage der tachles-Recherchen und der kontinuierlichen Berichterstattung liess Donath nicht locker. Nachdem Singers Schuld auf verschiedenen Wegen erwiesen war und dieser durch den damaligen WJC-Präsidenten fristlos entlassen wurde, war dies in hohem Masse das Verdienst Alfred Donaths. Doch die europäischen jüdischen Präsidenten-Kollegen behandelten ihn während seines hartnäckigen Kampfes um die Wahrheit wie einen Paria und belegten ihn einstimmig mit einem veritablen Bann. Sein Einsatz wurde ihm schlecht gelohnt, obwohl er, wie ihn der frühere SIG-Präsident Michael Kohn charakterisiert, ein Europäer war und sich stets für die von Kohn begonnene Öffnung gegenüber dem jüdischen Europa stark gemacht hatte. Nach Singers unrühmlichem Abgang kamen aus Europa höchstens lauwarme Entschuldigungen, aber Donath zog grossherzig einen Strich darunter, wie er auch begründete Führungskritik von tachles sportlich nahm – im Gegensatz zu manchen Geschäftsleitungskollegen. Mit dem neuen EJC-Präsidenten Moshe Kantor arbeitete er gut zusammen, war zwei Jahre lang Vizepräsident des EJC und bis zuletzt Präsident der EJC-Kommission gegen Antisemitismus. Auch die Beziehung zum neuen WJC-Präsidenten Ronald Lauder war ungetrübt. Wo immer sich Alfred Donath seit zwei Jahren mit Enthusiasmus engagiert hatte: Er wird fehlen (vgl. S. 8). 






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