Die Frucht darf nicht absterben!
Offenbar ist die israelische Öffentlichkeit sich der Entwicklungen gar nicht richtig bewusst: Das jüdische Volk schrumpft. Die Assimilation bedroht das jüdische Volk von innen her, und in einer Generation wird in der Diaspora die Zahl der sich als Juden definierenden Menschen um Dutzende von Prozenten gesunken sein. Und als ob das nicht reichen würde, weisen Erhebungen der letzten Zeit mit besorgniserregender Konsistenz darauf hin, dass die Verbindung zwischen jungen Juden in der Diaspora und Israel stetig schwächer wird.
Beschleunigt wird dieser Prozess «dank» der antiisraelischen Hetze unserer Feinde. Wer noch der Illusion verhaftet war, die Welt werde Israel gerne haben, wenn wir uns dem Club der entwickelten Nationen zugesellen oder wenn Israeli einen Nobelpreis gewinnen, der hat seit der Episode der Gaza-Flotille seine Meinung auch von Grund auf revidieren müssen. Die furchtbare Feindseligkeit gegenüber Israel sickert auch in die jüdische Welt ein, was nach Ansicht der Experten ein weiterer Grund dafür ist, dass junge Juden, vor allem an Hochschulen und Universitäten, alle Verbindungen zu Israel kappen. Recht oft treffe ich Studierende im Ausland, denen es peinlich ist, ihre Jüdischkeit öffentlich zur Schau zu stellen. Nicht selten sagen diese Jugendlichen, sie würden sich besser fühlen, wenn Israel gar nicht existierte.
Diese konkrete Drohung einer dramatischen zahlenmässigen Reduktion unseres Volkes um bis zu 50 Prozent stellt nun das jüdische Volk und mit ihm die Jewish Agency (JA) vor eine schicksalhafte Wegkreuzung. Die Agency könnte sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Erst vor wenigen Monaten offerierten wir der israelischen Öffentlichkeit eine aussergewöhnliche Tatsache: Zum ersten Mal in einem Jahrzehnt war die Zahl der Juden, die Alija machten, wieder gewachsen.
Dabei handelte es sich nicht um eine vernachlässigbare Ziffer, sondern die Einwanderung hatte 2009 um stolze 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Dafür gibt es drei mögliche Erklärungen: Die Weltwirtschaftskrise, die Stärke der israelischen Wirtschaft und die Arbeit der Agency.
Die Alija war schon immer ein Schlüsselziel der JA, ein Teil ihres genetischen Codes, und das wird sie auch bleiben. Wenn wir aber die Wurzeln nicht stärken, werden die Früchte des Baums absterben, und die Äste werden schwächer werden. In anderen Worten wird die Zahl der Menschen, die Alija machen, stocken, die Assimilation wird überhand nehmen, und das Phänomen von jungen Leuten, die sich von zionistischen Werten und vom jüdischen Staat abwenden, wird um sich greifen.
Die unabdingbare Schlussfolgerung ist die, dass die Führung der JA, seit letztem Jahr mit mir an der Spitze, sich schnellstens mobilisieren muss, um diesen Drohungen gegenüberstehen zu können. Der Board of Governors der JA hat denn auch einen Grossteil seiner jüngsten Treffen in Jerusalem dazu genutzt, einen neuen strategischen Plan für die Organisation auszuarbeiten und zu verabschieden, dessen Ziel die Stärkung der Aktivitäten der JA zwecks festerer Kontakte junger Leute zu Israel und zum jüdischen Volk ist.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, werden wir in verschiedene Ressourcen investieren. Dazu gehören die Lancierung neuer Programme, um junge Leute zu veranlassen, Israel zu besuchen, die Erhöhung der Zahl der als Jugendberater in Sommercamps im Ausland tätigen Israeli, die Verdoppelung der Zahl von Bildungsemissären an ausländischen Universitäten und in Diaspora-Gemeinden, das Organisieren von Sommercamps in Israel für Jugendliche aus der ehemaligen
Sowjetunion, sowie das Einführen weiterer Programme, welche die Vertrautheit junger Diasporajuden mit dem jüdischen Staat verbessern sollen.
Ich bin sicher, dass diese und andere Aktivitäten das Zusammengehörigkeitsgefühl der nächsten Generation mit Israel stärken, die Alija fördern und die Gefahr reduzieren werden, dass das jüdische Volk allmählich verschwinden wird. Wir hoffen auch, dass diese strategische Neuorientierung eine Doppelwirkung haben wird: Junge Menschen in der Diaspora werden sich mit Israel auseinandersetzen, und junge Israeli werden sich intensiver mit ihren Brüdern in der Diaspora befassen, für die sie bisher kaum Interesse gezeigt haben. Die nationalen Wurzeln und die jüdische Identität beider Gruppen werden gefestigt werden, und das jüdische Volk als Ganzes wird die Früchte ernten.


