Der Wegbereiter
Das Christentum entstand aus jüdischen Wurzeln und über viele Jahrhunderte war das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden, zum Judentum, theologisch geregelt. Die Päpste erfüllten gegenüber Juden und Christen eine doppelte Verpflichtung. Beide galt es zu schützen: die Christen vor dem «verderblichen» Einfluss der Juden, die Juden wiederum vor Übergriffen durch die Christen. Allerdings verschob sich dieses wechselseitige Schutzabkommen ab dem 16. Jahrhundert in dem Masse mehr und mehr zu Ungunsten der Juden, indem sich die katholische Kirche durch Reformation, Aufklärung und schliesslich die Moderne in die Defensive gedrängt und die Vorherrschaft des christlich-katholischen Weltbildes bedroht sah. Die Schere zwischen Anspruch – die Juden zu beschützen – und Handeln – oftmals gegen die Juden gerichtet – öffnete sich im 19. Jahrhundert immer weiter. Die Kirche, die Politik des Heiligen Stuhls gegenüber der nationalsozialistischen Judenverfolgung, wurde schliesslich anfällig für den Antisemitismus, wenngleich andererseits etwa im Jahre 1943 die Mehrzahl der römischen und nach Rom geflüchteten Juden, in Klöstern oder auch katholischen Familien versteckt, der Ermordung entgingen, schreibt Thomas Brechenmacher.
Der Historiker erforscht seit vielen Jahren in den Vatikanischen Archiven, einem der bestgehüteten Aktenschätze der Welt, die mitunter unheiligen Beziehungen zwischen Juden und Vatikan. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust aber fand die Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nach Jahren der ideologischen Verhärtung zu einem fundamental neu definierten Verhältnis zum Judentum. Waren die Juden von theologisch-christlicher Seite bislang kollektiv für die Hinrichtung Jesu verantwortlich gemacht – und deswegen religiös nicht voll legitimiert – worden, fasste schliesslich das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) in seiner Erklärung «Nostra Aetate» das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen neu. Dieser Erklärung vorangegangen war der erste Besuch eines Papstes im neuen Staat Israel: die Reise Papst Pauls VI. ins Heilige Land im Januar 1964.
Johannes Oesterreicher und das Pauluswerk
Das Wissen um die NS-Vernichtungspolitik, deren Ausmass nach und nach bekannt wurde, katalysierte nach 1945 verschiedenste Initiativen im Dienste der Neuordnung des christlich-jüdischen Verhältnisses. Einer der wichtigsten Schritte war in den sechziger Jahren das Zweite Vatikanische Konzil mit der Erklärung «Nostra Aetate» als Ausdruck eines neuen christlich-jüdischen Dialogs. Erstmals sprach sich die Kirche explizit dagegen aus, die Juden ein «gottesmörderisches Volk» zu nennen. Als einer der geistigen Väter dieser Erklärung gilt der persönlich von nationalsozialistischer Verfolgung betroffene Religionsphilosoph Jules Isaac: 1960 überzeugte er Papst Johannes XXIII. von der Notwendigkeit, die Judenproblematik auf die Agenda des Zweiten Vatikanischen Konzils zu setzen. Desgleichen gehörte der Priester und konvertierte Jude Johannes Oesterreicher zu den Wegbereitern des Konzils.
Johannes Oesterreicher (1904–1993) wurde in Mähren als Sohn eines jüdischen Tierarztes geboren. Er wollte zunächst ebenfalls Medizin studieren, fand aber nach philosophischen Studien zur katholischen Kirche und wurde 1927 zum Priester geweiht. Gegen Ende 1933 gründete er das Pauluswerk, auch, aber nicht nur, um für die Bekehrung der Juden zu beten und getauften Juden eine Gemeinschaft anzubieten. Im Januar 1934 konzipierte er gemeinsam mit dem Jesuiten Georg Bichlmair eine Zeitschrift mit dem Titel «Erfüllung», die das deutsch-jüdische Verhältnis verbessern sollte und die in Kooperation mit den Kongregations-Schwestern realisiert wurde. Das Pauluswerk war der Kongregation Unserer Lieben Frau von Sion, die 1843 von Théodore Ratisbonne begründet worden war, eng verbunden. Ratisbonne, der 1802 als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Strassburg geboren wurde, wurde 1830 katholischer Priester. In Paris gründete er ein Werk, das sich der Erziehung junger jüdischer Mädchen verschrieben hatte und aus der später die Kongregation hervorging. 1937 – die Zeitschrift erschien bis 1938 – veröffentlichte Oesterreicher die Texte einer im Sionskloster gehaltenen Vortragsreihe des Pauluswerks über die Judenfrage. Von der Missions- und Konversionsarbeit verlagerte das in ein Institut für christlich-jüdische Studien überführte Pauluswerk den Schwerpunkt auf den Dialog.
Der Weg zu «Nostra Aetate»
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 flüchtete Johannes Oesterreicher nach Frankreich und von dort 1940 in die USA. In der Emigration wurde der Geistliche eine Leitfigur der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit. Eine seiner wichtigsten Leistungen war sein Beitrag zur «Nostra Aetate»: Oesterreicher formulierte die grundlegenden Punkte, die diese Erklärung, die im Oktober 1965 verabschiedet wurde, enthalten sollte. Um das Abkommen wurde vor und hinter den Kulissen erbittert gerungen. Verhärtete Fronten standen sich gegenüber, gekämpft wurde mit allen Mitteln. So kursierte, schreibt Thomas Brechenmacher, ein anonymes Pamphlet mit dem Titel «Die jüdisch freimaurerische Aktion auf dem Konzil». Das Papier verbreitete Verschwörungstheo-
rien und denunzierte Einzelne, darunter Johannes Oesterreicher, als Kryptojuden, denen es gelungen sei, den Papst zu beeinflussen mit dem strategischen Ziel, sich im Sekretariat eine Propagandaplattform zu verschaffen. Diese Behauptungen waren letzte Rückzugsgefechte, in denen noch einmal sämtliche antijüdischen Ressentiments, vor allem das der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung vom Beginn des Jahrhunderts, aufgefahren wurden – doch schliesslich war der Weg frei für die historische Erklärung und eine neue, konstruktive Ära im interreligiösen Dialog.


