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25. Juni 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 24, 2010

Zum Konkursverwalter?

June 24, 2010
Editorial von Jacques Ungar

Fantasieparadies. Unter grosser Anteilnahme fand auf dem Jerusalemer Herzl-Berg eine ganz besondere Beerdigung statt. Zu Grabe getragen wurde ein rissiger, verbeulter Schmelztiegel, von dem die Farbe schon fast ganz abgeblättert ist. Eine solche Beerdigung hat es natürlich nie gegeben. Das Konzept des Schmelztiegels aber, in dem laut Legende die nach Israel eingewanderten Juden zu einem Volk, einer Nation, einer durch dick und dünn gehenden Schicksalsgemeinschaft zusammengerührt und -geschweisst werden, dieses Konzept sollte man vor dem Hintergrund der ideologischen Verfolgungsjagd, die aschkenasische Gralshüter gegen sephardische Schulmädchen in der Siedlung Immanuel vom Zaune gebrochen haben, ad acta legen. Es existiert nämlich nur noch im Fantasieparadies, von dem die Mitglieder der Gründergeneration so gerne träumen. Die Wirklichkeit ist bedeutiend rauer und unromantischer: Aschkenasische und sephardische Ultrareligiöse liegen sich in den Medien, aber auch in ethnisch gemischten Wohnvierteln, ganz offen in den Haaren. Trotz der führenden Rolle, welche die Shas-Partei in dieser erbärmlichen Auseinandersetzung so gerne immer wieder übernimmt, ertönt die sephardische Stimme in diesem Konflikt weitaus schwächer und bekundet Mühe, sich gegen die dialektisch besser geschulten Aschkenasim durchzusetzen.

Konfliktherde. Wenn wir uns bewusst sind, wie sehr die Position der Gerichtsbarkeit in Israel nicht zuletzt in der Welt der Ultrareligiösen erodiert, kommen wir nicht umhin, an den Sprachenstreit in Belgien zu denken, an den Konflikt zwischen Kurden und Türken oder an die Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten in der arabischen Welt. Immer rascher dehnen sich auch in der israelischen Gesellschaft regionale und lokale Konfliktherde aus. Am End wird das Schmelztiegel-Puzzle völlig auseinanderfallen, und seine kleinsten und schwächsten Teile gehen auf immer verloren. Was 1948 so vielversprechend mit einer egalitären Unabhängigkeitserklärung begonnen hat, steckt heute im Sumpf diktatorisch-rabbinischer Dekrete fest, die auf den Andersdenkenden nur dann Rücksicht nehmen, wenn er gleich denkt wie die wirtschaftlich, gesellschaftlich und zahlenmässig Stärkeren – also überhaupt nicht.

Durcheinander. Da man in Israel offenbar auf Symbole nicht verzichten will, fand der Schmelztiegel bald einen Nachfolger, das sogenannte Makolet-Prinzip, was so viel heisst wie das Konzept des Tante-Emma-Ladens. In wildem Durcheinander liegen auf Regalen die verschiedensten Produkte – Symbole für die von überall her immigrierten Juden – nebeneinander. Während der Sohn des Ladeninhabers längst schon in die Hightechbranche (oder ins Ausland) abgewandert ist, wird das Tante-Emma-Konzept so lange bestehen, wie der Vater, die Gründergeneration also, den Laden noch schmeissen kann. Ist aber auch diese Periode erst einmal vorbei, muss der Laden im wahrsten Sinn des Wortes dichtmachen. Auf den von wucherndem Wildwuchs überzogenen Hinterhöfen der israelischen Gesellschaft können die Ultras dann den von ihnen herbeigezwungenen Gottesstaat ohne Proteste hochleben lassen, ist die ehemalige Mehrheit der «Mitte» doch längst schon zur Minorität geschrumpft. Die Krux ist aber die: Jahrzehntelang hat die «Mitte» die Ultras finanziell über Wasser gehalten, auch wenn diese jene nie anerkannt haben. Verschwindet diese Mitte nun tatsächlich von Israels Landkarte, bleibt nur noch Gang zum Konkursverwalter.






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