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25. Juni 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 24, 2010

«Das was geschah»

von Valerie Wendenburg, June 24, 2010
Das Stück «Das was geschah» von der israelischen Komponistin Shulamit Ran wurde in Kooperation mit dem Raschèr Saxophon Quartett und dem Ars Nova Chor an den internationalen Orgelwochen in Nürnberg uraufgeführt – mit grossem Erfolg.
URAUFFÜHRUNG IN NÜRNBERG Ein Kooperationswerk zwischen der Komponistin Shulamit Ran, dem Raschèr Saxophon Quartett und dem Ars Nova Chor


Bruce Weinberger hat schon lange davon geträumt, mit der israelischen Komponistin und Pulitzer-Preisträgerin Shulamit Ran zusammenzuarbeiten. Als er im vergangenen Jahr die Einladung zu den internationalen Orgelwochen in Nürnberg bekam, hielt er den Zeitpunkt für geeignet und trat mit der in Chicago lebenden Ran in Kontakt: «Mit dem Raschèr Saxophon Quartett war ich schon mehrmals in Nürnberg, aber die Zusammenarbeit mit Shulamit Ran und dem Ars Nova Chor und seinem Leiter Paul Hillier aus Kopenhagen war für uns absolut neu und eine Herausforderung», erzählt Weinberger gegenüber tachles. Shulamit Ran stimmt zu. Sie sei von Anbeginn von der Idee begeistert gewesen, ein Stück für das namhafte Saxophon Quartett (bestehend aus Bruce Weinberger, Kenneth Coon, Christine Rall und Elliot Riley) und Ars Nova zu komponieren, erzählt Ran, die anlässlich des Konzerts mit ihrem Mann aus den USA über Basel nach Deutschland gereist ist.

So seien die beiden Ensembles für sie sehr inspirierend gewesen, erzählt die 1949 geborene Komponistin. Sie schrieb «Das was geschah» als Auftragswerk der Orgelwoche mit Unterstützung der Siemens-Stiftung in München.

Die Frage nach dem Brudermord

Als Shulamit Ran erfuhr, dass ihr Stück in Nürnberg uraufgeführt werden sollte, stand für sie fest, dass sie einen inhaltlichen Bezug zum Holocaust schaffen würde. Als Tochter eines Berliners und einer Ukrainerin verlor Ran zahlreiche Familienmitglieder während der Schoah, und wenn sie mit der Stadt Nürnberg konfrontiert wurde, dann bisher nur aufgrund der Nürnberger Prozesse 1945 bis 1949. Das Ergebnis ihrer Komposition ist beeindruckend und ergreifend zugleich: Das halbstündige Werk reflektiert die Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus auf eine sehr poetische, musikalisch verdichtete Weise. Das vierteilige Werk «Das was geschah» bedient sich unterschiedlichster kompositorischer Stilmittel, um die Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen begreifbar zu machen.

Es beginnt mit mit einem kurzen Gedicht von Paul Celan, das vom Chor auf Hebräisch und Englisch wiedergegeben wird. Im weiteren Verlauf der Komposition thematisiert Shulamit Ran mit der Rezeption der biblischen Erzählung von Kain und Abel die Frage nach dem Brudermord. «Soll ich meines Bruders Hüter sein?» fragt Kain – und seine Frage wird von den Klängen der Saxophone untermauert. «Ich sah eine Möglichkeit, meine Musik mit einer Botschaft zu versehen», so Ran. Sie habe einst eine sehr emotionale Erfahrung in Deutschland gehabt, als sie eine Oper in Bielefeld schrieb. In einem Kaufhaus habe eine Verkäuferin sie sehr stark an die ermordete Familie ihres Vaters erinnert, und ihr stellte sich urplötzlich die Frage nach dem Brudermord, den sie nun verarbeitete. Im Anschluss an die Geschichte von Kain und Abel stellt Ran auf subtile Art den Bezug zu den Tätern des
NS-Regimes her, die so taten, als hätten sie von nichts gewusst. Mit einem als Fragment gestalteten Gedicht des Holocaust-Überlebenden Dan Pagis wird diese Lüge enttarnt.

Aufführungen in der Schweiz?

Das Publikum zeigte sich ergriffen und begeistert, der Beifall war beeindruckend. Weitere Aufführungen von «Das was geschah» sind in Vorbereitung, eingebettet in ein Programm sowohl von jüdischen als auch von nicht jüdischen Komponisten. Es ist laut Weinberger geplant, das Werk von Shulamit Ran «einzurahmen mit Kompositionen von Steve Reich, Philip Glass, Bernd Franke, Arvo Pärt und anderen». Ran würde sich freuen, wenn das Stück seinen Weg auf weitere Bühnen finden würde. Nach der Uraufführung reiste sie wieder nach Chicago, wo sie als Professorin für Komposition an der Universität tätig ist. Eine Rückkehr in die Schweiz würde sie freuen, so Shulamit Ran, in der Hoffnung, dass ihr Werk auch hierzulande die Beachtung erfahren wird, die es verdient.





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