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18. Juni 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 24 Ausgabe: Nr. 24 » June 17, 2010

Bauen wir am falschen Ort?

von Zafrir Rinat, June 17, 2010
Eine Studie zeigt, dass der Bau neuer Gemeinden in ländlichen Gegenden 188 Prozent mehr kostet, als neuen Wohnraum in bestehenden urbanen Regionen zu schaffen.
BEISPIEL Für die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner des Katif-Siedlungsblocks in Gaza wurden vier neue Ortschaften errichtet


Eine neue Ortschaft aus dem Nichts aufzubauen ist gewiss eine kostspielige Sache. Bis vor Kurzem ist aber nicht seriös untersucht worden, wie hoch diese Kosten im Vergleich zu den Alternativen sind, etwa der Ausweitung bestehender Orte.

Unlängst hat das israelische Umweltministerium beschlossen, dieses Problem anzupacken. Es erteilte der Beratungsfirma Zenovar-Oved Gubi Planning Team den Auftrag, eine Studie über die ökonomischen Aspekte des Baus neuer Städte verglichen mit der Ausweitung schon bestehender, zu erarbeiten. Es stellte sich heraus, dass der israelische Bürger für seine Vorliebe für neue Wohnviertel sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch einen hohen Preis zu zahlen hat.

Teure Erschliessung

Die Firma gelangte zu folgenden Schlüssen: Der Bau neuer Gemeinschaftsprojekte in ländlichen Gegenden kommt auf 1,4 Millionen Schekel pro Wohneinheit zu stehen, einschliesslich Bau- und Infrastrukturkosten. Das ist 29 Prozent mehr, als die Ausweitung einer bestehenden ländlichen Ortschaft kosten würde, und gar 188 Prozent mehr, als es kosten würde, in schon existierenden urbanen Gegenden neue Wohnviertel zu errichten. Und das ist noch vor der Berücksichtigung der Ausgaben, über welche die Regierung nicht einmal nachdenkt, wie etwa laufende Unterhaltskosten. Wenn wir die «öffentlichen Kosten», die vom Steuerzahler getragen und dem nationalen Budget zugeschlagen werden, isolieren, ist der Unterschied noch grösser: Die Kosten für eine neue Wohneinheit in einer ländlichen Siedlung können nach Ansicht der Beratungsfirma dreimal höher sein als in einer neuen Wohngegend einer schon bestehenden Stadt.

Mehr Geld für Land als für Stadt

Während die Zenovar-Studie den Gesamteinfluss des Baus einer neuen Gemeinde auf das Staatsbudget nicht untersuchte, haben andere Studien das sehr wohl getan. Die Umwelt-Ökonomin Noga Levtzion-Nadan untersuchte die Staatshaushalte von 2000 bis 2004 und gelangte zum Ergebnis, dass sich die in jenen Jahren für neue Bauprojekte im ländlichen Sektor bestimmten Budgets auf 4,3 Milliarden Schekel beliefen, verglichen mit 900 Millionen für urbane Bauprojekte. Gemäss den von Zenovar erarbeiteten Zahlen gab das Wohnbauministerium 2008 für die Förderung neuer Projekte im urbanen Sektor den gleichen Betrag aus wie für Projekte im ländlichen Bereich.

Ein grösserer Teil des Budgets sollte dem Sektor mit der grössten Einwohnerzahl zugeschlagen werden, also bestehenden Städten und Orten. Effektiv aber stellt der Staat pro Kopf mehr Gelder für Familien bereit, die einverstanden sind, sich in neuen Orten niederzulassen. Bis vor Kurzem hat die Regierung die Kosten für den Bau einer neuen Ortschaft nie ernsthaft untersucht. Sie förderte sie einfach als Beitrag zum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der «Peripherie», indem man sogenannte «starke» Bevölkerungsteile ansprach und indem man das Ganze als Hilfe für das demografische Gleichgewicht den arabischen Einwohnern gegenüber darstellte.

Unabdingbar für Sicherheit?

Seit Jahren behaupten staatliche Kreise, der Bau neuer Orte, vor allem entlang der Grenzen, sein unabdingbar für die Sicherheit. Diese Orte offerieren auch eine Lösung für Gruppen, die sozial gesehen konsolidiert sind: Ein klassisches Beispiel sind die aus dem Katif-Siedlungsblock im Gazastreifen evakuierten Menschen. Alleine für sie werden vier neue Ortschaften in Lachish und den Dünen von Halutza errichtet.

Vor vier Jahren gab die Regierung nach der Veröffentlichung eines Jahresberichts des Staatskontrolleurs einen Bericht in Auftrag, der die Kosten solcher Ortschaften – man zählte mindestens zehn – schätzen soll, zu deren Bau sie sich verpflichtet hat. Laut Zenovar schlossen die Schätzungen die Ausgaben nicht ein, die zum Staatshaushalt hinzuzurechnen waren. So wurden keine Vergleiche zwischen den Baukosten für eine neue Ortschaft und den Kosten für die Ausweitung einer bereits existierenden Ortschaft angestellt. Auch bemühte man sich nicht, den Einfluss auf das verfügbare offene Gelände zu quantifizieren. «Werden keine Alternativen präsentiert», liest man in dem Bericht, «kann nur sehr schwer bestimmt werden, ob sich die Investition in den Bau einer neuen Ortschaft rechtfertigen lässt.»

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Zenovar wurden im Rahmen von Diskussionen über den Bau neuer Städte von Planungsstellen dem Wohnbauministerium vorgelegt. Zenovar selber bezeichnet seine Arbeit aber als eine gründliche, professionelle wirtschaftliche Kosten-Nutzenanalyse, als einen «ersten Schritt, nicht mehr». Es sei aber nach Ansicht der Beratungsfirma auf jeden Fall an der Zeit, damit aufzuhören, Erklärungen über die Vorteile des Baus neuer Ortschaften und das Formulierer von Richtlinien auf ungeprüfte Vermutungen abzustützen.






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