«Splendid-Isolation»?
Isolation. Die britisch-imperiale Aussenpolitik folgte dem Schlagwort «Splendid Isolation» («grossartige Isolation»). Die Briten gingen lediglich Zweckbündnisse ein, um die Dominierung des übrigen Europa durch eine Landmacht zu verhindern. Seit der Libanon-Invasion von 2006 scheint Israel den Briten zu folgen und marschiert mit unilateralen Gewaltakten ebenfalls in eine selbst gewollte Isolation. Zuletzt hat Jerusalem dabei sein Zweckbündnis mit der Türkei über Bord gewofen. Diese Isolation ist jedoch alles andere als «splendid». Denn während sich das Empire auf seine Flotte und seine Wirtschaftskraft stützen konnte, hängt Israel von der Freundschaft des Westens, speziell aber von der Amerikas ab. Nach dem Massaker auf dem türkischen Blockadebrecher Mavi Marmara erklärte George Friedman von der geostrategischen Denkfabrik Stratfors dazu kühl, Israel stelle «kein fundamentales Interesse eines anderen Landes dar». Und da Politiker letztlich stets auf die eigene Öffentlichkeit hören würden, sofern die «grundsätzlichen Interessen» ihrer Nation nicht berührt seien, drohe Israel nun der Verlust seiner westlichen Partner.
Stimmungswandel. Friedman macht deutlich, dass Logik oder Wahrheit in diesem Zusammenhang gegenüber der öffentlichen Wahrnehmung von Ereignissen bedeutungslos sind. Aber ein flagranter Bruch des Völkerrechts wie der Angriff auf die Blockadebrecher lässt sich rational kaum rechtfertigen. Friedman sieht daher auch in der US-Öffentlickeit zumindest einen Überdruss an Israel heraufziehen – die Amerikaner könnten den Palästinakonflikt bald nur noch unter der Überschrift sehen: «Soll doch beide Seiten der Teufel holen». Dieser Überdruss ist noch nicht vorhanden. Allerdings schlägt bei Akademikern und Kommentatoren in den USA die Stimmung immer mehr gegen Israel um. So hat Daniel Drezner, Spezialist für internationale Beziehungen an der Tufts University, die Obama-Regierung nun für ihre mangelnde Distanz zu Jerusalem kritisiert und das amerikanisch-israelische Verhältnis mit dem zwischen China und Nordkorea verglichen – in beiden Fällen decke eine Supermacht paranoid handelnde Klientenstaaten. Das sind herbe Töne. Doch selbst der Neokonservative Max Boot warnt Israel nun davor, ein «neues Burma oder Nordkorea und damit ein internationales Pariah-Regime» zu werden.
Irrational. Während Israels Isolation vom Westen noch längst keine Tatsache ist, schreitet die Vereinsamung des jüdischen Staates in seiner Region zügig voran. Dass die Netanyahu-Regierung ihre wertvolle Beziehungen zu der Türkei, ihrem einzigen Partner in der Region, so mutwillig zerstört, ist irrational. Die Wutausbrüche Ankaras sind jedoch nicht allein einem billigen Populismus der Regierenden geschuldet – das maritime Massaker beschleunigt eine tiefergehende, strategische Wende: Die Türkei scheint eine regionale Ordnungspolitik wiederzubeleben, die 1937 die Gestalt des Saadabad-Paktes zwischen der Türkei, Irak, Iran und Afghanistan angenommen hat. Das Bündnis sollte den Grundstein einer regionalen Sicherheitsstruktur bilden. Dass Ankara diese Idee nun wieder aufgegriffen hat, wurde zuletzt durch seine Ablehnung neuer UN-Sanktionen gegen Iran bestätigt. Es liegt im Interesse Israels, seine Isolation aufzugeben und gegen einen Platz in einer regionalen Sicherheitsarchitektur zu tauschen. So kann seine Existenz zu einem fundamentalen Interesse anderer Staaten werden.


