Israels taktische Drehungen
Während die Türkei im Verbund mit muslimischen und arabischen Staaten fortfährt, wie diese Woche wieder am Treffen 21 asiatischer Staaten in Istanbul, Breitseiten gegen Israel abzufeuern und antiisraelische Resolutionen zu initiieren, geht man in Israel langsam (zu langsam) dazu über, die Ausgangspositionen für diplomatisch-politische Nachwehen der Hochseeaffäre «Marmara» zu beziehen. Im Zentrum steht dabei die weltweit zu hörende Forderung nach der Bildung einer internationalen Untersuchungskommission. Den Ruf nach einer Kommission unter Ägide der Uno lehnt die Jerusalemer Koalition unter Premier Binyamin Netanyahu nach wie vor kompromisslos ab, doch in der Grauzone zwischen den Extrempositionen – internationale Kommission versus einer rein innerisraelischen Untersuchung des Zwischenfalls – zeichnen sich diverse Varianten ab.
Neben den USA, die von einer Untersuchungskommission, der zumindest auch internationale Beobachter angehören, reden, machte dieser Tage ein britischer Vorschlag die Runde, der ein Nachlassen des internationalen Drucks auf Israel beinhaltet, wenn Israel sich im Gegenzug bereit erklärt, die Blockade des Gazastreifens zu lockern. Auch wenn in Jerusalem zunächst keine offizielle Stellungsnahme zu hören war, hiess es am Mittwoch, der jüdische Staat neige dazu, den britischen Vorschlag zu akzeptieren.
Eine gründliche Untersuchung
Parallel dazu setzt Washington seine Bemühungen um eine Entspannung der Lage fort. Man wolle eine «unparteiische, glaubwürdige, speditive und gründliche Untersuchung» sehen, meinte etwa Philip Crowley, der Sprecher des State Departments, der hinzufügte, der internationale Aspekt einer solchen Kommission sei derzeit Gegenstand intensiver Diskussionen zwischen den beteiligten Seiten. In Washington werden auch Optionen wie ein neuer Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas oder die vor-übergehende Stationierung internationaler Truppen im Gazastreifen «gehandelt». Mit Genugtuung nimmt man in Jerusalem die Ergebnisse der Umfrage des Rasmussen-Berichts zur Kenntnis, der zufolge 49 Prozent der US-Bürger «vorwiegend pro-palästinensische Aktivisten» für den tödlichen Ausgang der israelischen Aktion gegen die «Marmara» verantwortlich machen. Nur 19 Prozent der Befragten schieben Israel die Schuld zu, während 32 Prozent keine eindeutige Meinung haben. Auf der anderen Seite befürworten 51 Prozent der interviewten Amerikaner eine israelische Zustimmung zur Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission.
Eine organisierte Aktion?
Über kurz oder lang wird Israel gemäss dem jetzigen Stand der Dinge nach den gebührenden taktischen Rückzugsgefechten um die Kooperation mit einer Untersuchungskommission nicht herumkommen, in der nicht nur israelische Bürger sitzen werden. Bevor aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, sollten wir einige Fakten, wie sie bis Mitte der Berichtswoche bekannt waren, nochmals rekapitulieren. Da steht einmal die erste israelische Analyse von Äusserungen von Passagieren der «Marmara» im Raume, wonach auf dem Schiff die gewalttätige Konfrontation gegen IDF-Soldaten von Mitgliedern der radikal-islamischen türkischen Bewegung IHH angeführt worden sei. Der blutig endende Gewaltausbruch sei keine spontane Angelegenheit gewesen, sondern vielmehr eine organisierte, geplante Aktion, die von 40, den harten Kern der IHH vertretenden Aktivisten durchgeführt worden sei. Um eine mögliche Durchsuchung ihres Gepäcks zu umgehen, betraten die Angehörigen dieses harten Kerns das Schiff nicht am Strand von Antalien, wie die anderen Passagiere (nach gründlicher Sicherheitskontrolle), sondern im Hafen von Istanbul.
Judenfeindliche Slogans
Gemäss dem israelischen Zentrum für Geheimdienste und Terrorismus handelt es sich bei der IHH, die eine zentrale Rolle beim Organisieren der Freiheitsflotte gespielt habe, um einen «türkisch-humanitären Hilfsfonds mit einer radikalen islamisch-anti-westlichen Ausrichtung». Zusätzlich zu seinen «legitimen philantropischen Aktivitäten» unterstütze der Fonds radikal-islamische Netze, wie die Hamas, und habe zumindest in der Vergangenheit Kontakte zum globalen Jihad gepflegt. Angesichts dieser Einstufung ist man durchaus geneigt, den Schilderungen anderer Passagiere des Solidaritätssschiffs Glauben zu schenken, wonach Angehörige des IHH-Kerns gleich am Anfang der Reise die Atmosphäre mit Slogans wie «Itbah al-Jahud» («Schlachtet die Juden ab») anzuheizen begannen. Trotz solcher Schilderungen, welche die Heldenverehrung, die den IHH-Leuten in Ankara bis hinauf zu Premier Recep Tayyip Erdogan in einem lächerlichen Licht erscheinen lassen, soll nicht unerwähnt bleiben, dass andere Mitglieder der Freiheitsflotille unter Gefährdung ihres eigenen Lebens im Schiffsinneren gefangen gehaltene IDF-Soldaten vor noch schlimmeren Attacken der Terroristen beschützt haben. bildlegende


