logo
Juni 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » June 7, 2010

Noch brennen die Kerzen

June 7, 2010
Vor beinahe 300 Jahren wurde die Bevis-Marks-Synagoge in London festlich eingeweiht. Der Gemeinde, deren berühmtestes Mitglied Moses Montefiore war, droht durch die Überalterung und den Wegzug von Gemeindemitglieder in die Vororte ein langsames Sterben.
300 JAHRE KONTINUITÄT Die Bevis-Marks-Synagoge blieb, abgesehen von den Errungenschaften des Stroms und einer Zentralheizung, durch die Jahrhunderte nahezu unverändert

von Martin Glauert

In der Londoner City herrscht ein hektisches Treiben. Hier befindet sich auf einer Quadratmeile das Zentrum der wirtschaftlichen Macht Grossbritanniens. Bankhäuser drängen sich an Versicherungspaläste, die Hochhäuser multinationaler Konzerne klettern in futuristischem Styling in den Himmel. In den Strassenschluchten von Houndsditch rauscht der Verkehr unaufhörlich, die Menschen hasten geschäftig vorwärts, und kaum einem Passanten fällt das altmodische Eisentor auf, das in die moderne Hausfassade eingelassen ist. Blickt man durch die Gitterstäbe, erkennt man einen kleinen sonnigen Innenhof, in dem ein rotes Backsteingebäude steht. Es ist die Bevis Marks Synagoge, das älteste jüdische Gotteshaus in England.

Eintritt in eine andere Welt

Das Tor ist mit einer schweren Eisenkette und einem dicken Vorhängeschloss gesichert, eine Klingel oder Glocke fehlt. Nur wenige Stunden in der Woche ist die Synagoge für Besucher geöffnet, der Zugang allerdings nicht unproblematisch, wie sich zeigt. Der kräftige kurzhaarige Mann, der mit hartem russischem Akzent den Eintritt verwehrt, könnte ebenso gut Türsteher einer Diskothek in Moskau sein. Erst als Maurice, der Schamasch der Synagoge, hinzukommt, entspannt sich die Situation. Freundlich heisst er uns willkommen und führt uns in den Tempel, in dem seit 300 Jahren ohne Unterbrechung jüdische Gottesdienste nach sephardischem Brauch stattfinden.

Vom Strassenlärm der City tritt man in einen stillen Raum, dessen friedliche und besinnliche Atmosphäre einem sofort gefangen nimmt. Gedämpftes Licht fällt durch die hohen, gerundeten Fenster mit farbigem Glas. Warme Farben herrschen vor, das braune Holz der Bänke fügt sich harmonisch zu den roten und blauen Samtdecken. Die goldenen Leuchter, die von der Decke hängen, fangen das Sonnenlicht auf, das von draussen hereinfällt. Es sind insgesamt sieben grosse Kandelaber mit Wachskerzen, einer für jeden Tag der Woche. An beiden Seiten des Raumes laufen die Frauenemporen entlang, durch ein hölzernes Gitterwerk vom Hauptraum abgetrennt. An der Stirnseite der Synagoge schaut man auf den eindrucksvollen handgeschnitzten Schrein, in dem die heiligen Rollen des Pentateuch aufbewahrt werden. In grossen goldenen Lettern sind in seinem Giebel die zehn Gebote aufgemalt. Auf der entgegengesetzten Seite des Raumes erhebt sich der Almemor, ein kleines Podium mit dem Pult des Vorlesers. Es ist mit dunkelrotem Samt ausgelegt, die südländische Verspieltheit des sephardischen Judentums spiegelt sich in bunten Decken, grazilen Holzschnitzereien und goldenen Verzierungen. Direkt zu Füssen des Lesepultes steht die Bank des Oberrabbiners. Nur eine Sitzreihe darf in gleicher Höhe mit dem Podium stehen, die «banca», wo der sephardische Synagogendiener, der Schamasch, seinen Platz einnimmt.

Von Spanien nach England

Das Eichenholz der Bänke ist im Verlaufe der Zeit und durch viele Generationen von Synagogenbesuchern nachgedunkelt. Schon im 17. Jahrhundert lebte eine kleine Kolonie von Marranen in London, die eine abenteuerliche Flucht hinter sich hatten. Um sich den Verfolgungen des katholischen Königshauses in Spanien zu entziehen, liessen sich damals viele Juden christlich taufen, behielten aber ihren jüdischen Glauben bei und praktizierten ihn im Verborgenen weiter. Unter der Regierung Ferdinands und Isabellas kam es zu einem Aufflackern der Inquisition, die krypto-jüdischen Marranen wurden aufgespürt, angeklagt, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es begann ein verzweifelter Exodus aus Spanien. Die Flüchtlinge mussten jedoch rasch feststellen, dass sie auch in anderen europäischen Ländern nicht besonders willkommen waren. Nur eine kuriose Verkettung religiöser und politischer Umstände führte schliesslich zur Genehmigung Oliver Cromwells, dass Juden offiziell in England siedeln durften.

Cromwell war in einer puritanischen Atmosphäre mit ihrer Betonung des Alten Testamentes erzogen worden und brachte von daher den bittstellenden Juden als dem «Volk des Alten Testamentes» eine gewisse Sympathie entgegen. Der bekannte Rabbi Menasseh ben Israel reiste von Holland, wo sich bereits eine grössere sephardische Gemeinde etabliert hatte, nach London, um mit Cromwell über die Ansiedlung von Juden zu verhandeln. Er brachte ein starkes Argument mit: Menasseh hatte in einem seiner Werke die weit verbreitete Vorstellung bestärkt, dass der Messias im Jahre 1666 erscheinen werde. Vor seiner Ankunft aber sei es unerlässlich, die Prophezeiung des Deuteronomiums zu erfüllen, die besagt, dass die Juden in alle vier Winkel der Erde zerstreut werden würden. Da sie nun aber in fast allen Ländern der Erde ausser in England wohnten, müsse der englische Herrscher die Juden auch in sein Land lassen, um so die Ankunft des Messias zu beschleunigen – ein Ereignis, dass auch die Puritaner sehnlichst herbeiwünschten.

Ob dieses Argument Cromwell überzeugt hätte, bleibt ungewiss, sicherlich spielte der Ausbruch des Krieges zwischen England und Spanien im Jahre 1656 eine ebenso grosse Rolle wie die wirtschaftlichen Vorteile, die sich für das Land durch die Ansiedlung finanzstarker und handwerklich geschulter Juden ergaben. Jedenfalls brachte das Jahr 1656 sephardischen Juden die Erlaubnis, sich in England anzusiedeln. 45 Jahre später, am Schabbatabend des 27. Ellul 5461, wurde die Bevis-Marks-Synagoge feierlich eingeweiht.

Berühmte Gemeindemitglieder

Das Gebäude ist seither nahezu unverändert geblieben. Erst 1929 wurde elektrisches Licht gelegt und eine Zentralheizung eingebaut, wie Maurice Bitton, der Schamasch der Synagoge, zu erzählen weiss. Während er sorgfältig die Thorarollen im Schrank ordnet, berichtet er von den technischen Errungenschaften. Wie der Raum früher geheizt wurde, kann man heute noch sehen. Drei knietiefe Gräben sind in den Steinfussboden eingelassen und durchziehen den Mittelgang, abgesichert durch einen Eisenrost. In diese Gräben legte man vor dem Gottesdienst glühende Kohlen, die aufsteigende Wärme heizte den Raum notdürftig und ungleichmässig, wobei die Besucher auf den hinteren Bänken sicherlich weiter frieren mussten. Nur der aufsteigende Rauch verteilte sich gerecht auf alle Gläubigen.

Ein Sitz auf der hölzernen Bankreihe fällt ins Auge, er ist mit einer Kette abgetrennt und trägt eine Plakette aus Metall. Es ist der Sitz des wohl berühmtesten Sohnes der Gemeinde, Moses Montefiore. Nachdem er an der Börse zu beträchtlichem Reichtum gekommen war, zog er sich aus dem Geschäftsleben zurück und widmete den Rest seines langen Lebens armen und verfolgten Juden. Nicht nur die vielen wohltätigen Einrichtungen und Stiftungen, die er in England ins Leben rief, begründen seinen Ruhm, den er noch heute unter Juden in aller Welt geniesst, sondern mehr noch seine Reisen nach Palästina, Marokko, Rom, Russland und in die Türkei, wo er mit Hilfe seines grossen Einflusses die Verfolgungen zu mindern suchte, denen Juden in diesen Ländern ausgesetzt waren. In Anerkennung seiner edlen Verdienste wurde er 1837 von Queen Victoria zum Ritter geschlagen.

Auch der Vater des berühmten britischen Premierministers Benjamin Disraeli war ein Gemeindemitglied der Bevis-Marks-Synagoge. Isaac Disraeli, ein eher unbedeutender Dichter und Literaturkritiker, war kein besonders eifriger Anhänger des jüdischen Glaubens. Ein ihm angetragenes Gemeindeamt lehnte er ab, und um einer Geldstrafe zu entgehen, verliess er die Gemeinde und liess seine Kinder später sogar christlich taufen. Wenn es nicht zu diesem Zerwürfnis gekommen wäre, wäre Benjamin Disraeli später wohl niemals Premierminister geworden, denn zu jener Zeit war es für Juden unmöglich, auch nur Parlamentsmitglied zu werden.

Vorbildliche soziale Dienste

In der direkten Umgebung der Synagoge befanden sich früher weitere Gebäude, die nicht mehr alle erhalten sind. Neben der Jungenschule Scha‘aré Tikvah (Tore der Hoffnung) und einem Waisenhaus betrieb die Gemeinde auch ein Beth Holim, eine Entbindungsklinik, die heute noch als Altenheim genutzt wird. Schon vor 300 Jahren verfügte die jüdische Gemeinde über einen eigenen Arzt, der den Mitgliedern kostenlos medizinische Hilfe leistete und so die Idee des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes um 250 Jahre vorwegnahm! Selbst einen Geldfonds «Cautivos» hatte man eingerichtet, aus dem Lösegeldzahlungen zur Befreiung von Juden getätigt wurden, die auf See Piraten in die Hände gefallen waren. Solche Gefahren drohen heute nicht mehr, aber ungefährlich ist das Leben dennoch nicht, wie Maurice aus eigener Anschauung zu erzählen weiss. Das letzte Bombenattentat der Irish Republican Army (IRA) in der Londoner City beschädigte auch die Bevis-Marks-Synagoge. Fenster wurden vom Luftdruck zerstört, die Türen wurden aus den Angeln gerissen, während der Schamasch glücklicherweise in seiner Wohnung nebenan arbeitete.

Von aussen ist die Gemeinde heute nicht mehr gefährdet, doch von innen droht ihr die Auflösung durch Mitgliederschwund. Viele Kinder können mit der Glaubenstradition ihrer Eltern nichts mehr anfangen. Wohlhabendere Gemeindeglieder wiederum ziehen aus dem Stadtzentrum hinaus in die Vororte. Nur zu den hohen Feiertagen ist die Synagoge besser gefüllt, dann wird der Gottesdienst teilweise noch in portugiesischer Sprache gehalten. So ist zu befürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Kerzen der siebenarmigen Kandelaber zum letzten Mal gelöscht werden.            ●

Die Bevis Marks Synagogue steht an der Strasse Houndsditch im Zentrum Londons. Die Gottesdienste werden im traditionellen orthodox-sephardischen Ritus abgehalten: Montag bis Freitag, 7.30 Uhr, Sonn- und Feiertage, 9 Uhr. Anschliessend findet ein gemeinsames Frühstück in der Vorhalle statt. Öffnungszeiten für Besuche: Montag, Mittwoch, Donnerstag, 10.30–14 Uhr, Dienstag und Freitag,10.30–13 Uhr, Sonntag, 10.30–12.30 Uhr. U-Bahn-Station: Liverpool Street (7 Minuten Fussweg). Weitere Informationen erhält man beim Schamasch/Küster:  Maurice Bitton, 4, Heneage Lane, London EC3A 5DQ, Telefon (0044) 020-7626 1274.

Martin Glauert ist Journalist und lebt in Deutschland.





» zurück zur Auswahl