Mit Gombrich am «Hellschreiber»
von Lesley Wyle
Dies ist die Geschichte eines österreichischen Mädchens, das im Herbst 1938 als Flüchtling nach England gekommen ist. Ermöglicht hatte das eine englische Familie, die bereit war, mich als Au-pair-Mädchen aufzunehmen. Dafür wurde von mir erwartet, dass ich im Haushalt meiner Gastgeber aushalf, zuerst in ihrem eleganten Londoner Apartment und dann in dem Landhaus, das sie in Hove, Sussex, kurz vor Kriegsausbruch im September 1939 erworben hatten. Nachdem ich einige Monate in diesem keineswegs idyllischen Badeort verbracht hatte, zog ich in das nahegelegene Brighton, wo ich mich mit einer Reihe banaler Jobs über Wasser hielt. Meine Rettung aus dieser öden und beschränkten Existenz erschien in Gestalt einer Anweisung des britischen Innenministeriums, das die englische Südküste nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich von «gefährlichen» Ausländern wie mir befreien wollte.
Eine entscheidende Begegung
Ich habe Brighton keine Träne nachgeweint und bin in den Süden Londons gezogen. Mitten in der Luftschlacht um England im Sommer 1940 war dies allerdings alles andere als ein sicherer Ort. Ich wurde der Nächte im Luftschutzbunker bald ebenso überdrüssig wie meiner kargen Existenz insgesamt, denn ich musste damals allein mit den kleinen Summen auskommen, die das Jewish Refugee Committee an mittellose Immigranten wie mich austeilte. So nahm ich eine Stelle als Kindermädchen in Banbury, Oxfordshire, an. Die nahe gelegene Oxford University erlaubte mir die Fortsetzung meiner Studien in englischer Literatur, die durch den Einmarsch der Nazis in Österreich so rüde unterbrochen worden waren.
Ich war mit dieser Existenz recht zufrieden. Doch im Oktober 1942 hatte ich eine Begegnung, die mein Leben für immer verändern sollte. Während eines Besuchs in London verweilte ich bei einer Tasse Kaffee im Quality Inn am Leicester Square, als mich ein junger Fliegeroffizier fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. Wir kamen bald ins Gespräch und er fragte mich nicht nur nach meiner Tätigkeit, sondern auch nach meiner Herkunft. Als er hörte, dass ich aus Österreich stammte und als Kindermädchen arbeitete, überraschte er mich: «Sie verschwenden Ihre Zeit. Mit Ihrer Kompetenz in Deutsch und Englisch sollten Sie für das Informationsministerium oder für die British Broadcasting Corporation arbeiten.» Dann nahm er zwei Briefmarken aus seinem Portemonnaie und gab sie mir mit den Worten: «Ich fliege heute Nacht wieder einen Bombenangriff. Ich werde davon vielleicht nicht wieder zurückkehren. Aber tun Sie mir einen Gefallen: Nehmen Sie diese Briefmarken und kleben Sie sie auf die Umschläge der Briefe, die Sie schreiben werden – einen an das Informationsministerium und einen an die BBC. Bieten Sie beiden Ihre Dienste an.» Die knappe Aufforderung hat mir erst einmal den Atem verschlagen. Aber bevor der junge Offizier sich von mir verabschiedete, versprach ich ihm, zu tun, was er von mir verlangt hatte. Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Monitoring im Forst
Das Informationsministerium hatte keine Verwendung für mich. Aber einen Monat nach meinem Schreiben erreichte mich ein Brief der BBC mit der Einladung, zu einem Gespräch nach London zu kommen. Dort liess man mich eine Seite vom Deutschen ins Englische übersetzen und nachdem ich eine Prüfung im Maschinenschreiben absolviert und sehr anspruchsvolle Fragen zum Zeitgeschehen zufriedenstellend beantwortet hatte, bot man mir eine Stelle als «Sachbearbeiterin für Sprachen» beim Monitoring Service der BBC an.
Zu dieser Zeit war der Monitoring Service in Evesham angesiedelt, einer Stadt im ländlichen Worcestershire, die für den Anbau von Rosenkohl bekannt war. Als ich dort im Januar 1943 ankam, brachte mich die zuständige BBC-Beamtin zu meiner Unterkunft und stellte mich meiner Mitbewohnerin vor, einer hoch gewachsenen Blondine aus Finnland. Die teilte mir umgehend mit, ihr Ehemann weile derzeit als Bigamist hinter Gefängnisgittern. Wir wurden sofort enge Freundinnen. Am nächsten Tag stiegen wir zusammen in den Bus der BBC, der uns zu unserem Arbeitsplatz brachte, einem dicht bewaldeten Landgut namens Wood Norton, etwa vier Kilometer ausserhalb von Evesham. Dort waren wir in getarnten Holzhütten tätig, die im Forst verstreut standen. Die Aufgabe der «Monitoren» bestand darin, ausländische Radiosendungen zu hören und auf Wachszylinder aufzunehmen. Diese primitiven Geräte mussten vor jeder neuen Verwendung «glatt rasiert» werden. Nach der Bespielung wurden die Zylinder zur Niederschrift und Übersetzung der Sendungen weitergereicht. Anschliessend wurden sie über Fernschreiber an das Kriegsministerium und weitere Dienststellen in London übertragen.
Ich wurde jedoch nicht für das Abhören von «Stimmen» eingeteilt, sondern der «Hellschreiber Section». Diese Erfindung des deutschen Elektroingenieurs Rudolf Hell (1901–2002) war eine Art Fernschreiber, der auf Papierbändern ganze Worte wiedergab und nicht einzelne Morse-Signale. Die Maschinen wurden vom Deutschen Nachrichtenbüro (DNB) benutzt, aber auch von zahlreichen anderen Nachrichtendiensten der Nazis für die Übermittlung von Vorabmeldungen an deutschsprachige Zeitungen, die überall im besetzten Europa gegründet worden waren.
Ein verhängnisvoller Fehler
Wir in der Hellschreiber-Sektion benutzten Kopien eines deutschen Prototyps, der vermutlich von britischen Agenten aus dem Reich herausgeschmuggelt worden war. Obwohl unsere Schreibmaschinen veraltet und umständlich zu bedienen waren, konnten wir irgendwie mit den Papierstreifen mithalten, die in hohem Tempo aus den Hellschreibern liefen. Eine Zeitlang leisteten die Maschinen sogar beim Abschöpfen geheimer Nachrichten der Deutschen wertvolle Dienste. Aber damit war schon Schluss, ehe ich in Evesham eintraf: Der BBC unterlief ein verhängnisvoller Fehler, der den Deutschen zu erkennen gab, dass die Briten ihren Hellschreiber-Dienst abhörten: Die deutschen Agenturen hatten den Vorabtext einer Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels verbreitet, die erst abends um 20 Uhr stattfinden sollte. Aber die BBC hatte Zitate aus der Rede bereits in den 18-Uhr-Nachrichten des gleichen Tages verbreitet und so ihr Geheimnis preisgegeben. Danach waren die Deutschen überaus vorsichtig bei den Informationen, die sie dem Äther anvertrauten.
Im April 1943 wurde der Monitoring Service von Evesham nach Caversham Park verlegt, ein imposantes viktorianisches Schloss inmitten eines Parks ausserhalb von Reading in Berkshire. Das Anwesen war einst im Besitz verschiedener britischer Adelsfamilien, hatte aber auch einer Schulanstalt namens The Oratory als Heim gedient. 1942 requirierte die Regierung Caversham Park, um dort den Abhörposten der BBC unterzubringen. Das Herz der Operation befand sich im Ballsaal des weiträumigen Gebäudes, wo sich Radioempfänger aneinander reihten, während das helle Atrium in eine Kantine verwandelt wurde. Dort versammelten wir uns am Ende jeder Schicht zu lebhaften Diskussionen nicht nur über den Krieg, sondern auch über Literatur, Politik, Kunst, Musik und Philosophie.
Internationales Zentrum
Die meisten meiner Kollegen waren wie ich erst in der jüngsten Vergangenheit nach England gekommen. Diese Männer und Frauen brachten nicht nur herausragende sprachliche Fähigkeiten nach Caversham Park, sondern generell einen hohen Bildungsgrad. Über den Monitoring Service wurde einmal gesagt, er habe sich zu einem «echten internationalen Zentrum entwickelt, fast einer Art von internationalen Universität». Wir «Jüngeren», die wir damals noch keine dreissig Jahre alt waren, haben enorm von unserem täglichen Umgang mit Persönlichkeiten vom Format des später geadelten Kunsthistorikers Ernst Gombrich oder des zukünftigen Verlegers George Weidenfeld profitiert, der lange nach dem Krieg in das House of Lords berufen wurde.
Sir Ernst Gombrich wurde viele Jahre später gebeten, das Vorwort zu dem Buch «Assigned to Listen: The Evesham Experience, 1939–43» (von Olive Renier und Vladimir Rubinstein, London, BBC, 1986) zu schreiben. Er nahm dies als Gelegenheit wahr, eine der Ursachen für Konflikte zwischen seinen britischen und kontinentaleuropäische Kollegen auszuleuchten: «Als Mitteleuropäer gehörten wir der Kaffeehauskultur an und wir schätzten die sozialen Funktionen der Institutionen Pub und Bar. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass diejenigen von uns, die Alkohol nicht schätzten und keine Bars frequentierte von den Kneipengängern als arrogant und nicht ganz menschlich wahrgenommen wurden. Gewisse, auf den folgenden Seiten diskutierte Reibereien zwischen einzelnen Abteilungen hätten sicherlich vermieden werden können, wenn wir versucht hätten, sie bei einem Glas Bier beizulegen.»
Ich habe in der Hellschreiber-Sektion oft mit Ernst Buschbeck zusammengearbeitet, der vor dem «Anschluss» das Wiener Kunsthistorische Museum geleitet hatte. Dieser nichtjüdische Nazigegner hatte Österreich freiwillig verlassen und war ins englische Exil gegangen. Er war eine unerschöpfliche Quelle nahezu jeder Art von Wissen. In besonderer Erinnerung ist mir ein Tag, an dem ich mit einer für mich schwierigen Übersetzung kämpfte. Als Ernst Buschbeck meine Arbeit las, hielt er plötzlich inne und rief mit einem entgeisterten Geischtsausdruck aus: «Sie haben independent i-n-d-e-p-e-n-d-a-n-t buchstabiert!» Dann fiel er in sein charmantes Wienerisch und erklärte mit mehr als einer Spur von Herablassung: «Aber Kinderl, wo nehmen Sie denn das ‹a› her? Das Wort kommt doch vom Lateinischen: dependere! Wissen Sie denn das nicht?» Seit damals habe ich das Wort «independent» nie wieder falsch buchstabiert!
Am Puls der Zeit
So direkt an der Quelle frischer Nachrichten zu sitzen, war enorm aufregend für mich. Ich habe zwar den D-Day verschlafen, weil meine Schicht in der Nacht vor der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 um 6.30 morgens zu Ende ging. Aber ich habe sowohl die ersten Meldungen über den Anschlag Graf Stauffenbergs auf Hitler am 20. Juli des gleichen Jahres, als auch die Gefangennahme Mussolinis durch Partisanen auf einem Berggipfel nahe dem Comer See am Radioempfänger mitverfolgt. Persönlich hat mich jedoch am meisten eine Meldung betroffen, die ich Anfang 1944 mitgehört habe. Ich sass am Empfänger und lauschte dem Bericht eines deutschen Reporters, der live einen Luftkampf zwischen einem deutschen und einem britischen Jagdflugzeug über dem Ärmelkanal kommentiert hat. Als ich hörte, wie er aufgeregt zuerst «das britische Flugzeug wurde getroffen» und kurz darauf «der britische Pilot ist mit dem Fallschirm abgesprungen!» rief, habe ich nicht das Ende der Sendung abgewartet, sondern mir die Kopfhörer heruntergerissen und bin zu meinem Vorgesetzten geeilt, dem alle als «flash», also dringend, eingestuften Nachrichten zu melden waren. Ich rief: «Ein britisches Flugzeug wurde eben über dem Kanal abgeschossen! Der Pilot ist abgesprungen! Schicken Sie sofort jemanden zu seiner Rettung!» Die entsprechenden Massnahmen liefen sofort an, aber ich habe nie erfahren, ob der Mann tatsächlich gerettet wurde.
Ich bin bis zum alliierten Sieg über die Achsenmächte in Europa, den wir am 8. Mai 1945 gebührend gefeiert haben, in Caversham Park geblieben. In meinen Jahren bei der BBC habe ich Freunde für mein ganzes Leben gewonnen. Aber der Krieg war nun zu Ende und damit wurde es Zeit, etwas Neues zu unternehmen. Im Sommer 1945 habe ich mich bei den amerikanischen Besatzungsstreitkräften in Deutschland beworben. Dafür musste ich erneut meine Sprachkenntnisse unter Beweis stellen, ehe mir eine schnittige Uniform ausgehändigt und ich nach München beordert wurde, um bei der amerikanischen Zensurbehörde als Übersetzerin und Dolmetscherin zu arbeiten. Aber das ist eine Geschichte für sich … ●
Lesley Wyle (geborene Ilse Eisinger) lebt seit 1948 in Toronto, Kanada. 1949 heiratete sie den gebürtigen Berliner Paul Wyle. Das Paar hat eine Tochter, Deborah Anne. Die Autorin war viele Jahre lang als Schriftleiterin kanadischer Buchverlage tätig, ehe sie «Lifestories Publishing», ihren eigenen Buchverlag, gründete. Dieser soll es Menschen ermöglichen, ihre eigene Lebensgeschichte zu schreiben und zu veröffentlichen.


