Leben an der Themse
Grodzinski erzählt eine Erfolgsgeschichte, in der sich eine überaus heterogene, unternehmungslustige Gemeinschaft ungehindert in der offenen und liberalen Atmosphäre der britischen Hauptstadt entfalten kann. Dabei fehlen Schattenseiten wie Überalterung und der wachsende Antisemitismus unter britischen Muslimen nicht. Dass der Generationenwandel einzelne Institutionen wie die ehrwürdige, portugiesisch-jüdische Bevis-Marks-Synagoge besonders betrifft, erklärt der Journalist Martin Glauert. In der über 300 Jahre alten Gemeinde war einst der Bankier Moses Montefiore Mitglied. Glauert zufolge droht der Gemeinde heute «die Auflösung durch Mitgliederschwund. Viele Kinder können mit der Glaubenstradition ihrer Eltern nichts mehr anfangen. Wohlhabendere Gemeindeglieder wiederum ziehen aus dem Stadtzentrum hinaus in die Vororte. Nur zu den hohen Feiertagen ist die Synagoge besser gefüllt, dann wird der Gottesdienst teilweise noch in portugiesischer Sprache gehalten. So ist zu befürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Kerzen der siebenarmigen Kandelaber zum letzten Mal gelöscht werden.»
Angesichts der Bedeutung individueller Initiative liegt es nahe, in dieser Ausgabe auch einzelne Persönlichkeiten mit ihren Eindrücken von London zu Wort kommen zu lassen. So erzählt der Historiker Walter Laqueur von Wandlungen im Stadtbild und der Londoner Lebenswelt, die er seit den späten 1950er Jahren miterlebt hat. Laqueur, der unlängst seinen 89. Geburtstag begehen konnte, hat in London als langjähriger Direktor der Wiener Library und Gründer des einflussreichen «Journal of Contemporary History» bleibende Spuren hinterlassen und kehrt bis heute gerne an die Themse zurück.
Bis auf seine Kindheit blickt der Historiker Tony Judt in einem autobiografischen Essay zurück, das wir mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags veröffentlichen. Von dem unheilbaren Gehrig-Syndrom nahezu vollständig gelähmt, erinnert sich Judt an die Speisen, die in seinem Elternhaus «auf den Tisch kamen». Der Historiker endet bei einem idealen Menü, das dem von Grodzinski gezeichneten Bild der britisch-jüdischen Gemeinde als heterogen und weltoffen verblüffend deutlich entspricht: «Würde ich mich ernsthaft auf die Suche nach dem verlorenen Geschmack machen, würde ich mit Schmorbraten und gebackenen Rüben anfangen, gefolgt von Chicken Tikka Masala und sauren Gürkchen, dazu Challa, indisches Bier und Tee mit Zucker und Zitrone. Und die Madeleine, die diese Erinnerung auslösen würde? Indisches Fladenbrot und Suppe mit Matzeknödeln, serviert von einem jiddisch sprechenden Kellner aus Madras. Wir sind, was wir gegessen haben. Ich bin eben ein richtiger Engländer.» ●


