Exil an der Themse
von Katja Behling
In den sechs Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 fanden etwa 70 000 jüdische Menschen vor allem aus Deutschland, Österreich und der besetzten Tschechoslowakei Zuflucht in Grossbritannien. Unter ihnen waren allein 10 000 Waisen und andere unbegleitete Kinder, die mit den «Kindertransporten» die Insel erreichten. Ihre Eltern hofften, so wenigstens die Kinder vor der NS-Verfolgung in Sicherheit bringen zu können. Meist war es ein Abschied für immer. Jüdische Freiwilligenagenturen wie die 1941 gegründete Association of Jewish Refugees (AJR) und eine Anzahl von Vereinen und Institutionen kümmerten sich um die Neuankömmlinge, deren Lebensumstände, Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten sowie religiösen Bedürfnisse. Während sich viele jüdische Flüchtlinge Clubs und Vereinen anschlossen, gingen andere solchen Gruppierungen gerade aus dem Weg, weil sie sich möglichst rasch in die englische Gesellschaft integrieren wollten. So lebte etwa das Schriftstellerpaar Hilde Spiel und Peter de Mendelssohn seit Mitte der dreissiger Jahre in London. Doch die beiden zogen nicht in eine von deutschen Emigranten bevorzugte Wohngegend, denn, so Hilde Spiel im Rückblick, «diese Zusammenrottung, dieses Sich-Kolonialisieren auf einer Insel innerhalb der englischen Gesellschaft, das haben wir nicht angestrebt.»
Schwieriger Neuanfang
Obwohl eine Reihe von Emigranten nicht dauerhaft in England blieb und etwa nach Nordamerika ging, hinterliessen etliche von ihnen in den vergangenen sieben, acht Jahrzehnten bleibende Spuren im kulturellen und intellektuellen Leben des Landes. Als kulturelle Brückenbauer brachten sie neue Ideen in ihr Aufnahmeland, förderten später oftmals binationale Beziehungen und versuchten ihrerseits, die sich ihnen bietenden Möglichkeiten im Aufnahmeland zu nutzen. «Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige», so erinnerte sich der bekannte Regisseur Berthold Viertel im Rückblick auf die Zeit um 1936 und seinen ersten, fast sechs Jahre währenden Aufenthalt in der britischen Hauptstadt. Zwar fand Viertel, wie viele andere von deutschen Bühnen und Leinwänden verbannte Künstler, Arbeit in der britischen Filmindustrie. Zwar gelang es auch etlichen Forschern und Intellektuellen, Anschluss und Aufnahme in die Gelehrtenzirkel Londons sowie Oxfords und Cambridges zu erhalten und ihre Karrieren fortzusetzen. Zwar waren auch von Anbeginn Emigranten am German Service der British Broadcasting Corporation (BBC) beteiligt, so lieferte etwa der expressionistische Dichter und Sozialist Karl Otten, der unter anderem Filme für G. W. Pabst geschrieben hatte, als Mitarbeiter der BBC Manuskripte für Radiosendungen.
Doch Film, Wissenschaft und Rundfunk waren eine Ausnahme: Der Neuanfang war, Einrichtungen wie dem German Service der BBC, Exil-PEN, dem Freien Deutschen Kulturbund sowie dem Austrian Centre zum Trotz, für die meisten Einwanderer beziehungsweise die Kulturschaffenden unter ihnen alles andere als leicht. Dies nicht nur, weil etliche der Flüchtlinge zunächst als «feindliche Ausländer» interniert und etwa auf die Isle of Man gebracht, an entlegene Orte wie Kanada geschickt oder gleich bis nach Australien verschifft wurden. Sondern auch, weil das Exil in vielerlei Hinsicht Lebenswege und etablierte Laufbahnen unterbrach. So genossen viele nicht das gleiche Prestige wie in Deutschland, war ihr Ruf zumeist nicht bis nach England gedrungen, bedeutete das Exil die Konfrontation mit einer neuen Kultur und insbesondere den Bruch mit der Sprache, ihrem Arbeitsinstrument.
Zuflucht Hampstead
«Zuhause fühle ich mich, wenn ich mit dem Bleistift in der Hand deutsche Wörter niederschreibe und alles um mich herum spricht Englisch», notierte Elias Canetti 1959 in Hampstead. Die vertraute Sprache, Freuds Couch, Kaiserschmarrn und Wiener Schnitzel: Die deutschsprachigen Emigranten bildeten im Nordwesten Londons eine regelrechte Kolonie, die sich über Saint John’s Wood, Golders Green und insbesondere Hampstead erstreckte. Als Hauptsammelpunkt der Deutsch-Londoner galten die Strassen um Swiss Cottage. Das 1951 eröffnete Kaffeehaus Coffee Cup war der Lieblingsort von Elias Canetti, berichtet etwa Steffen Pross in seinem Buch «In London sehen wir uns wieder». Der spätere Nobelpreisträger Elias Canetti war 1939 nach London gekommen. Auch der in Wien geborene Schriftsteller Erich Fried, der 1938 nach London geflohen war, verbrachte sein halbes Leben in diesem Viertel Londons – und viele Tage davon im Cosmo, damals der Emigrantentreff schlechthin.
Neben Canetti und Fried wurden viele weitere Flüchtlinge aus der Kulturszene mal mehr, mal weniger lang, an die Themse gespült. Alfred Kerr, Publizist und herausragender Theaterkritiker der Weimarer Republik, verliess im Februar 1933 Deutschland als amtierender PEN-Präsident. Über Prag, Wien und Zürich emigrierte er mit seiner Familie nach Paris und schliesslich im November 1935 nach London. Kerr, den etablierten Grossintellektuellen, traf der Verlust der deutschen Sprache als Arbeitsinstrument und Ausdrucksmedium sehr hart. Seine Tochter, die Erfolgsschriftstellerin Judith Kerr, schrieb unter anderem das Buch «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» über die Odyssee ihrer Familie, die sie als Kind miterlebte. Judith Kerr lebt seit 1935 in London.
Auch Stefan Zweig kam nach London, wo er sich schon 1933 eine längere Zeit aufgehalten hatte, bevor er sich 1934 dort niederliess. Es war Zweig, der 1939 in London Golders Green die Grabrede für den verstorbenen Psychoanalytiker Sigmund Freud hielt. Freud verbrachte in 20, Maresfield Gardens in Hampstead sein letztes Lebensjahr. Er war im Juni 1938 mit seiner Familie aus Wien ausgereist. Freuds Tochter Anna betrieb vom Haus in der Strasse Maresfield Gardens aus bis zu ihrem Tod 1982 ihre Arbeit als eine der Begründerinnen der Kinderpsychoanalyse. Während des Krieges errichtete sie die Hampstead War Nursery, die sich um Kinder kümmerte. Der Freudsche Arbeitsplatz ist der Nachwelt erhalten geblieben und in ein Museum umgewandelt worden. Auch Freuds Nachkommen, darunter der mit seinen Eltern 1933 nach London geflohene Lucian Freud, einer der bedeutendsten Maler unserer Zeit, haben sich als feste Grössen des britischen und auch internationalen Kulturlebens etabliert.
Der Schriftsteller Bruno Frank floh 1933 aus München und verbrachte die ersten Exiljahre an verschiedenen Orten, darunter London. Seine Frau Liesl war die Tochter der Operettendiva Fritzi Massary, die 1938 nach London ging. Der Autor Richard Friedenthal, Biograf Goethes und Luthers sowie Nachlassverwalter Stefan Zweigs, war Lektor und Leiter des Knaur Verlages, bevor ihn die Nazis 1933 mit Schreibverbot belegten. 1938 emigrierte er nach London, kehrte in der Nachkriegszeit als Chef zum Droemer Knaur Verlag zurück und lebte ab 1956 wieder in London. Der Publizist Sebastian Haffner floh Ende 1938 aus Berlin nach England und kehrte 1954 aus London nach Berlin zurück. Der Religionsphilosoph Leo Baeck wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und übersiedelte nach der Befreiung 1945 nach London. Der Dramatiker George Tabori floh 1936 von Budapest nach London. 1947 emigrierte Tabori in die USA und arbeitete in Hollywood unter anderem für Alfred Hitchcock als Drehbuchautor. Die Berliner Journalistin Gabriele Tergit floh 1933 nach einem SA-Überfall auf ihre Wohnung nach Prag und kam 1938 schliesslich nach London, wo sie als Romanautorin und für die Zeitung schrieb. Von 1957 bis 1981 war Tergit Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, der in London ansässigen Nachfolgeorganisation des Exil-PEN. Der Schriftsteller und Politiker Ernst Toller ging im Februar 1934 nach London und anschliessend in die USA. Im Jahre 2007 starb Michael Hamburger, der grosse Dichter, Essayist und Vermittler zwischen deutscher und englischer Literatur. Er entkam der Verfolgung, weil seine Familie 1933 nach Schottland geflohen war und von dort nach London.
Ein bisschen Wien, ein bisschen Berlin
Nicht nur Autoren, auch etliche Maler gehören zu den jüdischen Emigranten in London. Oskar Kokoschka emigrierte 1934 von Wien nach Prag und floh im Oktober 1938 nach London. Kokoschka war zeitweise mit Alma Mahler zusammen. Die Bildhauerin Anna Mahler, Almas Tochter aus der Ehe mit Gustav Mahler, emigrierte 1938 nach London, ging 1950 in die USA und kehrte in den sechziger Jahren nach London zurück. Kurt Schwitters, Maler und Schriftsteller, lebte von 1941 bis 1945 in London. Die einzige Einzelausstellung vor Schwitters' Tod widmete ihm Jack Bilbo. Bilbo, Londoner Galerist, Seefahrer und Gastwirt, als Hugo Baruch geboren, war 1933 aus Berlin geflohen und 1936 nach England gekommen.
Else Meidner, Tochter einer wohlhabenden Berliner Familie, erkämpfte sich gegen den Widerstand ihrer Eltern die Möglichkeit, Kunst zu studieren. Ihr Mann Ludwig Meidner war einer der führenden Köpfe der deutschen expressionistischen Bewegung. 1933 durfte Else Meidner in Deutschland nicht mehr ausstellen, desgleichen galten die Arbeiten ihres Mannes als entartet. Auf der Flucht vor den Nazis schickte Meidner 1938 ihren kleinen Sohn nach London, ein Jahr später reiste sie nach, schliesslich ihr Mann. Erst nach dem Tode Else Meidners 1987 in London wurden ihre Arbeiten in Deutschland ausgestellt. Ludwig Meidner war 1953 nach Deutschland zurückgekehrt. Auch die Wiener Künstlerin Marie-Louise von Motesiczky wurde erst nach ihrem Tod 1996 in der Heimat wiederentdeckt. Sie war eine Schülerin Max Beckmanns und Freundin Elias Canettis. Am Tag nach dem Anschluss 1938 nach Holland geflüchtet, entschloss sie sich 1939 mit ihrer Mutter für ein Leben in London, wo sie als Malerin erfolgreich war. Neben Malern gehören Architekten zu den berühmten Emigranten aus dem Bereich der Bildenden Künste. Der Bauhaus-Begründer Walter Gropius übersiedelte 1934 nach London, bevor er 1937 in die USA ging. Sein Kollege Erich Mendelssohn, einer der führenden Architekten seiner Zeit, ging 1933 nach London, wo er ein Büro betrieb.
Spuren in der Film- und Musikwelt
Jüdische Emigranten prägten auch das Musikleben Grossbritanniens. Mischa Spolianski, neben Friedrich Hollaender einer der begehrtesten Berliner Kabarettkomponisten während der Weimarer Republik, übersiedelte 1933 über Wien nach London, wo er als Film- und Musicalkomponist Weltruhm erlangte. Der Startenor Richard Tauber emigrierte 1933 aus Berlin nach London. Hanns Eisler, der in Berlin mit Bertold Brecht zusammen gearbeitet hatte, lebte in den dreissiger Jahren in der englischen Hauptstadt, bevor er in die USA übersiedelte und nach dem Krieg nach Europa zurückkehrte. Der Komponist Kurt Weill floh 1933 nach Paris und zog nach einem längeren Aufenthalt in London 1935 in die USA, wo er am Broadway Erfolge feierte. In den dreissiger Jahren entstanden, ist auch die Gründung des hochkarätigen Opernfestivals Glyndebourne mit den Namen deutscher Emigranten verbunden: Fritz Busch, Berthold Goldschmidt und Carl Ebert. Nicht zu vergessen in ihrer Bedeutung für die Musikszene sind auch die Komponisten Egon Wellesz, Karl Rankl, Hans Gál und Walter Goehr sowie Hans Keller, der lange das Musikprogramm der BBC bestimmte und ein einflussreicher Freund und Berater Benjamin Brittens war.
Filmschaffende aus Mitteleuropa spielten bereits seit Ende der zwanziger Jahre, insbesondere aber ab 1933 eine zentrale Rolle in der britischen Filmindustrie. Darsteller wie Elisabeth Bergner, Conrad Veidt, Fritz Kortner – der eigentlich Nathan Cohn hiess – und Lilli Palmer, Regisseure wie Berthold Viertel und Produzenten wie Alexander Korda gehörten zu den Erfolgreichsten unter ihnen. Elisabeth Bergner reiste im November 1932 zu Dreharbeiten nach London, wo Hitlers Machtergreifung sie Wochen später zur Emigrantin machte. Lilli Palmer verliess 1933, als Neunzehnjährige, Berlin. Sie ging zunächst nach Paris. Alexander Korda holte die junge Schauspielerin Ende 1934 nach London und in die legendären Emigrantenkreise um die ehemalige Stummfilmschauspielerin Lo Harding, die mittlerweile Wirtin einer in Künstlerkreisen bekannten Pension war. Der in Berlin geborene Theaterregisseur Peter Zadek war ebenfalls nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit seiner Familie geflüchtet. Er lebte von 1933 bis 1960 in London, dann kehrte er nach Deutschland zurück. Ernst Julian Stern, Bühnenbildner Max Reinhardts, emigrierte 1935 über diverse Zwischenstationen in die britische Metropole. Er erhielt 1936 den Auftrag, die Fassade des Kaufhauses Selfridges aus Anlass der bevorstehenden Krönung Edwards VIII. zu gestalten.
Vom Emigranten zum Lord
Zu den einflussreichsten Emigranten in Grossbritannien gehören die Verleger. Paul Hamlyn, später Lord Hamlyn, der Bruder des Übersetzers Michael Hamburger, schuf einen Verlagskonzern. André Deutsch und Tom Rosenthal entdeckten und förderten viele wichtige Autoren. Ludwig Geldscheider war der Kopf hinter dem Phaidon Verlag. Otto Neurath, ein Wiener Philosoph und Soziologe, gründete den Kunstverlag Thames & Hudson. George Weidenfeld, Spross einer Familie des jüdischen Bildungsbürgertums, besuchte die Diplomatische Akademie in Wien. 1938 gelang es Weidenfeld, nach England zu emigrieren, wo er während der Kriegsjahre für den deutschen Dienst der BBC arbeitete. Er heiratete eine Frau aus einer der jüdischen Dynastien der britischen Insel und gründete den Verlag Weidenfeld & Nicolson, der grosse Biografien etwa von Staatenlenkern der Nachkriegsära herausbrachte und damit überragende publizistische und wirtschaftliche Erfolge erzielte. Überdies hatte der junge Weidenfeld dem ersten Staatspräsidenten Israels, Chaim Weizman, als Berater und Stabschef gedient. Damit verbunden war und ist sein grosses Interesse und Engagement für Deutschland. So hat Lord Weidenfeld of Chelsea, so sein Titel, für den Aufbau konstruktiver und vertrauensvoller Beziehungen zwischen Deutschland und Israel aus dem Hintergrund wirkend mehr erreicht als mancher mit offiziellem politischem Amt.
Viele weitere Schlüsselfiguren des Geisteslebens wie der Philosoph Theodor W. Adorno, der Soziologe Norbert Elias oder der Berliner Historiker Eric Hobsbawm waren in Grossbritannien in einflussreichen Positionen tätig. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich emigrierte 1935 nach London und wurde 1936 Forschungsassistent am Warburg Institute, das er von 1959 bis 1976 leitete. Der Philosoph Karl Popper hielt sich ab 1935 zu Studienzwecken in England auf, emigrierte 1937 nach Neuseeland und kehrte später nach England zurück, wo er von 1949 bis 1969 eine Professur an der renommierten London School of Economics innehatte. So unterschiedlich ihre Werke und Betätigungsfelder waren, so unterschiedlich verlief das Leben der aus ihrer Heimat vertriebenen Emigranten. Jeder versuchte auf seine Weise mit dem Bruch und dem Verlust umzugehen. Elias Canetti brachte sein Überlebensmotto auf den Punkt: «Schreiben, bis man das eigene Unglück nicht mehr glaubt.» ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.


