Die Rothschild-Dynastie
Von Katja Behling
In Frankfurt, Paris, Amsterdam, Zürich, Luxemburg und Liechtenstein schlägt das Herz des europäischen Kapitalismus – und in London, dem neben New York bedeutendsten Finanzzentrum der Welt. Die dort geballten Börsen und Banken, Unternehmen und Kanzleien sind ein Motor der globalen Finanzwirtschaft. Die historische Entwicklung des Finanzzentrums London spiegelt zugleich die mit der Geldwirtschaft verbundenen Probleme: die Mobilität des Kapitals, die Kooperation und Konkurrenz mit anderen Finanzplätzen, die Spezialisierung auf immer spezifischere Geschäftsfelder sowie die Bedeutung steuerlicher Anreize, Regulatorien und der Währungspolitik. Nicht zuletzt symbolisiert der Bankenstandort London mit seinen Protagonisten, vor allem der einflussreichen Rothschild-Dynastie, die enorme psychologische und ökonomische Macht des Geldes.
London war bis 1918 die führende Handels- und Finanzmetropole. Doch bereits im Mittelalter hatte die Einwohnerstruktur – London war bevölkerungsreich und als Regierungssitz verhältnismässig wohlhabend – in der prosperierenden Hafenstadt eine rege Nachfrage nach Finanzleistungen generiert. Die Industrielle Revolution zwischen 1750 und 1850 gab der englischen Hauptstadt als Drehscheibe des Zahlungs- und Kreditmarktes weiter Vorschub. Im 19. Jahrhundert setzte die Weltstadt verstärkt auf Gelddienstleistungen, die nicht direkt an die heimische Wirtschaft gekoppelt waren. Dies zog wiederum kapitalkräftige ausländische Bankfilialen mitsamt ihrem internationalen Personal in die City. Dann wich die Brieftaube dem heissen Draht: Die Kommunikationsrevolution durch Telegrafie und Telefon, dank derer räumliche Distanzen zwischen Produktion, Transport, Handel und Finanzierung kein Hindernis mehr waren, ermöglichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Etablierung neuer lukrativer Geschäftsfelder und Märkte. Dies kurbelte Kreditwesen und Zahlungsverkehr zum Vorteil der Banken weiter an. Lloyds beispielsweise versicherte fortan Schiffe und Güter unabhängig von Besitzverhältnissen und Routen, während das Unternehmen sich zuvor auf Frachten unter britischer Flagge beschränkt hatte. Das warf Gewinne ab und band Kapital in London, welches wiederum zinsgünstig für Folgegeschäfte verfügbar war. Bis 1900 war London, die Metropole im Herzen der grössten Handelsnation der Welt, zum unangefochtenen Bankenzentrum der globalen Wirtschaft aufgestiegen und kosmopolitischer Treffpunkt von Investoren aus aller Herren Länder geworden.
Das viele nach London fliessende Geld wurde zunehmend auch für Projekte und Grossinvestments rund um den Erdball eingesetzt. Die britische Hauptstadt entwickelte sich zu einem idealen Marktplatz für Unternehmen und Regierungen, die dort an viel Geld zu günstigen Konditionen kommen konnten. Und an Expertise, gab es doch in London viele in- und eben auch ausländische Banker mit spezifischem Hintergrundwissen, Kultur- und Sprachkompetenz. Gerade sie, die zugezogenen «Expatriates» und die international Vernetzten, hatten oftmals die für heikle Deals nötigen Erfahrungen und Kontakte. Sei es Erfahrung mit Risikokapital – etwa im Rahmen der Erschliessung südafrikanischer Minen – oder Erfahrung mit Staatsanleihen. In diesem Bereich spielten die Rothschilds eine bedeutende Rolle. Dank ihrer beträchtlichen Mittel und ihrer offenkundigen Bedeutung in der Emission von Anleihen im Auftrag ausländischer Regierungen beherrschte die Familie Anfang des 19. Jahrhunderts die Finanzwelt und war auch Ende des 19. Jahrhunderts – Privatbankiers steuerten nach wie vor die grossen Geschäfte – immer noch die Nummer eins in Europa.
Goldene Ära jüdischer Bankhäuser
Wichtig für den Aufstieg bedeutender Finanzplätze, insbesondere Londons, waren Netzwerke. Zu einer Zeit, in der es sich bei den Bankfirmen fast ausschliesslich um Familienunternehmen – oft protestantische oder jüdische – handelte, liefen die wesentlichen internationalen Geschäfte über diese hochpersonalisierten Kanäle. Jüdische Bankiersfamilien prägten die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber keine so wie die Rothschilds, eine der wichtigsten Dynastien auf dem Bankensektor überhaupt. Seit zweihundert Jahren ist der Name Rothschild mit politischen Revolutionen, Weltkriegen, Finanzkrisen – und dem Traum vom grossen Geld – untrennbar verbunden.
Dabei war die Erfolgsformel für den beispiellosen Aufstieg nicht allein die Tatsache, dass anfangs fünf Brüder auf fünf internationalen Finanzplätzen präsent waren: Amschel in Frankfurt, Salomon in Wien, Nathan in London, Carl in Neapel und James in Paris. Auch andere Häuser des Geldadels, etwa die Oppenheims, Bischoffheims oder Sterns hatten ihre Vertreter strategisch auf europäische Hauptstädte verteilt. Ein Schlüssel zum Erfolg der Rothschilds, ihrer Macht und ihrem Reichtum, lag vielmehr darin, dass es ihnen durch Eheschliessungen innerhalb des Clans gelang, über Generationen einen erstaunlich soliden Zusammenhalt aufrechtzuerhalten und damit ihren Einfluss zu zementieren, schreibt Youssef Cassis in seinem Buch «Metropolen des Kapitals». Und war kein Angehöriger auf einem Finanzplatz präsent, hatten die Rothschilds ein gutes Händchen bei der Besetzung der Posten durch Agenten oder bei Kooperationen mit ortsansässigen Banken. In Berlin etwa pflegten die Rothschilds enge Beziehungen zur Familie Mendelssohn. Gesellschaftlich gehörten die Grossbankiers und Wirtschaftsmagnaten an ihren jeweiligen Wirkungsorten selbstredend rasch zur gesellschaftlichen Elite. In besonderer Weise engagierte sich die Familie in der Kulturförderung, unterstützte philanthropische Organisationen sowie die Entwicklung jüdischer Kolonien in Palästina.
Die Rothschilds
Nathan Meyer Rothschild wurde 1798 im Alter von 21 Jahren von seinem Vater, dem Bankier Mayer Amschel Rothschild, von Frankfurt nach Manchester geschickt, um Baumwollprodukte nach Deutschland und in andere Länder zu exportieren. 1806 heiratete Nathan Hannah Barent Cohen, die Tochter eines bekannten Londoner Kaufmanns, und wandte sich zunehmend dem Bankgeschäft zu. 1811 liess er sich als Banker in der City nieder. Innerhalb weniger Jahre bauten die deutsch-jüdischen Auswanderer ihren Ruf und ihr Vermögen auf, indem sie zum einen den Transfer der zur Besoldung der Truppen des Herzogs von Wellington vorgesehenen Staatsmittel gewährleisteten und andererseits die Subventionszahlungen der britischen Regierung an ihre Verbündeten abwickelten. Bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe erfuhr Nathan viel Unterstützung von einflussreichen Stellen. Bereits 1815 hatte Rothschild mit Baring Brothers, damals die grösste Bank Europas, gleichgezogen.
Bald kontrollierten die Rothschilds einen Grossteil des Kapitals aus den Industrieländern und erklommen dementsprechend die soziale Leiter. Durch die Macht über das Kapital erwuchs den Rothschilds ein stabiler politischer Einfluss. Nicht nur in London, sondern in allen grossen Städten Europas und im Schulterschluss mit bedeutenden Staatenlenkern. Die Rothschilds fungierten als Berater von Königen und Politikern in Kriegs- wie in Friedenszeiten. Überliefert ist das Bonmot eines Clan-Angehörigen, ihm sei es «egal, welche Marionette auf dem Thron von England» sitze. Denn der Mann, der die britische Geldmenge kontrolliert, steuere das Britische Imperium: Dieser Mann war immer wieder ein Rothschild. Doch der immense finanzielle und unternehmerische Erfolg auf vielen Feldern – darunter der Weinproduktion – und der Einfluss auf die poltischen Geschicke provozierte Neid und antisemitische Attacken: In Grossbritannien, aber auch in Frankreich wurden Stimmen laut gegen die Macht der jüdischen «östlichen Potentaten». Obwohl die Rothschilds sich ihrer Macht bewusst waren und sie einzusetzen wussten, widerstanden sie dennoch der Versuchung, sie zu missbrauchen, schreibt der Autor Niall Ferguson in seinem Buch «The House of Rothschild». Sie handelten fair, urteilt der Historiker. Auch als Banker. Beispielsweise habe das Bankhaus der Textilindustrie, in der sie selbst einst angefangen hatten, statt der üblichen 20 Prozent Zinsen einen deutlich geringeren Satz von rund 9 Prozent berechnet.
Von der Planwirtschaft zum Freien Markt
Von der wirtschaftspolitischen und ökonomischen Vorreiterrolle der Rothschilds – sie waren auch Fürsprecher und frühe Förderer der Idee einer europäischen Wirtschaftsunion – und ihrer Stabilität profitierte der Bankenplatz London auch im 20. Jahrhundert. Der Erste Weltkrieg läutete auch dort eine neue Ära ein, weil die Weltwirtschaft nun vermehrt durch politische Regulation beeinflusst wurde. Um den Krieg zu finanzieren, gängelte die britische Regierung die Londoner Kapital- und Geldmärkte. Doch dank der internationalen Beziehungsgeflechte blieb London weiterhin attraktiv. Zudem litten andere Finanzplätze in Folge der Weltwirtschaftskrise unter noch schwierigeren Bedingungen. London stand vergleichsweise gut da, es gab wenig Anlass, Geld von dort abzuziehen. Im Gegenteil: In den dreissiger Jahren zog die britische Hauptstadt wegen der Sicherheit, die sie bot, Fluchtgelder aus anderen Ländern vor allem Zentraleuropas an, heisst es in dem von Christoph Maria Merki herausgegebenen Buch «Europas Finanzzentren».
Während des Zweiten Weltkrieges monopolisierte die britische Regierung alles Kapital und alle Kredite. Auch als der Krieg vorüber war, gelang die schnelle Rückkehr zum offenen, internationalen Business nicht. Staatliche Kontrolle und hohe Steuerlast hielt ausländische Investoren ab und bewog Briten, ihr Erspartes ausser Landes zu bringen. Dies schwächte die einheimischen Banken und das britische Pfund. Der Dollar wurde Weltwährung, die Wall Street zog an London vorbei und Geschäftsfelder ab. Ab etwa 1960 profitierte die Londoner Bankenszene von auswärtigen Entwicklungen, die den Finanzplatz New York wieder schwächten und Investoren zur Neuorientierung bewogen: In London waren die Kapazitäten und Strukturen aus der Glanzzeit vor dem Krieg noch vorhanden und ausbaufähig. Auch in den Jahren der Ölkrise bot das international breit aufgefächerte Finanzzentrum London die richtigen Antworten auf neue Herausforderungen, etwa die Verwaltung der Milliardenüberschüsse der Ölscheichs und den Finanzausgleich mit defizitären Ländern. Ein Hemmnis blieben die Devisenkontrollen, an denen die britische Regierung bis 1979 festhielt. Danach erlebte die City einen rasanten Aufstieg. Dramatischer Höhepunkt dieser Entwicklung war die Deregulierung der Londoner Börse 1986: Auf einen Schlag – dem «Big Bang» – wurden fixe Gebühren und Zulassungsbeschränkungen aufgehoben. Damit begann ein atemloses Rennen, das Jahre später seinen Tribut forderte. Befreit von Regulationslimits waren gigantische Deals und Gewinne möglich, schossen Gehälter und Boni in schwindelerregende Höhen wie kaum sonst irgendwo.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war London der mit Abstand wichtigste Finanzplatz Europas und neben Tokio und New York führend in der Welt – ein Resultat der Rolle Londons auf den globalen Finanzmärken sowie Folge der Präsenz ausländischer, vor allem US-amerikanischer Finanzunternehmen. Zugleich war der Kontrollmangel ein Schritt zum Banken-Crash und Untergang, dessen vorläufiges Finale die Welt 2008 erlebte. Nicht so die bis heute in Familienbesitz befindliche Rothschild-Gruppe. Sie trotzte der Krise: Mit Büros in über 50 Weltstädten mit den Geschäftsfeldern Private Banking, Investmentbanking und Trust-Management, mit Fusionen, Übernahmen und Restrukturierungen, beweist das Bankhaus Rothschild, dass es sich auf die neuesten internationalen Herausforderungen eingestellt hat. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


