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28. Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 21 Ausgabe: Nr. 21 » May 27, 2010

Richtig oder falsch?

May 27, 2010
Moshe Arens zur Lage in Israel

War Ehud Baraks Beschluss vor zehn Jahren, die südlibanesische Sicherheitszone einseitig zu verlassen, richtig, auch wenn die Gründe dafür falsch waren? War die Entscheidung auch dann korrekt, wenn sich die Annahmen, auf welche sie sich stützte, als unrichtig erwiesen?

Die zentrale Annahme, die dem unilateralen Rückzug zugrunde lag, war die, dass die Hizbollah-Miliz nach Erreichen ihres erklärten Ziels, Südlibanon von der israelischen Besetzung zu befreien, ihre Aktivitäten auf die politische Szene im Zedernland beschränken und auf weitere militärische Aktionen gegen Israel verzichten würde.

Zweitens glaubten die Verantwortlichen in Jerusalem, im Falle von auch nach dem Rückzug andauernden militärischen Aggressionen der Hizbollah freie Hand zu haben, um so drastisch zu reagieren, dass die Schiitenmiliz von militärischen Aktivitäten gegen Israel abgehalten würde.

Beide Annahmen waren grundfalsch. Nach dem israelischen Rückzug hat die Hizbollah nicht nur ihre Miliz nicht entwaffnet, sondern im Gegenteil intensiv aufgerüstet. Unter anderem hat sie zahlreiche Langstreckenraketen erworben und ist von einer Guerillabande zu einer gut ausgebildeten, ausgerüsteten militärischen Kraft geworden.

Als Baraks Vorgänger als Verteidigungsminister war es meine Politik, auf Angriffe der Hizbollah mit Luftwaffenangriffen auf die libanesische Infrastruktur im Norden zu reagieren, um so die Regeln des Konflikts mit der Miliz zu ändern. In der Folge kam es zu einer Beendigung der Angriffe der Hizbollah mit Katjuscha-Raketen. Ehud Barak gab diese Politik unmittelbar nach seinem Amtsantritt auf. Hinzu kam, dass die von Barak in Aussicht gestellte harsche Antwort auf den Hinterhalt, mit dem auf der israelischen Seite der Grenze keine fünf Monate nach dem einseitigen Rückzug drei Soldaten einer IDF-Patrouille getötet wurden, nie in die Tat umgesetzt worden ist. Die Hizbollah verschleppte die sterblichen Überreste der Soldaten nach Libanon.

War der Rückzug immer noch die richtige Entscheidung, auch wenn er aus den falschen Gründen vollzogen wurde? Werfen wir einen Blick auf die israelische Bilanz der vergangenen zehn Jahre. Der negative Aspekt ist unser Verrat an unseren Alliierten der Südlibanesischen Armee. Diese Leute hatten während Jahren Schulter an Schulter mit der IDF gegen die Hizbollah gekämpft und dabei weit höhere Verluste einstecken müssen als wir. Sie wurden vorsätzlich im Stich gelassen. Einigen gelang die Flucht nach Israel, doch andere fielen in die Hand der Hizbollah. Einen Alliierten im Stich zu lassen, ist eine schwerwiegende Sache. Sie wird für Israel, das immer auf der Suche nach Verbündeten in der Region ist, langfristige Nachwirkungen haben.

Haben wir schon vergessen, wie Hizbollah-Chef Hassan Nasrallah in seiner Rede nach dem IDF-Rückzug Israel als Spinnennetz verspottete? Das durch den Rückzug geschaffene Image einer unter Druck zum Abzug gezwungenen Macht, die nicht imstande war, über eine längere Zeitperiode hinweg durchzuhalten, hatte fast unmittelbare Konsequenzen: Palästinensische Terroristen brachen die zweite Intifada vom Zaun im Bestreben, dem Erfolg der Hizbollah im Norden nachzueifern. Auf den Rückzug folgten drei Jahre blutigen Terrors in Israels Strassen. Was Israel an Abschreckungskraft besessen haben mag, löste sich im Nu in Luft auf und musste unter beträchtlichen Kosten wieder hergerichtet werden. Die Hizbollah aber, die bis zum Rückzug nur den Süden Libanons kontrolliert hatte, begann, das ganze Zedernland zu übernehmen, wobei ihre Raketen nicht nur im Süden postiert waren.

Diese fundamentale, mit langfristigen Konsequenzen verbundene Veränderung des strategischen Gleichgewichts in der Gegend konnte sich unter dem falschen Eindruck entwickeln, der Rückzug habe dem Norden Israels Frieden gebracht. Effektiv brachte er Israel den zweiten Libanon-Krieg mit Tod und Zerstörung im Norden. Nicht nur existiert die Bedrohung immer noch, sondern sie wächst stetig.

Und welches sind die positiven Aspekte? Israelischen Verluste, die bis zum Rückzug bei durchschnittlich zwei toten Wehrmännern pro Monat gelegen hatten, konnten reduziert werden. Hätte Israel seine Positionen in der Sicherheitszone beibehalten, wäre die Zahl der Toten wahrscheinlich gleich hoch geblieben. Die totalen Verlustzahlen während der Intifada und des zweiten Libanon-Kriegs aber sorgen für eine sehr negative Gesamtbilanz. Der Rückzug, der aus den falschen Gründen beschlossen wurde, war daher ein falscher Schritt. Wenn der Beschluss zum einseitigen Rückzug zu seiner Zeit weite Unterstützung genoss – das Versprechen des Abzugs liess Ehud Barak wahrscheinlich das Rennen um das Amt des Premierministers gewinnen –, dann ist dies aus den gleichen Gründen
geschehen, die viele Menschen bis zum heutigen Tag trotz aller
Beweise für das Gegenteil im Glauben lassen, es sei eine gute
Entscheidung gewesen.

Eine israelische Präsenz jenseits der Waffenstillstandslinien von 1949, «die Besetzung», ist in den Augen vieler Menschen der Grund für alles israelische Missgeschick. Diese Anschauungsweise führte zum Abzug aus der libanesischen Sicherheitszone, zur tragischen Räumung des Katif-Siedlungsblocks im Gazastreifen, zum Scheitern im zweiten Libanon-Krieg, zu den Jahren mit auf den israelischen Süden fallenden Hamas-Raketen und zum anhaltenden Druck, Judäa und Samaria sowie die Golanhöhen zu verlassen. Die negativen Konsequenzen sind bekannt. Das klare Denk- und Beurteilungsvermögen von Öffentlichkeit und Politikern scheint durch deren Weltanschauung allerdings getrübt zu sein. 

Moshe Arens, Likud-Mitglied, war früher Knessetabgeordneter und Verteidigungsminister.








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