Israel im Visier
Die Aktvisten der Boykottbewegung hatten Anlass zum Feiern. Für viele Israeli war es jedoch ein schwerer Schlag, dass Elvis Costello seine geplante Konzerttournee in Israel aus Protest gegen den Siedlungsbau auf der Westbank und die Blockade des Gaza-streifens jüngst abgesagt hat. Die Fronten der Boykottdebatte verlaufen damit auch durch Konzerthallen und Stadien. Die Absage des Megastars war der bedeutendste Erfolg der Gegner der israelischen Besatzungspolitik und wird weithin als Wendepunkt betrachtet. Auf seiner Website beschreibt Costello seine Entscheidung detailliert als eine «Frage von Instinkt und Gewissen». Die israelische Kulturministerin Limor Livnat hielt dagegen, Costello sei «nicht würdig», in Israel aufzutreten.
Eine sensible Thematik
Die Bewegung für einen kulturellen Boykott Israels hat sich in den letzten Jahren gezielt an prominente Künstler gewandt. Bis vor Kurzem hatte die Kampagne aber nur begrenzten Erfolg. So liessen sich Madonna, Paul McCartney und Leonard Cohen nicht von Auftritten abbringen. Aber eine Reihe von Autoren und Dichtern schloss sich dem Boykott an. In seiner Erklärung führt er aus, er könne nicht in Israel auftreten, da er den Eindruck vermeiden wollte, dass ihm «das Leiden Unschuldiger gleichgültig sei». Weiter schreibt er: «Man lebt in der Hoffnung, dass die Musik mehr als nur Lärm ist, der Freizeit entweder mit Frohlocken oder Klage ausfüllt.» Er legt dar, dass ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen ist: «Ich muss davon ausgehen, dass sich im Publikum für die kommenden Konzerte viele Leute befunden hätten, die die Politik ihrer Regierung in der Siedlungsfrage hinterfragen und sich über den Zustand empören, dass palästinensische Zivilisten im Namen der nationalen ‹Sicherheit› Einschüchterungen, Demütigungen oder noch viel Schlimmeres erdulden müssen. Ich bin mir jedoch auch völlig klar darüber, dass diese Thematik angesichts der zahlreichen verabscheuungswürdigen Gewalttaten sehr sensibel ist, die im Namen der Befreiung begangen worden sind.» Schliesslich bietet Costello sowohl den Käufern von Eintrittskarten, als auch den Organisatoren der Tour seine «aufrichtige Entschuldigung für eventuelle Enttäuschungen» an.
Ein Stimmungswandel
In der Musikindustrie wird Costellos Entscheidung als Zeichen für einen tiefgreifenden Stimmungswandel in der Branche gesehen. Ein Insider erklärte auf Anfrage, er habe in den letzten Monaten mehr als 15 Künstlern vorgeschlagen, Konzerte in Israel zu geben. Doch keiner sei dazu bereit gewesen, trotz ausserordentlich hoher Gagen. Erfolgreich war die Boykottkampagne auch bei dem Dichter und Musiker Gil Scott-Heron, der für seine politischen Aktivismus bekannt ist. Dieser hatte für den 25. Mai einen Auftritt in Tel Aviv angekündigt. Doch daraufhin bestürmte ihn die Boykottbewegung, diesen abzusagen. Am 24. April störten propalästinensische Demonstranten ein Scott-Heron-Konzert in London – und am Ende dieser Show gab er seinen Verzicht auf den Auftritt in Tel Aviv bekannt.
Daraufhin sandten mehr als 50 Pro-Boykottgruppen einen Brief an Scott-Heron, in dem sie seine Entscheidung als eine moralische lobten: «Sie haben sich entschieden, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen», hiess es darin. Scott-Herons progressive Ansichten und seine unverblümten politischen Positionen liessen ihn zu
einem bevorzugten Ziel der Boykott-bewegung werden. Die Aktivisten konzentrieren sich auf Künstler, von denen sie annehmen, dass sie für einen kulturellen Boykott Israels empfänglich sein könnten. «Natürlich können wir nicht jeden ansprechen, und so konzentrieren wir uns auf Musiker, denen wir eine positive Haltung unseren Zielen gegenüber unterstellen.» Das erklärte Hannah Mermelstein, eine Sprecherin von Adalah-NY: The New York Campaign for the Boycott of Israel.
Parodie auf Elton John
Aber die Gruppen suchen auch nach anderen Künstlern, deren in Israel geplante Konzerte Zehntausende von Besuchern anlocken dürften. Derzeit konzentriert sich die Boykottbewegung auf Elton John, der am 17. Juni in Tel Aviv auftreten soll. Im Internet zirkuliert ein Videoclip, der den Elton-John-Hit von 1976 «Sorry Seems to be the Hardest Word» parodiert und den Originaltext mit den Worten ersetzt: «Mir kommt es so vor, als ob Boykott das härteste Wort wäre.» Die Parodie kritisiert Elton John für seine Konzerte in Südafrika während der Apartheid-Ära und behauptet zudem, dass der israelische Ministerpräsident Binyamin Netanyahu den Tourismus von Homosexuellen in Israel benutzt, um das Image seines Landes aufzupolieren. Der Clip fordert John auf, sich nicht als «schwules Schönheitspflästerchen von Bibi missbrauchen» zu lassen.
«Vertragliche Schwierigkeiten»
Daneben zielen die Aktivisten auf Joan Armatrading, die in der ersten Juniwoche dort erwartet wird. So bekannte Interpreten wie Carlos Santana und der Rapper Snoop Dogg haben jedoch in letzter Zeit mit merkwürdigen Erklärungen langfristig geplante Konzerte in Israel abgesagt. So hatte die Gitarrenlegende im Rahmen einer grossen Tournee durch Europa und den Nahen Osten Tausende von Tickets für ein Konzert in Jaffa verkauft. Doch dann gab Santana bekannt, er müsse das Konzert aufgrund «unvorhergesehener Terminüberschneidungen» absagen. Die israelischen Tageszeitung «Yediot Achronot» zitierte anonyme Quellen aus dem Umfeld der Veranstalter, die erklärten, Santana habe unter «Druck antiisraelischer Persönlichkeiten» gehandelt. Auch Snoop Dogg sagte einen geplanten Auftritt im jüdischen Staat unlängst wegen «vertraglicher Schwierigkeiten» ab. In seinem Fall ist jedoch offen, ob er unter dem Eindruck der Boykottbewegung oder aufgrund schlechter Vorverkäufe gehandelt hat. Allerdings behaupten die Aktivisten, Snoop Dogg habe auf ihr Drängen hin abgesagt.
Autoren schliessen sich dem Boykott an
Die Adalah NY-Sprecherin Mermelstein sagte, selbst wenn sich Künstler bei ihren Absagen offiziell etwa auf logistische Gründe beriefen, könnten sie doch eher auf Boykottaufrufe reagiert haben: «Die meisten Mainstream-Künstler geben immer noch keine öffentlichen Erklärungen für die Boykottbewegung ab. Aber sie nehmen diese bereits wahr und überdenken Auftritte in Israel erneut.» Einige Künstler haben sich bereits klar zur Unterstützung des Boykotts bekannt und ihre Weigerung, nach Israel zu kommen, öffentlich gemacht. Dazu gehören jedoch meist eher Dichter, Schriftsteller und Gelehrte wie die indische Autorin Arundhati Roy, ihr britischer Kollege John Berger, die Dichterin Adrienne Rich, der Regisseur Ken Loach sowie die Autorin und Aktivistin Naomi Klein.
Wirksames Druckmittel
Boykottaktivisten in den Vereinigten Staaten betonen, dass sie mit ihren Appellen an Künstler, nicht in Israel aufzutreten, den Forderungen von Palästinensern vor Ort folgen, die dies für ein wirksames Druckmittel Israel gegenüber halten. Die Bewegung hat auch in Israel selbst Anhänger. So erklärte der Jerusalemer Aktivist Ofer Neiman, der Boykott demonstriere, dass Israel für die Besatzungspolitik einen Preis zu zahlen habe. Er wies die Idee zurück, dass führende Künstler ihre Kritik an der dortigen Politik wirksamer vor Ort Ausdruck geben könnten: «Wie viele Leute haben sich für die Kritik des Rockmusikers Roger Waters interessiert, als er 2006 in Israel gespielt hat? Die Leute erinnern sich doch in erster Linie daran, dass er hier war.» Trotz der jüngsten Erfolge der Boykottbewegung können sich Israeli weiterhin auf ein dicht gedrängtes, musikalisches Sommerprogramm freuen. Neben Elton John werden Rod Stewart, Rihanna und die Pixies erwartet. Zudem erwägt der Musiksender MTV, sein Sommerfest heuer in Tel Aviv abzuhalten.


