Verbindung zwischen Mensch und Erde
Was ist die Verbindung zwischen biologischer Landwirtschaft und Judentum? Mario Levi, Begründer der biologischen Landwirtschaft in Israel und Mitglied im Kibbuz Sde Eliyahu, sagt, es gebe eine Verbindung: «Im Judentum heisst es, dass der Mensch der Erde, die er von Gott bekommen hat, Sorge tragen muss. Die moderne Landwirtschaft arbeitet gegen dieses Gebot und behandelt die Erde nicht mit genügend Sorgfalt; sie benützt Chemikalien, die unser Essen vergiften und unserer Gesundheit schaden. Die biologische Landwirtschaft behandelt die Erde mit Respekt – bearbeite dein Land und zerstöre es nicht mit giftigen Chemikalien», schreibt Levi in einem Artikel auf der Website des Kibbuz.
Der Kibbuz Sde Eliyahu liegt an einem der schönsten Orte Israels, im Bet-Shean-Tal. Wenn man an einem Wintertag durch den Kibbuz schlendert, bietet sich einem ein atemberaubender Blick auf die umliegende Landschaft; die gelblichen Hügelketten Gilboa und Gilad kontrastieren die grünen Biodattelplantagen des Kibbuz. Im Sommer ist die drückende Hitze in diesem Teil Israels zwar enorm, aber im Winter ist die Landschaft hier umso schöner.
Der Kibbuz Sde Eliyahu ist sowohl in Israel als auch weltweit einzigartig. Erstens lebt der Kibbuz allein von der Landwirtschaft und ist ein Pionier in biologischer Landwirtschaft. Zweitens ist er wohl einer der letzten Kibbuzim in Israel, in dem die Mitglieder noch selber auf den Feldern stehen und nicht ausländische Arbeiter, meist aus Thailand, anstellen. Und drittens ist er einer der letzten Kibbuzim, in dem die ursprüngliche Lebensform und die Ideale des Kibbuz gelebt und geschätzt werden. Viele Kibbuzim werden zurzeit privatisiert, nicht so Sde Eliyahu. Zudem ist es ein religiöser Kibbuz, was das Ganze noch aussergewöhnlicher macht.
«Aus aller Welt kommen Leute, um an unseren Bio-Touren teilzunehmen, um etwas über biologische Landwirtschaft und biologische Lebensart zu lernen», erzählt Sara Goldsmith, welche die Touren organisiert. «Die Leute interessiert vor allem die aussergewöhnliche Kombination von religiösem Kibbuz und biologischer Landwirtschaft. Sie finden es besonders aufregend, eine Frucht pflücken und einfach essen zu können, weil unser Obst und Gemüse ja nicht gespritzt ist», sagt sie. Was die biologische Landwirtschaft angeht, so ist der Kibbuz sozusagen eine innovative Start-up-Firma. Seine beiden Unternehmen Bio-Bee und Bio-Fly sind weltweit äusserst erfolgreich.
Auf Pestizide verzichten
Es ist eine anerkannte Tatsache, dass der Bestand der Honigbiene, eine wichtige Bestäuberin, weltweit abnimmt. Im Kibbuz springt die Hummel in die Bresche und wird als natürliche Bestäuberin in Gewächshäusern und auf dem Feld eingesetzt. Die Sterile Insect Technique, bei der Millionen sterile männliche Fruchtfliegen gezüchtet werden, wird von Bio-Bee angewendet. Weil diese Fliegen sterilisiert sind, können sie das weibliche Ei nicht befruchten, wodurch der Fruchtfliegenbestand zurückgeht und den Landwirten gesündere und bessere Produkte beschert. Sde Eliyahu züchtet ausserdem verschiedene Käferarten, die Insekten oder ihre Larven fressen, welche ganze Ernten zerstören können. Somit können die Landwirte auch auf die ungesunden Chemikalien verzichten und ihre Ernte trotzdem bewahren.
«Die biologische Lebensart geht Hand in Hand mit unserem jüdischen Glauben an die Verbindung zwischen Mensch und Erde und speziell zwischen dem Volk Israel und seiner Erde. Ausserdem denken wir an die nächste Generation und daran, dass wir ihnen eine saubere Erde hinterlassen wollen, wo sie leben und gedeihen können», erklärt Sara Goldsmith. Weiter erzählt sie: «Mario Levi, einer der Gründer des Kibbuz, kam mit biologischer Landwirtschaft erstmals bei einem Besuch in der Schweiz 1967 in Berührung. Zu dieser Zeit kannte man in Israel noch nicht einmal den Begriff biologische Landwirtschaft, und als Levi versuchte, andere Landwirte davon zu überzeugen, ihm zu folgen, wurde er nicht ernst genommen. Sogar die anderen Kibbuz-Mitglieder waren anfangs eher skeptisch. Sie willigten schliesslich ein, Pestizide nicht in der Nähe der Häuser zu sprühen, und Levi bekam ein kleines Stück Land, wo er die neue Methode ausprobieren konnte.» Was klein angefangen hat, ist 35 Jahre später zu einem Millionenbusiness geworden, welches dem Kibbuz wirtschaftliches Wachstum beschert. Levi hat die Vereinigung Israel Bio-Organic gegründet und ist immer noch dabei, seine Ideen in ganz Israel zu verbreiten.
«Dadurch, dass Sde Eliyahu ein religiöser Kibbuz ist, akzeptieren die Leute die Grundsätze der biologischen Landwirtschaft eher, vor allem wegen des Gesundheitsaspekts. Im Judentum spielt die Gesundheit eine wichtige Rolle und es besteht kein Zweifel, dass biologische Nahrungsmittel die Leute gesund halten. In den vergangenen fünf Jahren ist in Israel das Bewusstsein für biologisches Obst und Gemüse stark gewachsen und man findet Bioprodukte mittlerweile fast überall problemlos», erklärt Goldsmith. Neben Biogemüse und -datteln baut der Kibbuz auch Biogranatäpfel an und betreibt einen biologischen Weinanbau, ausserdem gibt es eine Biogewürz-Fabrik mit Produkten, die in die ganze Welt exportiert werden.
Schädlingsbekämpfung mit Vögeln
Eines der interessantesten Projekte in Sde Eliyahu ist die biologische Schädlingsbekämpfung; dabei werden Raubvögel und Fledermäuse eingesetzt. Das Projekt wurde sogar nach Jordanien exportiert, wo man mit lokalen Landwirten zusammenarbeitet. «Wir holen die Vögel für die Schädlingsbekämpfung nicht extra in den Kibbuz, wir sind einfach nett zu ihnen; wir bauen ihnen Nester, und da unser gesamter Anbau biologisch ist, können sie auch nicht vergiftet werden. Die Eulen und Fledermäuse arbeiten nachts, die Falken tagsüber. Die Vögel belohnen uns, indem sie die Schädlinge fressen», führt Sara Goldsmith aus.
Wenn man über die Dattelplantagen des Kibbuz geht, begegnen einem ab und zu Eseln, die zwischen den Dattelpalmen spazieren. Die Tiere gehören auch zum biologischen Puzzle des Kibbuz. Sie sind alt und verletzt und haben im Kibbuz Unterschlupf gefunden. Sie fressen das Gras, das an den Dattelpalmen wächst; die Palmen bleiben so gesund und frei von Unkraut. «Die Kibbuzmitglieder arbeiten gerne auf den Feldern. Wir beschäftigen keine billigen Arbeitskräfte und schaffen Arbeitsplätze für die Leute aus den umliegenden Moschawim und sogar aus der Stadt Beit Shean. Auch eine Gruppe äthiopischer Juden arbeitet im Kibbuz. Im religiösen Kibbuz glauben wir an die Verbindung zwischen Mensch und Erde, und die Liebe zur Erde entsteht, wenn man das Land mit seinen eigenen Händen bearbeitet», so Sara Goldsmith zum Schluss.


