Frauen-Mehrheit in der Geschäftsleitung
Die wichtigsten Ereignise des Jahres 2009 standen bereits im Jahresbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). So gab es einige Ergänzungen zu den Ressorts, welche die viereinhalb Monate des neuen Geschäftsjahres betrafen. Der SIG-Präsident Herbert Winter konnte ankündigen, dass zwei verdiente Persönlichkeiten am 20. September mit einen feierlichen Anlass in Bern in das Goldene Buch des SIG eingetragen werden sollen: alt Bundesrat Pascal Couchepin und der frühere SIG-Präsident Alfred Donath.
Politische Aktivitäten
Präsident Winter berichtete zudem, dass sich eine SIG-Delegation im Januar mit CVP-Präsident Christophe Darbellay auf dessen Wunsch zu einer Aussprache getroffen habe, an der dieser seine bereits öffentlich gemachte Entschuldiung wiederholte und die Forderung zurücknahm, konfessionelle, auch jüdische, Friedhöfe sollten verboten werden. Auf Wunsch des SIG bestätigte die CVP-Parteileitung diese Position in einem Schreiben.
Der SIG beteiligte sich laut dem Präsidenten an der Vernehmlassung über Suizidhilfe, wobei er die angestrebte Regelung begrüsste, aber festhielt, dass sie im Widerspruch zur traditionellen jüdischen Lehre stehe. Es fanden auch Mediengespräche statt sowie Sitzungen des Rats der Religionen. Der Präsident besuchte auch verschiedene offizielle Anlässe. Sehr gut entwickelte sich die politische Zusammenarbeit mit der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS).
Sabine Simkhovitch-Dreyfus ergänzte ihren Bericht durch die Ankündigung neuer Informations- und Bildungsmodule für Erwachsene sowie von Faktendossiers zu aktuellen Themen auf der SIG-Homepage. Gemeinsam mit der PLJS ist ein Konzept für eintägige Auschwitzreisen vorgestellt worden, allerdings erstmals frühestens im Herbst 2011, weil erst die Schulen und Bildungsdirektionen überzeugt werden müssen, diese Reisen in ihr Weiterbildungsprogramm für Lehrer aufzunehmen.
Rolf Halonbrenner vom Ressort Religiöses berichtete von Schwierigkeiten mit der bevorstehenden Volkszählung, weil bei den jüdischen Teilnehmern unter den vorgesehenen 200 000 Stichproben-Personen unter anderem nur die Mitgliedschaft in öffentlich-rechtlichen Gemeinden registriert werden soll. Ein Delegierter der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich bestätigte, dass bei Neuanmeldungen ebenfalls nur die anerkannten Gemeinden Erwähnung finden und die Mitglieder anderer jüdischer gemeinden unter «andere» figurieren.
Verhältnis zu Israel
Eine längere Diskussion über das Verhältnis des SIG zu Israel entbrannte nach dem üblichen Votum von Arthur Cohn, Mitglied des Centralcomites (CC). Cohn forderte, dass das CC ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der DV erhalten sollte. Seine Vorschläge für die Einladung israelischer Persönlichkeiten als Referenten am Vorabend wurden abgelehnt, sagte Cohn, mit der Begründung, der SIG wolle sich nicht nur über Israel definieren. Damit sei er der einzige Dachverband, der Israel nicht auf die Traktandenliste setze. Er rügte auch den sogenannten Goldstone-Bericht über den Gaza-Konflikt, der schuld an kritischeren Medienberichten über Israel sein soll, und auch Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. Präsident Winter betonte, Israel liege allen am Herzen, aber das Thema gehöre nicht auf die Traktandenliste.
Francine Brunschwig gewählt
Das Budget wurde ohne Probleme durchgewinkt und der Geschäftsleitung Décharge erteilt. Nach zwei Jahren wurde die Geschäftsleitung wieder statutengerecht auf sieben Personen ergänzt, was CC-Präsident David Jeselsohn begrüsste. Mit Akklamation wurde die Journalistin Francine Brunschwig aus Lausanne gewählt, die später in der konstituierenden Besprechung der Geschäftsleitung das Ressort Kultur von Gabrielle Rosenstein übernahm, die es längere Zeit im Doppelmandat mit dem Präsidium des Verbands schweizerischer jüdischer Fürsorgen (VSJF) geführt hatte. Mit der Wahl von Francine Brunschwig stellen die Frauen erstmals die Mehrheit in der Geschäftsleitung.
Im CC gab es zwei Rücktritte zu verzeichnen. Klaus Appel von der Gemeinde Biel hielt nach 17 Jahren im CC keinen Rückblick, sondern einen Ausblick, indem er seinen Nachfolger präsentierte: Daniel Frank, Jurist und Diplomat, der aus der Gemeinde Basel der Liebe wegen in die Gemeinde Biel wechselte und dort im Vorstand mitarbeitet. Aus Genf trat Samuel Bendahan nach 16 Jahren im CC zurück. Sein Nachfolger Roger Chartiel ist Architekt und sollte demnächst vom Vizepräsidenten zum Präsidenten der Genfer Gemeinde aufsteigen. In der Rechnungsprüfungskommission gab es gleich drei Rücktritte, von denen nur Robert Heymann aus Bern anwesend war. Die Nachfolger sind Raphael Weisz, Baden, Markus Tanner, Basel und Jacques Buss, Bern.
SIG soll sich um Singles kümmern
Buchstäblich wie die Jungfrau zum Kind kam schliesslich die SIG-Geschäftsleitung zu einer Aufgabe, die sie nicht gesucht hatte: Sie soll künftig mit Singles-Veranstaltungen dafür sorgen, dass es wieder mehr jüdische Eheschliessungen gebe (vgl. tachles 18/10). Der gut präsentierte Antrag aus der Israelitischen Gemeinde Basel wurde von der DV angenommen.
Begonnen hatte der DV-Auffahrtstag ungewohnt mit drei Frühstücksmeetings, zu den Themen «Regionale Zusammenarbeit zugunsten von Kleingemeinden», «Jüdische Bedürfnisse und Staat» sowie «Die Zukunft der jüdischen Gemeinden in der Schweiz», das mit 60 Personen weitaus am meisten Publikum anzog.
Zu Beginn der DV hatte Gabrielle Rosenstein traditionsgemäss die DV des
VSJF durchgeführt und von den zahlreichen Tätigkeiten, von Flughafen-Seelsorge über Seniorennachmittagen und Integrationskursen bis zur Hilfe für Bedürftige und Holocaust-Überlebende berichtet. Probleme bietet die geplante Asylrechtsrevision, welche die Hilfswerkvertretung bei Asylanhörungen (der VSJF nimmt jährlich an rund 1000 teil) abschaffen will. Hier zeigte sich ein Dilemma, das auch während der SIG-DV zur Sprache kommen sollte: Heks und Caritas sind bewährte Partner des VSJF, doch diese kirchlichen Hilfswerke nahmen kürzlich in Zürich an einer Veranstaltung teil, an der ein Boykott israelischer Güter angeregt wurde.


