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19. Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 20 Ausgabe: Nr. 20 » May 18, 2010

Eine Erfolgsgeschichte

Valerie Wendenburg, May 18, 2010
Der Journalist und Israel-Experte Pierre Heumann hielt in der Israelitischen Gemeinde Basel einen Vortrag über den Erfolg der Wirtschaft Israels.
PIERRE HEUMANN IN DER IGB «Israel entwickelte sich von einem Agrarland zu einem Hightech-Standort»


Auch das regnerische Wetter in Basel hielt die zahlreich erschienenen Gäste Anfang Mai nicht davon ab, sich auf den Weg in die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) zu machen und sich den Vortrag «Chips statt Orangen – das israelische Wirtschaftswunder» von Pierre Heumann anzuhören. Der Journalist, der während 16 Jahren für die «Weltwoche» aus Israel berichtet hat, sprach über die boomende Wirtschaft in Israel – dem Land, über das in den Medien meist unerfreuliche Nachrichten publiziert werden. Und das, obgleich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Israel eine Erfolgsgeschichte sei. Allein im vergangenen Jahr hat der Export um 47 Prozent zugenommen. In diesem Monat soll Israel in den MCSI World Index, einen der wichtigsten Aktienidizes der Welt, aufgenommen werden. Insgesamt sei die Weltwirtschaftskrise in Israel so gut wie gar nicht spürbar gewesen, so Heumann.

Wirtschaftliche Transformation

Seit der Gründung des Staates Israel hat sich das Land von einem Agrarland zu einem Hightech-Standort entwickelt. «Bis in die siebziger Jahre hat das Land vor allem für den eigenen Bedarf produziert», so Heumann. Von den Siebzigern bis in die neunziger Jahre sei die israelische Wirtschaft eher instabil gewesen, es herrschte eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit, und nach dem Jom-Kippur-Krieg wurde sogar der wirtschaftliche Notstand ausgerufen. In den neunziger Jahren kam schliesslich die Wende: «Es kam zu einer wirtschaftlichen Transformation», so Heumann, «die Privatwirtschaft wurde gefördert und begünstigt.» Nach dem ersten Osloer Abkommen im Jahr 1993 begann Israel, sich auch wirtschaftlich zu öffnen, Investoren kamen ins Land. Die Agrar­exporte und die wirtschaftliche Bedeutung der Kibbuzim gingen zurück, während der Erfolg der Hightech-Branche begann. «Das Land veränderte sich stark», betont Heumann, «Altruismus war plötzlich out und Konsum war in».

Auf die Frage, weshalb der wirtschaftliche Aufschwung möglich war, führt Heumann vor allem zwei Gründe auf. Von grosser Bedeutung sei vor allem die bemerkenswerte Bildung vieler Israeli; besonders in der Armee könne das Niveau der Ausbildung durchaus mit dem eines Studiums in Harvard verglichen werden. Heumann verweist auf ein Zitat Warren Buffets, einen der ersten grossen Investoren in Israel, der gesagt hat: «Die Amerikaner kamen früher in den Nahen Osten, um Öl zu suchen, und gingen an Israel vorbei. Ich suchte Brainpower und machte in Israel Halt.» Ferner seien die russischen Einwanderer nicht unbeteiligt am wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Zahlreiche Informatiker, Mathematiker und Ingenieure hätten zum Aufschwung Israels beigetragen. Und so wurde der USB-Stick ebenso wie einer der ersten Chips in Israel hergestellt, und das Programm Windows 7 massgeblich im Land entwickelt. Zahlreiche bedeutende internationale Hightech-Fimen haben Forschungslabore im Land und Tausende Start-ups locken nach wie vor Investoren nach Israel.

In die Grenzen gewiesen

Die Erfolgsgeschichte Israels werde aber von anderen Faktoren getrübt. So profitierten die israelischen Araber wie auch die orthodoxen Juden nicht von dem Wirtschaftsboom – der Hightech-Boom habe die Dualität im Land vielmehr verstärkt, so Heumann. 20 Prozent der Haushalte liegen unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit beträgt bei den Orthodoxen rund 60 und bei den Arabern rund 50 Prozent (vgl. S. 14). Auch der stockende Friedensprozess hinterlasse seine Spuren, dies habe sich auch bei der Diskussion um die Aufnahme Israels in die OECD gezeigt. Es sei, so Heumann, deutlich geworden, dass ein Wirtschaftswachstum ohne Friedensprozess zwar möglich sei, das Land aber aufgrund der politischen Situation immer wieder an seine Grenzen stossen könne.






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