Den Dialog suchen
Irgendetwas stimmt nicht mehr in den Beziehungen zwischen Israel und den wichtigen jüdischen Gemeinden im Ausland, und zwar nicht nur auf politischer Ebene. Ein neuer Graben entwickelt sich zwischen Israel und Segmenten des Diaspora-Judentums. Das geht über Antizionisten wie die Sekte der Neturei Karta und Noam Chomski hinaus, die Israel und seine Politik stets kritisieren. In jüngster Zeit äussern sich auch Kreise, die als überzeugte Gefolgschaft des Staates Israel galten, in aller Öffentlichkeit kritisch zu dessen Politik. Ein Schritt, der ihnen kaum leicht fallen dürfte.
Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht wohl fühle in einer Situation, in der Menschen, die nicht in Israel leben und demzufolge mögliche Rückwirkungen von dessen politischer Einstellung nicht zu tragen haben, sich das Recht herausnehmen, sich in den politischen Prozess in Israel einzumischen. Das gilt gleichermassen für Äusserungen der Rechten wie der Linken. Das Interesse des Diaspora-Judentums an Israel in Ehren, doch die harten politischen Entscheidungen können nur wir, und nur wir alleine treffen. Menschen ohne Staatsbürgerschaft sollten keinen Anteil an ihnen haben.
Das ist der Unterschied zwischen Staatsbürgerschaft einerseits, die Verantwortung beinhaltet, und Unterstützung und Sympathie andererseits. Deshalb lehnte ich auch die aussichtslose Idee der Bildung eines weltweiten jüdischen Parlaments und andere, ähnliche Vorschläge ab, wie etwa das Konzept, über das Schicksal von Jerusalem zusammen mit dem Diaspora-Judentum zu entschieden.
Was sich dieser Tage aber abspielt, stimmt nachdenklich. Warum geschieht es ausgerechnet jetzt? Es besteht ein Unterschied zwischen der amerikanischen Lobbygruppe J Street und der Gruppe europäischer Intellektueller, die kürzlich in einer Petition Kritik an einigen israelischen Vorgehensweisen geübt haben. Die amerikanische Gruppe ist ein Mischmasch von Antizionisten, Israelfreunden, die sich mit der linksliberalen Meretz-Ideologie identifizieren, und anständigen, aber naiven Menschen, die nicht immer genau wissen, was in Israel vor sich geht. Die Existenz der Lobbygruppe hat Machtkämpfe innerhalb des US-jüdischen Establishments ausgelöst. Das gilt nicht für die Unterzeichner der europäischen Petition (vgl. tachles 19/10).
Was ist also los? Die Antwort ist ebenso einfach wie schmerzlich. Zum ersten Mal hat Israel eine Regierung, der es durch ihre Verlautbarungen (Taten hat diese Regierung kaum aufzuweisen) gelingt, den Rest der Welt zu veranlassen, uns zu hassen. Das kann nicht ausschliesslich mit der Persönlichkeit und den Ansichten von US-Präsident Barak Obama begründet werden, haben in letzter Zeit doch sogar Freunde Israels, wie Nicolas Sarkozy oder Angela Merkel, ihre Geduld mit uns verloren.
Israel hat noch nie einen Aussenminister gehabt, der gerne mit dem Rest der Welt kämpfte, oder eine Regierung, der es gelungen wäre, die Welt wegen der Baupläne für Ostjerusalem gegen aufzubringen, auch wenn dort effektiv noch keine einzige Wohnung errichtet worden ist. Die Isolation von anderen Staaten bereitet Freunden Israels Sorge und ist verantwortlich für den Zwist mit den Juden in der Diaspora, verliert Israel doch seine Stimme als Repräsentant der jüdischen Öffentlichkeit. Eine der wichtigsten Errungenschaften des Zionismus wird Israel entrissen.
Angesichts dieses Trends sind Empörung und Verurteilung nicht genug. Ein anderer Weg bietet sich an: Der Versuch, mit den Kritikern Israels zu sprechen. Nicht, indem man den anderen bevormundet oder ihm vorwirft, ein sich selbst hassender Jude zu sein. Auch geht es nicht darum, sich an AIPAC-Konferenzen selbstgerecht zu geben und feurige Reden zu schwingen – sondern darum, einen echten
Dialog zu führen.
Nur eine Gestalt des öffentlichen Lebens kann einen derartigen Dialog initiieren: Staatspräsident Shimon Peres. Dass ihm formell die politische Autorität fehlt, zeigt sich darin, dass er nicht den Versuch zu unternimmt, die Kluft zu schliessen und eine internationale jüdische Konferenz über die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora einzuberufen.
Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass eine der beiden Seiten die andere überzeugen wird, doch sollte man sich in Jerusalem an einen Tisch setzen und einander zuhören, statt sich zum Gaudi der Feinde Israels gegenseitig zu attackieren. Vielleicht wird die Regierung begreifen, dass auch sie bei der Entfremdung eine Rolle spielt, und vielleicht werden die Kritiker sehen, dass die Realität etwas komplexer ist, als sie ihnen erscheint.
Es ist nicht einfach, doch eine Situation, in der sich Juden, für die Israel einen bedeutenden Teil ihres Lebens darstellt, dem Staat der Juden entfremden, ist schwer vorstellbar – sowohl von einer israelischen als auch von einer jüdischen Perspektive aus gesehen.
Shlomo Avineri, ehemaliger Generaldirektor des israelischen Aussenministeriums, ist Politologe an der Hebräischen Universität in Jerusalem.


