Vielfalt in der Vielfalt
Nicht weniger als 30 Millionen Franken haben die beiden grössten jüdischen Gemeinden von Genf in den letzten Jahren in ihre Infrastruktur und damit in ihre Zukunft investiert: Vor drei Jahren hat die Communauté Israélite de Genève (CIG) ihr Gemeindezentrum mit dem ungewöhnlichen Namen ma.com an der Avenue Dumas in Betrieb genommen, und vor zwei Monaten konnte die Liberale Jüdische Gemeinde (GIL) eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum an der Route de Chêne einweihen (vgl. tachles 11/10). Die CIG umfasst seit der letzten Einwanderungswelle vor 50 Jahren konstant an die 2500 Personen, die in den letzten Jahren stark gewachsene GIL bewegt sich auf 2000 Mitglieder zu (vgl. Kasten). Dazu kommen die kleine orthodoxe Gemeinde Mahsike Hadass sowie die zur Lubawitscher Bewegung gehörende Beth Chabad. Sieben Synagogen und Betsäle stehen den Genfer Juden zur Verfügung, darunter auch die von Nessim Gaon 1972 erbaute sephardische Synagoge Hekhal Haness, auf die 2007 ein bisher ungeklärter Brandanschlag verübt wurde. Dazu kommen jüdische Kindergärten, zwei jüdische Schulen, ein jüdisches Altersheim, mehrere Koscher-Restaurants und nicht weniger als 60 jüdische Vereine.
Doppelmitgliedschaften
Bei aller Vielfalt beansprucht die CIG die Führungsrolle unter den Genfer Juden, wie Präsident Ron Aufseesser im Gespräch mit tachles betont. Gleichzeitig legt er auch Wert auf die Feststellung, dass insbesondere mit der Liberalen Gemeinde eine enge und unkomplizierte Zusammenarbeit besteht, die bis zur gemeinsamen Organisation bei Sicherheit und Sozialdienst geht. Ausgenommen sei nur der religiöse Bereich. Eine Eigenheit ist zudem die von allen Westschweizer Gemeinden getragene CICAD, eine Vereinigung zum Kampf gegen Antisemitismus und Diffamierung. Diese wird auch vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) unterstützt, wie Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vorgängerin Aufseessers als CIG-Präsidentin und heutige SIG-Vizepräsidentin, ergänzt. Auch auf dem Gebiet der Jugendarbeit erfolge eine finanzielle Abgeltung durch den Dachverband: «Wir unterstützen die grösseren Gemeinden dafür, dass sie auch regionale Arbeit leisten, und sparen uns dafür seit einigen Jahren einen eigenen Jugendleiter für die Westschweiz.» Zum spezifischen «Genfer Modell» gehören auch verbreitete Doppelmitgliedschaften. Diese werden erleichtert durch wesentlich tiefere Mitgliederbeiträge als sie in der deutschsprachigen Schweiz üblich sind. Der Grund liegt darin, dass die Steuerdaten in Genf nicht öffentlich zugänglich sind, so dass die Einschätzung der Mitglieder auf der Basis von Selbstdeklaration und Verhandlungen erfolgt.
Liegenschaften als Geldquelle
«Wir haben das Glück, für neue Projekte auf grosszügige Spender zählen zu können, aber die Kosten für das Personal in der Küche oder im Sekretariat übernehmen keine Sponsoren», erläutert Ron Aufseesser die Folgen. Damit trotzdem eine verlässliche Budgetplanung möglich ist, baut die CIG auf die Einnahmen aus der Vermietung ihrer Immobilien. So wurde das ehemalige Gemeindezentrum an der Rue Saint-Léger nach dem vor drei Jahren erfolgten Auszug zunächst umfassend renoviert, bevor es vor einem Jahr an eine Bank vermietet werden konnte. Und auch im jetzigen Gemeindezentrum ma.com – es gehörte zuvor der Post – werden die oberen Stockwerke von Mietern wie Swisscom oder von einer Schule genutzt. Nun denkt man sogar daran, dieses finanzielle Standbein durch eine Aufstockung des Gebäudes zu verstärken, um aus dem Ertrag den Wunsch nach einem grossen Gemeindesaal finanzieren zu können. Heute dient der ursprünglich als Provisorium gedachte Betsaal, in dem die sephardischen Gottesdienste stattfinden, zugleich als mutifunktioneller Versammlungsraum.
Die aschkenasischen Gottesdienste finden in der Synagoge Beth Yaakov statt, die 2009, anlässlich ihres 150-Jahr-Jubi-läums, um einen repräsentativen unterirdischen Saal erweitert wurde. Ron Aufseesser bezeichnet das an der zentral gelegenen Place de la Synagogue gelegene Gebäude als «unsere historische Visitenkarte», die von zahlreichen Schulen und andern Gästen besucht werde. Eine «Dynamisierungskommission» soll nun weitere Ideen entwickeln. Diese könnten von der Förderung des Gottesdienstbesuchs über Anlässe zur religiösen Weiterbildung bis zu einer Ausstellung über die Geschichte der Juden in Genf reichen.
Keine Parallelgesellschaften
Wenn die sephardischen und die aschkenasischen Gottesdienste auch räumlich getrennt stattfinden, so widerspricht Aufsee-sser doch entschieden der Vorstellung, es gebe in seiner Gemeinde zwei religiöse Parallelgesellschaften. Wohl habe jemand, der in Marokko aufgewachsen ist, andere Vorstellungen von einer jüdischen Gemeinde oder den Aufgaben eines Rabbiners als ein gebürtiger Genfer, doch gebe es auch immer mehr familiäre Verbindungen zwischen den beiden Gruppen. Sabine Simkhovitch-Dreyfus ergänzt: «Von der deutschen Schweiz aus hat man oft den Eindruck, dass die Sephardim eine einheitliche Gruppe seien. Tatsächlich gibt es zwischen Türken, Iranern, Marokkanern, Ägyptern und Libyern ebenso grosse Unterschiede wie zwischen elsässischen, deutschen oder polnischen Juden.» Die jeweiligen Traditionen werden aber weiter gepflegt und gefördert – sei es durch die Organisation von Kochkursen mit elsässischer, iranischer oder marokkanischer Küche, sei es durch Minjanim gemäss den unterschiedlichen Riten. «Ich finde es besonders interessant, diese an Jom Kippur zu besuchen», sagt Ron Aufseesser.
Kompromiss in der Friedhof-Frage
So gut integriert die Juden in Gesellschaft und Politik sind, so bleibt Genf doch der einzige Kanton, der es religiösen Minderheiten verbietet, die Toten nach ihren Vorschriften zu begraben. Aus historischen Gründen entstand Ende des 18. Jahrhunderts in Carouge ein jüdischer Friedhof, dessen weiterer Ausbau jedoch durch das Friedhofgesetz von 1876 gestoppt wurde. Darauf wurde 1920 im Grenzort Veyrier ein jüdischer Friedhof eröffnet, dessen Abdankungshalle auf Schweizer Territorium liegt, die Grabfelder dagegen in Frankreich. Angesichts der Tatsache, dass in spätestens 20 Jahren die Kapazitätsgrenze erreicht sein dürfte, wurde eine Revision des Friedhofgesetzes angestrebt, die jedoch 2006 im Grossen Rat scheiterte. Immerhin stimmte dieser später einem Kompromiss zu, der es der CIG erlaubt, auch auf dem Schweizer Teil des Friedhofareals von Veyrier Gräber anzulegen. Damit sind die Bedürfnisse für weitere rund 20 Jahre abgedeckt. «Diese pragmatische Lösung ist nicht ideal, aber wir können mit ihr leben», meint Aufseesser leicht resigniert.
Emotionslos für den SIG
Zum Abschluss seiner statutarisch auf vier Jahre beschränkten Präsidentschaft wird der Rechtsanwalt Ron Aufseesser am 12. und 13. Mai die Delegierten des SIG erstmals seit zehn Jahren in Genf willkommen heissen. Es ist kein Zufall, dass der Eröffnungsabend unter dem Motto «Diversité juive» steht: «Dies gibt uns die Gelegenheit, die Vielfalt unserer Gemeinde und der internationalen Stadt zur Geltung zu bringen, in der wir leben dürfen.» Dass der jüdische Dachverband in der Westschweiz einen geringen Stellenwert habe, bestreitet der CIG-Präsident: «Die meisten Leute anerkennen die politisch wichtige Rolle des SIG», führt er aus. Hingegen fehle im Gegensatz zur Deutschschweiz wohl eine über Generationen gewachsene emotionale Verankerung. Dies sei aber kein spezifisch jüdisches Phänomen: «Die Genfer allgemein fühlen sich weniger stark als Schweizer als die Bewohner anderer Kantone.»


