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12. Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 19 Ausgabe: Nr. 19 » May 11, 2010

Keine religiösen Probleme

von Gisela Blau, May 11, 2010
Die Seelsorge der Schweizer Armee erarbeitet Wegleitungen für Rekruten und Kader, in denen Rechte und Pflichten für die Soldaten festgeschrieben werden sollen. Die Tipps und Weisungen betreffen Aspekte des militärischen Alltags wie Verpflegung, Gebet, Urlaub und Seelsorge.
EINE INTERRELIGIÖSE TRUPPE Die Schweizer Armee bildet die gesellschaftlichen Realitäten im Land ab

Mit jüdischen Soldaten sammelte die Schweizer Armee jahrzehntelang Erfahrungen. In den letzten Jahren gab es keinerlei Probleme, abgesehen allenfalls von gelegentlichen antisemitischen Vorfällen, die geahndet werden mussten.

Juden in Feldgrün, die streng koscher essen wollen, bringen ihre eigene Verpflegung mit. Wenn sie Sonderurlaub für Feiertage und früheres Abtreten am Freitag wollten, meldeten sie dies möglichst rechtzeitig ihren militärischen Vorgesetzten, in Zweifelsfällen unterstützt von den Religionsbeauftragten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Dafür leisten sie als Kompensation Sonntagsdienste.

Den Glauben respektieren

In den letzten Jahren wandelte sich die Schweizer Armee von einer rein christlichen Truppe mit einzelnen jüdischen Angehörigen zu einem Verband, der die gesellschaftlichen Realitäten im Land abbildet. Adventisten, die wie die Juden den Sabbat heiligen, hatten manchmal eher Mühe. Doch in letzter Zeit heuern auch naturalisierte muslimische Rekruten und Soldaten bei der Armee an. Ihre Zahl ist unbekannt, weil die Schweizer Armee die Religion nicht mehr erhebt. Aber mit ihnen kamen neue Verunsicherungen auf. Der damalige Armeechef Christophe Keckeis erteilte den Auftrag, Wegleitungen für Rekruten und Kader auszuarbeiten. Darin soll festgeschrieben werden, welche Rechte und Pflichten es gibt und dass es im Dienstreglement heisst, die Armee habe den Glauben aller ihrer Angehörigen zu respektieren.

Raum für Gebete

Die beiden Papiere befinden sich noch in der Vernehmlassung. Rolf Halonbrenner, Ressortleiter Religion in der Geschäftsleitung des SIG, bestätigt, dass er die Entwürfe erhalten hat. Er arbeitet für den SIG die Antwort aus, die garantieren soll, dass die Merkblätter den speziellen Anliegen jüdischer Armeeangehöriger Rechnung tragen. Auf der SIG-Homepage (www.swissjews.ch) befindet sich eine eigene Wegleitung für jüdische Soldaten. Halonbrenner, selber einst Offizier, begrüsst es sehr, dass es künftig auch eine offizielle Version geben wird. Der Kontakt zwischen dem SIG und der Armee wird von beiden Seiten als sehr angenehm, lösungsorientiert und effizient bezeichnet.

Noch nicht so reibungslos eingespielt ist dieser Kontakt mit den muslimischen Dachverbänden. Als Ansprechpartner der Armee wurde tachles der Arzt Hisham Maizar genannt, der jedoch gegenwärtig krankheitshalber nicht erreichbar ist. Taner Hatipoglu, Präsident der Vereinigung der Zürcher Muslime (Vioz) erklärte tachles, dass nicht nur der militärische Einsatz muslimischer Rekruten und Soldaten, sondern auch die Spitalseelsorge für muslimische Patienten noch nicht geregelt seien. Jedenfalls, betont Hatipoglu, könne es nicht so sein, wie kürzlich in den Medien dargestellt, dass praktizierende Muslime in der Armee ihre fünf täglichen Gebete abends nach Dienstschluss in ein einziges zusammenfassen müssten. Unter speziellen Umständen, erklärt der Vioz-Präsident, dürfe nur dreimal täglich gebetet werden. Praktizierende Juden erhalten schon lange einen Raum zugeteilt, in dem sie ungestört beten können. Den Schulkommandanten wird nun empfohlen, wenn immer möglich einen «Raum der Stille» einzurichten, in den sich jedoch alle zurückziehen können, ungeachtet ihrer Religion.

Neue Situation für Muslime

Es gibt nicht nur religiöse Soldaten, die Probleme mit der herkömmlichen Feldküche bekommen, sondern auch Vegetarier. Seit einiger Zeit wird für sie immer ein fleischloses Menü angeboten, das auch Leuten dient, die nicht strikt koscher oder nach muslimischen Vorschriften essen wollen. Wer kein Schweinefleisch essen will, soll dies laut Merkblatt vor Dienstantritt beim Schulkommando melden.

Die Schweizer Armee, die Ende Mai wieder einen Kurs für Armeeseelsorger durchführt, rekrutiert weder Rabbiner noch Imame. Aber die durchwegs den Landeskirchen angehörenden Pfarrer, die als Armeeseelsorger wirken, seien für alle da, heisst es im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, und sie seien gehalten, jedem Soldaten, der dies wirklich wünsche, den Besuch eines eigenen Geistlichen zu organisieren. Im jüdischen Bereich habe dies bisher bestens geklappt, ist zu erfahren. Taner Hatipoglu denkt ebenfalls pragmatisch und meint, die Dachverbände würden jetzt erst einmal verfolgen, wie sich der militärische Alltag für muslimische Rekruten und Soldaten gestalte.

Seit Kurzem sind jüdische und mus-limische Feiertage im Internet aufgeschaltet (www.vtg.admin.ch/internet/vtg/de/home/militaerdienst/allgemeines/armeeseelsorge/juedische_feiertage.html).





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