Die jüdische Farbe des Comics
Um spezifisch jüdische Themen ging es zu Beginn der beginnenden «Comic-Ära» im damaligen New York zunächst nicht. Jüdische Immigranten aus Osteuropa, aber auch andere Einwanderer wie Iren oder Deutsche zeichneten in Rahmen gepresst kleine Geschichten, die den Sonntagsbeilagen der Zeitungen ab 1912 beigelegt wurden. Dieses Genre, wohlgemerkt für Erwachsene und nicht für Kinder, hatte es davor nicht gegeben. Es belebte den Konkurrenzkampf der Zeitungsverleger und schuf eine Reihe von Verdienstmöglichkeiten für Autoren, Verleger, Zeichner und Künstler wie Milt Gross oder Harry Hershfield, deren Werke in der Ausstellung in Berlin zu sehen sind. Einige der grossen Comic-Figuren, zu denen Batman, Superman, Hulk und X-Men gehören, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden, beleben auch heute noch den Printmarkt. Oft war es eine Gratwanderung zwischen einer einerseits fantasievollen, für Gerechtigkeit kämpfenden Heldenfigur mit andererseits dem intellektuellen Anspruch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten oder nur für das Gute zu kämpfen, um diese Welt zu retten.
Superman und Co.
In der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Musée d’art et d’histoire du Judaisme Paris und dem Joods Historisch Museum Amsterdam konzipiert wurde, werden in sechs Kapiteln mit den jüdischen Akteuren die grossen Namen der Comic-Geschichte vorgestellt. Der Bogen wird von Altmeistern wie Zuni Maud, Will Eisner oder Harvey Kutzmann zu zeitgenössischen Künstlern wie Ben Katchor oder Art Spiegelman, der 1992 für seinen Comic «Maus» den Pulitzer-Preis erhielt, gespannt. In «Maus» erzählt Spiegelman die Verfolgungsgeschichte seiner Eltern während der Zeit des Nationalsozialismus. Jüdische Themen und jüdische Geschichtserfahrung sind seitdem Teil der Comic-Literatur und der Comic als Literatur anerkannt.
Einen Meilenstein der Superheldencomics setzte mit seinem erstmaligen Erscheinen im Juni 1938 «Superman». Unermüdlich und mit übermenschlicher Kraft im Kampf gegen das Böse im Einsatz, verteidigt er in reinem amerikanisch-patriotischem Sinne die Welt gegen alles Schlechte. Konkret konnten Superman aus der Feder Jerome Siegels und Batman aus der Feder Bob Kanes im Kampf gegen Nazis und Japaner ihren Patriotismus unter Beweis stellen. Von den dreissiger bis in die fünfziger Jahre setzten Superman und Co. eine Comic-Industrie in Gang, in der mehr Juden als je zuvor oder danach als Verleger, Redakteure und Zeichner tätig waren. Der jüdische Verleger William Gaines schockierte mit Publikationen aus seinem EC-Comic Verlag mit Horror- und Science-Fiction-Comics, die den Antisemitismus in den USA und auch den Holocaust thematisierten. Es entwickelte sich eine Debatte über die «Schändlichkeit» von Comic-Heften. Bis Ende 1949 hatten 50 amerikanische Städte und Gemeinden Gesetze gegen die Verbreitung von Horror-Comics erlassen. 1954 wurde der «Comic-Code» erlassen, eine Selbstverpflichtung der Akteure, anstössige Themen und Sprechblasen nicht mehr zu veröffentlichen. Lediglich das Satiremagazin «Mad» blieb von der Zensur verschont.
Neue Literaturform
Exhibitionismus, Comics über Drogenträume oder Obsessionen charakterisierten die sechziger und siebziger Jahre, in denen Comics meist in kleiner Auflage und mit sogenannt geringer zeichnerischer Qualität erschienen. Als «Periode des Underground» bezeichnet, enttabuisierten deren Protagonisten gesellschaftliche Themen. Auch jüdische Künstlerinnen hinterliessen ihre oft autobiografischen Comic-Spuren und Parodien auf weibliche Stereotype. Diese künstlerisch umstrittene Zeit öffnete die Tore für ernsthafte Themen, als deren Vertreter Will Eisner und Art Spiegelman zu nennen sind. Ende der siebziger Jahre erschien der erste Comic-Roman und ebnete dem Comic den Weg, gesellschaftlich anerkannte Literatur zu werden. Mit Berichten über jüdische Schicksale, autobiografische Erzählungen und Romanen entstand das Genre Graphic Novel.
In Israel hat der Comic erst eine junge Geschichte. Die Comic-Kultur der zwanziger, dreissiger und vierziger Jahre fokussierte auf Kinder als Zielgruppe; Comics erschienen als Kinderbeilage unter anderem in «Davar leyeladim». Obwohl es in
Israel eine ganze Reihe begabter Comic-Zeichner gibt, erscheinen in den israelischen Tages- oder Wochenzeitungen keine Comics. Eine kleine Gruppe von Künstlern gründete 1995 einen Verlag, der bis heute 25 Hefte und Bücher herausgegeben hat. Die jüdische Farbe, der jüdische Akzent, der jüdische Ton sind seit über hundert Jahren in Comics zu entdecken.


