Masada – Trümmer und Fiktion
von Alexander Alon
Es ist wohl keine unberechtigte Generalisierung, dass gegenwärtig jeder Jüdin und jedem Juden auf der Welt im Verlauf seines Lebens die eine oder andere Version des Massensuizids auf Masada am Ende des ersten jüdischen Aufstands in Judäa erzählt worden ist oder noch erzählt werden wird. Inwieweit sich diese Geschichte jedoch von archäologischen Funden stützen lässt, ist nicht nur umstritten; Archäologen sind in den letzten Jahrzehnten davon abgekommen, lediglich nach einer Bestätigung für die angeblichen Ereignisse zu suchen und warnen vor einer solchen «narrativen Archäologie». Aber auch die alten schriftlichen Quellen zu den Ereignissen und ihre spätere Bearbeitung widersprechen einander. Grund genug, um, in Anlehnung an die Arbeiten israelischer Forscher wie Yael Zerubavel und Nachman Ben-Yehuda, die tieferen Schichten der populären Geschichte aufzudecken.
«Der jüdische Krieg» ist eine bescheidene Bezeichnung des jüdischen Historikers und ehemaligen Heerführers Galiläas Josephus Flavius für den blutigen jüdischen Aufstand in der römischen Provinz, den er in seinem gleichnamigen Werk beschreibt. Für die ansässigen Juden waren die Resultate der Revolte verheerend: Hunderttausende wurden getötet, versklavt und vertrieben, während Jerusalem und der Tempel dem Erdboden gleichgemacht wurden, «sodass fremde Ankömmlinge kaum hätten glauben sollen, die Stätte sei jemals bewohnt gewesen» (Der Jüdische Krieg VII, 1,1). An diesem Zitat wird deutlich, dass Josephus gerade die mangelnde Vorstellung Spätergeborener von der Stadt als eine unmittelbar aus der physischen Zerstörung Jerusalems resultierende Gefahr ansah. Indem seine «Geschichte des Jüdischen Krieges» gerade diese Zerstörung jüdischer Städte, Städtchen und Festungen während der jüdischen Revolte von 66 bis 73 schildert, antwortet der jüdische Chronist auf die Vernichtung und generiert damit ein Wissen um Vergangenes, das fortan tradiert und damit Teil des «kulturellen Gedächtnisses» (Jan und Aleida Assmann) eines Kollektivs werden kann.
Selektives Gedächtnis
Zweifellos ist die Vorstellung der Geschehnisse um Masada Teil des kulturellen jüdischen Gedächtnisses. Eine offizielle Version der Geschichte findet sich beispielsweise auf der Website des israelischen Aussenministeriums unter dem ansprechenden Titel «Masada – Symbol jüdischer Freiheit»: «Masada ist […] der Ort einer der dramatischsten Episoden der Geschichte. Vor neunzehn Jahrhunderten […] beschloss eine Gruppe von Freiheitskämpfern gegen die Macht des alten Roms, sich selbst zu töten, anstatt sich zu unterwerfen. […] Mitte des ersten Jahrhunderts n.d.Z. hielten eine kleine Gruppe jüdischer Kämpfer und deren Familien Masada besetzt. Als im Jahre 70, nach vier Jahren intensiver jüdischer Revolte gegen Rom, der römische General Titus Jerusalem eroberte, plünderte und den Tempel zerstörte, vereitelten einige Krieger ihre Gefangennahme und gesellten sich zur Gruppe auf Masada.
Zwei Jahre lang blieb ihre Herrschaft über Masada unangetastet. Dann, im Jahre 72, bewegte der römische Statthalter die 15 000 Mann starke zehnte Legion gegen Masada. Die Römer bauten eine Mauer um Masada und errichteten eine massive Rampe aus Fels und Erde. […] Als Eleazar ben Yair, der Führer der Verteidiger, begriff, dass das Ende nah war, sagte er seinen Gefährten, sie sollten dem Grund ihres langen und tapferen Kampfes treu bleiben. ‹Lasst uns eher sterben›, schrie er, ‹anstatt von unserem Feind versklavt zu werden. Lasst uns diese Welt in Freiheit verlassen.»› 960 Männer, Frauen und Kinder starben durch eigene Hand. Die Männer umarmten ihre Frauen und Kinder und töteten sie mit dem Schwert. Dann wurden Lose gezogen und 10 Männer bestimmt, die ihren Kameraden das Leben nehmen sollten. Der letzte überlebende Krieger setzte den Palast in Brand und starb durch eigene Hand.»
Nimmt man zum Vergleich die entsprechende Beschreibung Josephus‘ in der «Geschichte des Jüdischen Kriegs» – immerhin die einzige zeitgenössische Quelle der Geschehnisse – zur Hand, fällt es schon beinahe schwer, die vielen Diskrepanzen zu ihr aufzuzählen. Josephus, der die Besetzer Masadas als «Sikarier» bezeichnet, stellt diese keineswegs als tapfer, sondern als überaus feige dar: Vor der römischen Belagerung Masadas hatten sie das nahegelegene Ein Gedi geplündert, die männliche Bevölkerung verjagt und die über 700 wehrlosen Frauen und Kinder, «die zur Flucht nicht stark genug waren, […] niedergemetzelt» (aus: Der Jüdische Krieg IV, 7, 2). Während der Revolte mieden sie den direkten Kontakt zur römischen Besatzungsmacht und beschränkten sich auf diskrete politische Morde und darauf, von Zeit zu Zeit die umliegenden Siedlungen auszurauben. «Kämpfer» sind sie in Josephus‘ Augen keineswegs.
Kampf um Freiheit?
Der Selbstmord dient den Sikariern dazu, sich dem möglichen Kampf zu entziehen. Und was deren Streben nach Freiheit angeht, das nicht nur das israelische Aussenministerium, sondern die meisten Varianten dieser Geschichte als Motivation der Sikarier hervorheben, ist für Josephus der Fall klar. In seiner Wiedergabe von Eleazar ben Yairs Rede an die Sikarier stellt er deren Anführer als reuigen Sünder dar, der für seine Verfehlungen die Strafe Gottes an sich selbst vollzieht: Nicht der Zufall, so ben Yair, habe zu dieser aussichtslosen Situation geführt, sondern die «vielen Frevel, die wir in unserer Raserei gegen die eigenen Landsleute begangen haben. Die Strafe dafür aber wollen wir nicht von unsern Todfeinden, den Römern, sondern von Gott durch unsere eigne Hand erleiden […].» (Der Jüdische Krieg VII, 8,6). Hoffnungslos sei die Lage, weil Gott sich von den Juden abgewendet habe: «Und da getrauen wir uns noch zu hoffen, es könnte uns gelingen, allein von dem ganzen jüdischen Volke übrig zu bleiben und unsere Freiheit zu retten?»
Der Kampf um die Freiheit war gegenstandslos geworden. Die Sikarier sahen sich als die Letzten des jüdischen Volks und nahmen durch ihren Selbstmord in Kauf, dieses auszulöschen. So wird verständlich, weshalb sie sich in den Augen des Josephus, der erklärtermassen das kulturelle Gedächtnis der folgenden Generationen prägen wollte und dies in den folgenden 19 Jahrhunderten auch tatsächlich tat, in einem solch gigantischen Irrtum befanden, dass sie mit allen nur erdenklichen negativen Attributen belegt werden mussten. Was sich nicht erklärt, ist, wie die Ereignisse um Masada, die Josephus als einzige Quelle beschreibt, zu einem «Symbol jüdischer Freiheit», einem unzerstörbaren Nationalmythos werden konnten. Gab es in Judäa keine mutigen Kämpfer, die sich, so möchte man meinen, dafür besser geeignet hätten?
Eine verborgene Erinnerung
Gemäss Josephus gab es sie allerdings. Einer von ihnen war Josephus selbst. In der Beschreibung der Schlacht um Jotapata (heute: Yodfat), die in vielerlei Hinsicht das spiegelverkehrte Bild der Masada-Episode darstellt, bewährt sich der junge, jüdische Heerführer Josephus als einfallsreicher Taktiker und wagemutiger Krieger gegen die Römer. Liest man die überaus spannende Erzählung nach, so will es scheinen, als hätte das Israelische Aussenministerium 1900 Jahre später die Charakterzüge der Krieger von Jotapata auf die Sikarier von Masada übertragen – allerdings mit einer Ausnahme: Als Jotapata nach langen Kämpfen doch in die Hand der Römer fällt, rettet sich Josephus in eine Zisterne, wo sich bereits 40 andere Juden verstecken.
Sie werden aber verraten und eine römische Delegation macht sich mit einem verlockenden Angebot auf den Weg zu Josephus: Man werde ihm, dem tapferen Mann, das Leben schenken, wenn er nur herauskomme. Da ruft sich Josephus seine Träume in Erinnerung, in welchen Gott ihm das bevorstehende Unglück der Juden prophezeit hatte, und spricht zu Gott: «Weil du beschlossen hast, das Volk der Juden, das du geschaffen, zu beugen, weil alles Glück zu den Römern gewandert ist und du meine Seele erwählt hast, die Zukunft zu offenbaren, so biete ich den Römern die Hand und bleibe am Leben. Dich aber rufe ich zum Zeugen an, dass ich nicht als Verräter, sondern als dein Diener zu ihnen übergehe.» (aus: Der Jüdische Krieg III, 8,3). Josephus‘ Gefährten wittern Verrat und versuchen ihn mit Waffengewalt zum Selbstmord zu drängen: Sterbe er freiwillig, so falle er als Heerführer der Juden; wenn nicht, so falle er als Verräter. Josephus aber bleibt standfest. Seinem Selbstbild als Propheten ist das jüdische kulturelle Gedächtnis, was die Zeit des Zweiten Tempels anbelangt, zu verdanken. Wie und wie weit einige Träger dieses Gedächtnisses ihn, den Überbringer der Nachricht und vermeintlichen Verräter, aus der Erinnerung gelöscht haben, bleibt ein «archäologisches» Aufdecken wert. ●
Alexander Alon ist Historiker und lebt in Zürich.


