logo
Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » May 11, 2010

Eine unheilige Allianz

May 11, 2010
Israels Gründungsmythos baut im wörtlichen Sinne auf König David und seine Nachfolger. Auf ihn beruft sich die moderne Nation Israel. Zweifeln Archäologen diese Lesart der Geschichte an, lösen sie damit weit mehr als einen Streit zwischen Gelehrten aus.
VERQUICKUNG VON WISSENSCHAFT UND POLITIK Grabungen im heute arabischen Silwan südlich des Tempelbergs polarisieren die Archäologen durch umstrittene Datierungen.

von Jörg Bremer

Was sollte es sonst sein? Der israelische Archäologe Amihai Mazar besteht darauf: «Diese hohe Steinstufenstruktur, die wuchtigen Mauern lassen keinen anderen Schluss zu: Jerusalem war im 10. Jahrhundert v.d.Z. eine besonders wichtige Stadt.» Es geht um den Unterbau einer Terrasse in der Stadt Davids, einem Stadtviertel Jerusalems, das die Araber Silwan nennen, südlich des Tempelberges. Mazar möchte die Steinstufenstruktur König David zusprechen. Dabei ist er ein ernsthafter Archäologe und will sich nicht zum Büttel rechtsradikaler Nationalisten machen, die in der Stadt Davids verkünden, sie grüben den königlichen Palast und die Wiege Israels aus, während zugleich die Ausgrabungen die palästinensischen Häuser darüber gefährden. Einstürze drohen, was jenen Siedlern nur recht wäre, die hier selber graben und wohnen wollen. Es gibt eine unheilige Allianz zwischen Archäologen und Nationalisten. Sie nutzen die Neugier der Forscher aus und bezahlen grosszügig die Grabungen. Sie wollen freilich auch ein ganz bestimmtes Ergebnis. Mazar beteuert jedoch: «Ich würde den Nationalisten nie nach dem Mund reden. Wir betreiben saubere Wissenschaft. Wer seine Thesen nicht belegen kann, wird in der Debatte zerpflückt.» Das passierte in der Tat einer nationalistischen Archäologin, die ihre Funde in Silwan jenem König David zuschrieb und dann ihr Urteil im folgenden Diskurs relativieren musste.

Interdisziplinarität

Dalman arbeitete nach den Methoden der Archäologen und Theologen, er verstand sich auch als Botaniker und Soziologe, auch wenn er das nicht so genannt hätte. Überdies steht Gustaf Dalman für die aufregende Zeit an der Wende zum 20. Jahrhundert, als das heutige Jerusalem geschaffen wurde; nicht zuletzt mit einer starken deutschen Komponente: Der Kaiser liess bauen. Missionare und Ärzte wirkten in der Stadt, und die protestantischen Templer aus Württemberg bereiteten Palästina auf die Wirtschaft und Technik des 20. Jahrhunderts vor. Modernisierung allenthalben. Zurück in den Garten des Instituts und zur These des Archäologen Amihai Mazar. Er kann sich auf Texte der Bibel berufen, auf das Buch Samuel etwa oder das erste Buch der Könige. Die Steine selbst lassen sich offenbar nicht genau datieren. Die in der Tat auffällige Terrassenstruktur sicherte gewiss ein wichtiges Gebäude und bewahrte es vor dem Abrutschen. Doch die ältesten Keramikreste, die im unteren Teil der Terrasse gefunden wurden, verweisen nicht auf das 10., sondern auf das 9. Jahrhundert. Das wäre ein Jahrhundert nach David und Salomon. Diese Personen aber hat Mazar im Sinn, wenn er vom 10. Jahrhundert spricht. Er, wie andere Wissenschaftler, fahndet nach archäologischen Beweisen für die Existenz der berühmtesten Könige der Bibel.

Die Kritiker halten dem entgegen, Jerusalem sei im 10. Jahrhundert ein unbedeutendes Städtchen von nur wenigen hundert Menschen gewesen, mit nur einer Quelle am Rande der Wüste. Andernfalls wäre man längst auf eine eindeutige Spur dieser Männern gestossen; in der Stadt oder sonst wo in der Nähe – und nicht nur auf eine weit jüngere, zerbrochene Stele eines aramäischen Königs. Sie wurde auf dem Tel Dan an der libanesischen Grenze gesichert, in Zweitverwendung als Stein im antiken Strassenpflaster. Auf dem Stein ist von einem «Haus David» die Rede, ohne deutlich zu machen, ob es sich um jenen König von Jerusalem handelt, was aber nahe liegt.

Gelehrtenstreit

Wie kann es sein, fragen die Mazar-Kritiker weiter, dass die mächtigen Nachbarn im Zweistromland und in Ägypten diese «Könige» von Juda nirgends erwähnen, obwohl bei ihnen reiche Quellen aus dem 10. Jahrhundert gefunden wurden? Warum ist, wenn man damals über die Region schrieb, nur vom Norden um Sichem (Nablus) und den israelitischen Königen dort die Rede? Und findet man nicht an Nil, Tigris und Euphrat bedeutende Reste, Keilschriften, Bauten und Scherben, die aber in Zion bisher vergeblich gesucht wurden? Dieses Thema beherrscht seit Jahren jede Debatte über den Anfang der Geschichte der Stadt Jerusalem, über Ir Schalem – der Stadt des Friedens. Im Herbst 2008 trafen sich israelische Theologen und Archäologen nach einer Exkursion in den Süden Israels mit ihren deutschen Kollegen, darunter Doktoranden aus dem Studienkolleg der Universität Göttingen. Es ging in dem Kolleg im Deutschen Evangelischen Institut auf dem Ölberg um das Thema «Ein Gott – eine Nation – ein Kult». Die Organisatoren dieser Tagung, Björn Corzilius und Tanja Pilger, zwei junge Wissenschaftler mit Jerusalem-Erfahrung, brachten die Fachleute zusammen. Das allein war schon für Israel und den spezialisierten Hochschulbetrieb in Deutschland eine Leistung. Interdisziplinäres Arbeiten ist ein Jahrhundert nach Dalman auf diesen Spezialgebieten ungewohnt.

Die beiden jungen Wissenschaftler wollen zudem den seit Jahren bestehenden Konflikt zwischen den israelischen «Minimalisten» und «Maximalisten» besprechen, zwischen den Vertretern der «niedrigen» und der «hohen» Chronologie. Mazar vertritt – mit Moderierung – die traditionelle Lesart: Er setzt die entscheidenden Funde von Jerusalem bis Hazor und Megiddo in Galiläa «hoch» in das 10. Jahrhundert vor Christus. Er macht so aus König Salomon, Davids Nachfolger,
einen grossen Herrscher, der vom Bergland um Hebron bis über Sichem (Nablus) hinaus auch über die Jesreelebene bis nach Tel Dor am Mittelmeer herrschte. Mazar formuliert das freilich vage. Der Archäologe Amnon Ben-Tor, der das bronze-eisenzeitliche Hazor barg, lässt dagegen an dieser Chronologie keinen Zweifel zu. Er will «salomonische Mauern», wenn nicht gar seine Pferdeställe geborgen haben. Ephraim Stern wollte Salomons Nennung in der Bibel für Tel Dor am Mittelmeer retten. Weil er aber nichts «Salomonisches» fand, kreierte er die für die Eisenzeit erstaunliche Konstruktion, Salomon habe Tel Dor an die Philister «verleast».

Gegen diese Schule trat zum ersten Mal vor bald 15 Jahren der Archäologe Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv bei einem Vortrag genau in jenem Institut auf dem Ölberg an, in dem nun sein Kollege Mazar die herkömmliche Lesart verteidigt. Finkelstein datierte die entscheidenden Funde, die bis dahin den judäischen Königen David und Salomon zugeschrieben wurden, ein Jahrhundert später und ordnete sie den israelitischen Königen – nach dem Zusammenbruch der Personalunion zwischen Nord und Südreich, zu, den Königen Omri und Ahab; der Familie der Omriden. Er begründete das nicht nur mit seiner Deutung der archäologischen Funde, sondern auch mit dem textkritischen Hinweis, die entsprechenden Stellen der Bibel, die von Salomon als Bauherr sprechen, seien erst fünf Jahrhunderte nach den beiden Königen verfasst worden. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass die «südlichen Könige» von Juda zwischen Hebron, Bethlehem und Jerusalem eigene Schreiber und Archive gehabt hätten. Ihr Reich habe noch keine Städte und Monopole gekannt, sagen die Minimalisten. Bei genaueren Vergleichen der verschiedenen Stadttore, anderer Bauten oder der Keramik zwischen Jerusalem, Hazor, Gezer oder Megiddo passe alles nur zusammen, wenn man sie in das neunte Jahrhundert «niedriger setzt».

Annäherung

Vor 15 Jahren führte diese These noch zu Aufruhr. Es gab Streitgespräche im Fernsehen, Zeitungsdebatten. Damals gehörte der hohe Rang Davids und Salomons noch zum Staatsgründungsmythos – so wie der vermeintliche Selbstmord von vielen hundert Juden auf dem Massada-Felsen am Toten Meer. Es schien geradeso, als würde Israel seine Lebensberechtigung verlieren, müsste es die Bedeutung dieser beiden Könige reduzieren. Dabei ist schon sonderbar, dass sich der moderne Staat Israel auf judäische Herrscher im Süden stützen will, während er den Namen des reicheren und historisch bedeutenderen Nordreichs Israel trägt, von einem Stamm freilich, der mit den anderen zehn Nordstämmen seit der Eroberung Sichems 722 als verschollen gilt. Was fehlt den israelitischen Fürsten des Nordens an Legitimation, dass man sich nicht auf sie beruft?

Ihre Geschichte wird in der Bibel letztlich von den Siegern des Südreiches «umredigiert». Die Bibel nennt die Nordlinge «Abtrünnige Israels», weil sie auch in anderen Tempeln und wohl auch vor anderen Göttern als Jahwe beteten. Und so etwas will man als rechtgläubiger Jude bis heute nicht als Vorfahren. Aber hat die Bibel da Recht? Sonderbar erscheint auch, dass in einer säkularen Demokratie die Bibel wie ein historisches Dokument gelesen wurde, mit mehr Wahrheitsgehalt als zum Beispiel die Nibelungensage. Die Archäologie räumte damit auf. Heute ist der Streit abgeflacht. Bei der Debatte auf dem Ölberg weichten Mazar und Finkelstein ihre Chronologien auf und liessen sie langsam aufeinander zu wachsen. Mazar neigt heute dazu, David ins frühe 9. Jahrhundert zu datieren. Die entsprechende Phase der Eisenzeit beginnt bei ihm um 980; bei Finkelstein um 925 vor Christus.

Neue Gewichtung der Archäologie

Zum einen werden die Väter der klassischen israelischen Archäologie – wie Ygal Yadin, Yohanan Aharoni oder Avraham Biran – trotz ihrer konservativen, wohl falschen Chronologie hoch geachtet. Zum anderen verlor aber die Wissenschaft der Archäologie insgesamt gegenüber der Nation an Bedeutung, der «Staatsgründungsmythos» an Gewicht. Früher begannen die bedeutenden Generäle nach der Pensionierung in den Grabungslöchern der Antike ihre zweite Karriere als Archäologen. Heute gehen sie in die Wirtschaft und werden Millionäre. Früher war es schick, Archäologe zu sein. Heute sind das lästige Leute, welche die israelische Altertumsbehörde – ein staatliches Amt – zu einer zeitraubenden Notgrabung ausschickt, wo doch eigentlich schnell eine Autobahn planiert werden oder ein Hochhaus wachsen soll. Die Ausgrabungen kosten nach der Meinung vieler zu viel Geld und verschwenden zu viel Zeit.

Vorbei ist die Zeit, wo sich der durch die Geschichte «an das Meeresufer geschwemmte Jude» als neuer Herr im Land erst noch bewähren musste. Zu Beginn Israels brauchte er eine Rechtfertigung dafür, sich den Boden der Araber anzueignen, und die fand er für sich in der Bibel. Mit Stolz konnte der neue Zionist auf die klugen und gerissenen, lebensfrohen und frömmelnden Personen seiner Vorgeschichte verweisen. Statt des bleichen Lebens als verfolgter Jude in der Diaspora, verfolgt und gemetzelt in den Ghettos Europas, entwarf der Zionist in der neu-alten Heimat nach der Bibel das Bild des «Muskeljuden», dessen Nerven nicht mehr brachliegen. Der neue Jude ist von der Sonne gebräunt und ewig jung. Er kann Bauer werden, was ihm oft in Europa verwehrt war, endlich sein eigenes Land bestellen, als Nachfahre des gerissenen David, des weisen Salomon, der um die Reinheit des Glaubens ringenden Makkabäer.

Archäologie und Theologie

Dieser Diskurs freilich focht die Wissenschaftler auf dem Ölberg kaum an. Sie hatten sich bei der Exkursion vor den zerstörten Altären der antiken Reste von Beersheva und Arad im Süden Israels gestritten, ob es denn die in der Bibel beschriebene Tempelreform von König Hiskia zur Zentralisierung des Kults wirklich gegeben habe. Dieser König des Südreiches regierte wohl von 725 bis 697 v.d.Z. Er nahm die Flüchtlinge des Nordens auf, nachdem Nablus von den Assyrern unter Tigliat-Pilesar III. 722 zerstört worden war. Erst mit Hiskia – nicht früher – wurde Jerusalem eine bedeutende Stadt. Ein unterirdischer Wasserkanal, eine Attraktion für jeden Jerusalem-Besucher, gehört in seine Zeit. Stadtmauern sind erhalten. Dalman hätte sich über den Streit im Evangelischen Institut gefreut. Theologen und Archäologen stiessen interdisziplinär aufeinander: Die Archäologen hatten
herausgefunden, dass beide Tempelanlagen tatsächlich im 8. Jahrhundert zur Zeit Hiskias zerstört wurden. Aber die modernen Theologen trauten dem Hiskia-Bericht der Bibel nicht mehr.

Der Archäologe Zeev Herzog fand bei seinen Grabungen heraus, dass der Altar in Arad aus Feldsteinen gebaut worden war und zu seiner Zerstörung nur mit Schutt überdeckt wurde. Dagegen war der andere in Beersheva aus fein ziselierten Steinen errichtet und mit vier Hörnern an seinen Ecken geschmückt worden. Ihn trug man etwa zur selben Zeit im 8. Jahrhundert sorgfältig ab. Die Hörner wurden danach gut sichtbar beim Bau einer Mauer wiederverwendet. Die Heiligtümer an beiden Orten wurden «weniger zerstört als unnutzbar gemacht und säkularisiert», meinte Herzog bei der Exkursion. Eine Verbindung zwischen König Hiskia und den Fundorten liege zeitlich nahe. Die Bibel könnte Recht haben. Aber beweisen könne er das nicht, schloss Herzog.

Das gehe auch nicht, antwortete der Göttinger Theologe Reinhard Kratz. Die Zentralisierung der Kulte, wie sie die Bibel den Königen Hiskia und Josia zuschreibe, sei das literarische Produkt einer späteren Zeit. Kratz erinnerte an die mutmassliche Zerstörung Jerusalems durch den Neubabylonier Nebukadnezar etwa 600 v.d.Z. und an die traditionell angenommene Vertreibung der Eliten aus der Stadt nach Babylon. Die Deuteronomisten, die judäischen Bibelautoren, die vor allem in den fünf Büchern Mose, bei den Richtern und dem Buch Samuel den jüdischen Monotheismus hervorkehrten, wollten nach der Rückkehr aus jenem Exil in persischer Zeit etwa 538 v.d.Z. – nach dem Sturz der Neubabylonier und der Machtergreifung von König Kyros II. –, die vermeintlich lange und reine judäische Tradition des Monotheismus betonen. Sie wollten die Bedeutung Jerusalems als dem Zentrum des Jahwe-Kults, vor allem gegen das mittlerweile samaritanische Nordreich hervorkehren. Ihr Entwurf der eigenen Geschichte war aber mehr Rechtfertigung und Fiktion als Erinnerung. Der amerikanische Novellist James Caroll spricht in diesem Zusammenhang von einer «Historisierung der Erinnerung», welche die eigentlich «erinnerte Geschichte» verdrängen soll.

Geschichte als Rechtfertigung

Die Deuteronomisten lebten ein halbes Jahrtausend nach David und Salomon. Ihnen ging es – anders als der modernen Wissenschaft – nicht um Geschichte «wie sie gewesen ist», sondern um die Rechtfertigung ihres Kults, der nur noch in Jerusalem seine Heimat haben sollte, und keinen anderen Tempel mehr duldete. Weder in Beersheva noch in Arad und schon gar nicht auf dem Gerezim über dem heutigen Nablus im Land der reichen Samaritaner – über die sich später auch Jesus abfällig äussert. Der Schritt zu «einem Kult – einem Gott» war für das Judentum elementar und folgte Erfahrungen aus dem Exil im Zweistromland. Der Kult sollte die neue, von den Perserkönigen geliehene Macht religiös unterfüttern. Das ging nur mit der konstruierten Hilfe der Väter David und Salomon.

Der Göttinger Theologe Hermann Spieckermann verglich bei dem Kolloquium in Jerusalem die altorientalische Konzeption von «Gott – Volk und König» mit der in der Bibel. Mit der Zerstörung Jerusalems 587 – etwa zwei Jahrhunderte nach dem Ende des Nordreiches und nach der Regentschaft Hiskias – sei die staatliche Einheit oder Integrität zwischen dem Volk und seinem Gott, beziehungsweise König, verloren gewesen. Die Bibelredaktion stellte daraufhin David und Salomon ins Zentrum, um diesen Mangel aufzuheben. David wird dabei zum messianischen Sinnbild einer heilen Zukunft, die den Schaden durch Zerstörung und Exil in der Vergangenheit wieder aufhebt, wie das Buch Micha sagt.

Aus den «Geschäftspapieren» der israelitischen Handelshäuser Muraschi und Egibi in Babylon weiss man freilich, dass viele an Euphrat und Tigris – ein Gott oder ein Volk, hin oder her – überhaupt keinen Grund sahen, das Reichtum bringende Exil wieder zu verlassen. Ihnen ging es ähnlich gut wie den Ultraorthodoxen heute in Antwerpen oder Manhattan. Die von König Kyros genehmigte Wiedererrichtung des Tempels von Jerusalem und der Autonomie von Juda fand darum wenig Widerhall. Es dauerte darum auch Generationen, bis der neue Tempel nur halbwegs wieder so schön aussah wie der alte, der Salomon zugeschrieben wurde. Die Deuteronomisten setzten derweilen alles daran, zumindest literarisch das nördliche Israel klein, weil gegenüber Gott ungehorsam, darzustellen. Die nördlichen Könige, wie die Omriden, mussten dabei schlechter wegkommen als die für die Identität mit Gott sorgenden David und Salomon. Das tun sie offenbar bis heute. Sie gelten in Israels Gründungsmythos wenig und eine ausgegrabene Mauer von Salomon wäre weiterhin mehr wert, als Steine der Omriden.

Der historisch versierte Journalist Gil Yaron weist an einer Stelle darauf hin, dass sich der judäische Strang der israelitischen Geschichte freilich auch auf Kyros berufen konnte. Die ins Exil verbannte führende Jerusalemer Familie mit dem Exilarchen hatte in Babylon Prinzenstatus, bei den Neubabyloniern und den Persern. Dieser Status aber hatte seine historische Begründung. Der Exilarch galt als der rechtmässige Erbe des davidischen Hauses. Schon in persischer Zeit bedeutete mithin die Rekonstruktion der Geschichte die Wiederherstellung der Einheit von Davids Erbe mit seinem Volk in Jerusalem – und nicht in Nablus. Kyros' Auftrag zum Aufbau einer Autonomie galt Davids Erben in Jerusalem und niemandem sonst. Das war im 5. Jahrhundert v.d.Z.

Die Stadt Davids

Und wie sah dieses Jerusalem 500 Jahre früher, im 10. Jahrhundert v.d.Z. Christus' wirklich aus, fragen sich die Wissenschaftler aus Göttingen? Der Besuch in der Stadt Davids im heutigen arabischen Ortsteil Silwan führt dem Besucher starke Mauern vor Augen. Doch die Zweifel daran, dass es sich wirklich um die Stadt Davids handelt, überwiegen. Drang David durch ein Wasserrohr in die Stadt, wie sich aus einer Bibelstelle zur Eroberung Jerusalems nachlesen lässt? Der Archäologe Ronnie Reich von der Universität Haifa konnte bei seinen Grabungen nachweisen, dass die Brunnenanlage schon in der mittelbronzezeitlichen Phase – zwischen 1900 und 1550 vor Christus – innerhalb der Stadt lag. Es bot sich also keine Chance, durch die Wasseranlage von draussen in die Stadt zu kommen. Reich gehört zu denjenigen, die zu der Annahme neigen, David sei die Stadt zugefallen. Er habe sie nicht erobern müssen. Diese Version findet sich schliesslich auch in der Bibel.

Der deutsche Archäologe Gunnar Lehmann von der Universität Beersheva weiss auch nicht, wie Jerusalem zu Beginn der Eisenzeit aussah. Aber im Geiste Dalmans verlässt der Archäologe der Eisenzeit sein Feld und erklärt anhand einer Landkarte der Region die landwirtschaftliche Nutzung vom Anfang bis zum Ende der osmanischen Zeit 1918, also in einem Zeitraum von 500 Jahren. An der Küste und in Galiläa und selbst in den breiten Tälern von Nablus konnte stets Getreide geerntet werden. Es liess sich ein Überschuss erwirtschaften. Im Nordreich Israel wuchsen zudem noch Wein und Oliven. Das Nordreich hatte also Ernten im Überfluss. Im Südreich gab es dagegen meist nur Wein und Oliven. Es mag gewagt sein, aus der Neuzeit auf die Eisenzeit zu schliessen. Aber Dalman zeigte schon, dass sich Bodenbeschaffenheit und Geografie über Jahrhunderte kaum verändern; und dass Macht und Kult stets eng mit Entwicklung und Zivilisation verbunden sind. Je wohlhabender eine Kultur ist, desto besser kann sie sich entwickeln.

Als das Nordreich schon mächtig und wohlhabend war, als die Könige dort Soldaten einkaufen und Schreiber halten konnten und mithin über ein Archiv und das Monopol der Vermarktung von Getreide, Oliven und Wein verfügten, war der Süden noch etwa ein Jahrhundert zurück. Ahab war so reich und militärisch gut ausgerüstet, dass er – anders als Saul vor ihm, der bei dem Versuch scheiterte und in Bet Shean gehängt wurde – gegen die Philister die Kornkammer der Jesreel-Ebene erobern und mit seiner Festung Jesreel für das Nordreich festigen konnte. Es gab mithin ein Kulturgefälle zwischen Israel und Juda. Sollte sich der reiche Norden Israel überhaupt David und Salomon untergeordnet haben, dürfte das dynastische Gründe gehabt haben: Der Norden konnte sich untereinander auf keinen König einigen. Wie später im Deutschen Reich bot sich da ein schwacher südlicher Condottiere wie David als Ausweg an. Wer hätte in jener Zeit ahnen können, dass aus David einmal der grosse messianische König der Juden und Christen werden würde? Die Personalunion zerbrach ja auch nach zwei Generationen wieder. Sie hatte nie dem tatsächlichen Machtgefüge zwischen Nord und Süd entsprochen.

Nach Lehmann gab es im armen Juda wohl noch keine Städte: Hebron, Bethlehem und Jerusalem werden dörfliche Gemeinden gewesen sein. Nach seiner Ausdehnung war Jerusalem vielleicht ähnlich gross wie nördliche Orte. Aber mutmasslich wurde wegen der kargen Wasserreserven durch nur eine Quelle die ausgedehnte Gartenwirtschaft innerhalb der Mauer betrieben. Lehmann will der Parabel der 12 Stämme nicht widersprechen. Er redet aber von kleinen Allianzen zwischen je einigen hundert Menschen in vielleicht 12 Clans, quasi von «Bauernrepubliken», die sich Saul, David und Salomon unterstellten, von einer ländlichen Aristokratie und ländlichen Heiligtümern, aus denen ganz allmählich über Jahrhunderte, über ein nördliches und ein judäisches Exil hinweg das eine Haus Gottes in Jerusalem – vor allem durch die Literatur der Nachfahren – zum Zentrum des Judentums und der Christenheit wurde. Der Monotheismus entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg; auch wenn die Bibel am Ende dieser Entwicklung einen anderen Eindruck vermitteln möchte. Und wir Menschen in der christlich-jüdischen Tradition leben in dieser Bibelwelt, die jenes Jerusalem an der Peripherie der viel entwickelteren Staaten am Nil oder im Zweistromland ins Zentrum gerückt wissen will. ●

Dr. Jörg Bremer, geboren 1952 in Düsseldorf; seit 1976 Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1991–2009 in Jerusalem. Mehrere Bücher, neben anderen «Polen – Alltag, Stolz und Hoffnung» (1987), «Reichsstrasse 1» (1991), «Israel – Land der Verheissung» (1997), «Israel und Palästina» (2000). Der vorliegenden Text ist dem neuen, im Oktober erscheinenden Buch Jörg Bremers entnommen: «Unheiliger Krieg im Heiligen Land: Der Nahe Osten zwischen Hoffnung und Verzweiflung» (240 S., Nicolai).










» zurück zur Auswahl