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Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » May 11, 2010

Die Mona Lisa von Berlin

May 11, 2010
Ein jüdischer Archäologe entdeckte die legendäre Büste der Nofretete. Dass sie in Berlin und nicht in Kairo zu sehen ist, sorgt für Debatten.
WELTBERÜHMTE PREZIOSE Die Büste der Nofretete im Neuen Museum Berlin.

von Katja Behling

Ganz allein thront die Diva seit Oktober 2009 in einem prächtigen Kuppelsaal des wiedereröffneten Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel. Sie schaut aus einem geschliffenen Bergkristall und mit unergründlichem Lächeln auf Scharen ehrfürchtiger Bewunderer: die Büste der Königin Nofretete, Frau des Pha-
raos Echnaton. Bereits zu Lebzeiten galt sie als eine der schönsten Regentinnen überhaupt. 3400 Jahre alt, ist sie Kulturgut der Welt, Ikone Ägyptens und Touristenmagnet Berlins – und immer noch ein Politikum. Das Essener Ruhr-Museum thematisiert in seiner Sonderschau «Das grosse Spiel. Die Archäologie im Dienste der Mächte zur Zeit des Kolonialismus» und zeigt seit dem 12. Februar über 800 Ausstellungsstücke. Darunter die erste Zeichnung der Nofretete: eine Bleistiftskizze im Tagebuch des deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt.

Seit fast einem Jahrhundert steht die geheimnisumwobene Büste der berühmten Herrscherin in Berlin.Die Schöne vom Nil war die grösste Attraktion im Ägyptischen Museum Berlins, nun ist sie selbige an der neuen, prominenten Stelle. Das Neue Museum, das nach der Zerstörung durch Brand- und Sprengbomben im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang im Dornröschenschlaf gelegen hatte, war nach zwölfjähriger Renovierungszeit unter Leitung des britischen Star-Architekten David Chipperfield im vergangenen Herbst wiedereröffnet worden. Strittig ist aber, ob die «alte Dame» überhaupt an die Spree und nicht vielmehr an den Nil gehört. Ägypten fordert seit Langem, dass seine legendäre Regentin die deutsche Hauptstadt verlassen und zurück in ihre Heimat soll. Das Berliner Museum aber will seine fragile Preziose nicht einmal für eine Ausstellung ausleihen. Zu gross ist die Angst, dass die einmalige Kostbarkeit beim Transport von der deutschen Schatzinsel an den Nil beschädigt werden könnte.

Der Entdecker der Nofretete

Für Ludwig Borchardt (1863–1938) war es der wohl wichtigste Moment seines Forscherlebens. «Beschreiben zwecklos, muss man gesehen haben», notierte der deutsche Archäologe am 6. Dezember 1912 in sein Grabungstagebuch. Wüstensand, Hitze und Staub – der Altertumsforscher hatte die strapaziöse Expedition ins Land der Pharaonen und Pyramiden auf sich genommen, um der geheimnisvollen Stadt Amarna auf die Spur zu kommen. Achtzig uralte Häuser waren im Jahr 1912 bereits freigelegt, als Borchardt dort nach weiteren Überbleibseln suchte. Und zwar in der Werkstatt eines Bildhauers, der für den Königshof im Jahre 1300 v. Chr. gearbeitet haben könnte. In diesem Atelier waren viele Kunstobjekte hergestellt und auch aufbewahrt worden. Dort wurde Borchardt fündig. In den Ruinen der Wüstenmetropole Amarna, die Pharao Echnaton vor 3500 Jahren hatte erbauen lassen, machte der deutsche Archäologe eine sensationelle Entdeckung: Er stiess auf die bunte Büste der Königin Nofretete.

Ludwig Borchardt war kein verwegener Abenteurer und nicht nur an Archäologie interessiert. Emilie «Mimi» Cohen kreuzte seinen Weg. Sie, geboren 1877, stammte aus einer Frankfurter Bankiersfamilie und bereiste mit ihren Eltern das Land am Nil. Das seit 1903 verheiratete Paar teilte ein lebenslanges Interesse für Archäologie. Mimi unterstützte ihren Mann, ihr Vermögen bot die finanzielle Sicherheit, die andere Ausgräber entbehren mussten. Die Borchardts lebten in einer eleganten Villa und standen im Mittelpunkt der Gesellschaft in Kairo.

Borchardt, promovierter Bauforscher und promovierter Ägyptologe, galt als grosser Universalgelehrter seiner Zeit. Ungewöhnlich umfassend gebildet, war er auch in Astronomie beschlagen und ein hervorragender Mathematiker, der mit Sternenkonstellationen operierte, um das Alter vieler Monumente zu berechnen. Als Schatzjäger im Auftrag des Kaiserlich Deutschen Generalkonsulats oblag ihm der Erwerb von Raritäten aus der Zeit der Pharaonen. Seine Ausgrabungen betrieb er in der Überzeugung und mit dem Ziel, deutschen Museen mit seinen Fundstücken den Glanz des Louvre zu verleihen. Doch sein grösster Fund machte den jüdischen Kaufmannssohn aus Berlin zum Hauptakteur in einem Kulturstreit und verschaffte ihm einen Platz in einem der aufregendsten Kapitel internationaler Archäologie-Geschichte.

Rätsel und Legenden

Borchardt war als junger Bauingenieur im Jahr 1895 im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft nach Ägypten gekommen. Fasziniert von der
Architektur der Pharaonen erforschte er als erster die Pyramiden von Abusir. Sorgfältig dokumentierte er die Pyramidenanlagen zeichnerisch und nutzte zudem das moderne Medium der Fotografie. 1907 tauchten auf dem Markt aussergewöhnliche Skulpturen auf, Beute von Raubgrabungen in Amarna. Sie führten Borchardt auf die Spur Nofretetes. Eigenhändig in der versunkenen Stadt Echnatons mit ihren Tempeln und Palästen zu graben, war eine beispiellose Herausforderung für den engagierten Wissenschaftler. Ihm gelang es, im Namen der deutschen Orient-Gesellschaft und im Wettstreit mit amerikanischen und französischen Archäologen, die Grabungserlaubnis für die Ruinen von Amarna zu erlangen. Financier des Abenteuers war der Berliner Textilfabrikant James Simon. Dass das Riesenprojekt von Anbeginn unter einem guten Stern stand, zeigte sich spätestens, als kurz nach Beginn der Arbeiten die Spaten einen Kopf des Königs Echnaton zutage förderten. Am Ende ihrer ertragreichen Suche sollen die Archäologen die Fundstücke körbeweise geborgen haben.

Einerseits entsprach Borchardt dem Bild des Grabungsleiters mit Können und Fortune. Andererseits mehrten sich Zweifel an seiner Integrität. Denn mit detektivischem Spürsinn bewegte Borchardt sich auch in den Fälscher-Clans von Kairo, die den privaten Markt mit heiss begehrten Mumien und Skulpturen bedienten. Gezwungenermassen sozusagen. Denn für Borchardt war es wichtig, Fälschungen zu enttarnen. Er gab sogar selbst Stücke in Auftrag, um die Methoden der Betrüger kennenzulernen. Da er als Mittelsmann für deutsche Museen ägyptische Altertümer kaufte, musste er sicher sein, dass echt war, was er auftat. Seine exzellenten Kontakte ins zwielichtige Fälscher-Milieu brachten Borchardt in den ungeheuerlichen Verdacht, die Nofretete gefälscht beziehungsweise dies veranlasst zu haben. Geschürt wurden die Spekulationen durch die Tatsache, dass just zu der Zeit, als Nofretete gefunden wurde, hoher Besuch aus Deutschland die Grabungsstelle besuchte. Wollte Borchardt die prominenten Gäste etwa mit einem veritablen Schaustück beeindrucken?

Ihre Herkunft ist nicht das einzige Rätsel, das Nofretete umgibt. Wie hatte der Bildhauer die «steinerne Mona Lisa» in einer dunklen Lehmziegel-
hütte seinerzeit erschaffen können? Mehr Fragen als Antworten warf vor wenigen Jahren die moderne Technik auf, als Nofretete im Imaging Science Center in Berlin durchleuchtet wurde, um herauszufinden, was sich hinter der perfekt modellierten Gipsmaske der Majestät verbirgt. Monatelang dauerten die Vorbereitungen für das Experiment mit dem altägyptischen Meisterwerk, dessen Wert von einer Versicherung auf 390 Millionen Dollar geschätzt wurde. Die Scans enthüllten das «zweite Gesicht» der Nofretete. Kein glattes, schwanengleiches Antlitz, sondern das Kalksteinporträt einer älteren Frau mit faltigem Hals. Ist es das wahre Gesicht der sagenumwobenen Königin vom Nil? Eine deutsche Fernsehdokumentation (Die Odyssee der Nofretete, ZDF/2007) rekonstruierte die Entdeckung des Jahrhundertfundes und konnte dabei neueste Befunde und Quellen einbeziehen. Erstmals erhielt ein Filmteam Zutritt zu Borchardts Villa am Nil. Im Keller des Hauses fand der Archäologe Dr. Cornelius von Pilgrim, Direktor des von Borchardt gegründeten «Schweizerischen Institutes für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde», einen Koffer voller versiegelter Briefe. Fast der gesamte Nachlass von Ludwig Borchardt und seiner Frau Mimi Cohen ist erhalten geblieben. Pilgrim rekonstruiert mit seiner Frau das Leben von Ludwig und Mimi Borchardt. Die Ludwig-Borchardt-Stiftung unterstützt entsprechende Projekte.

Wem gehört Nofretete?

Noch heute ist die Nofretete ein umkämpftes Objekt der Begierde. Dr. Zahi Hawass, prominentester Ägyptologe des Landes am Nil und Borchardts schärfster Kritiker, will Nofretete als Nationalheiligtum zurück ins Land der Pharaonen holen und einen offiziellen Anspruch durchfechten. Gegner wie er beschuldigen Borchardt kühner Täuschungsmanöver. Der findige Deutsche habe die Büste mit Lehm verschmiert und sie, quasi als wertloses Souvenir, heimlich nach Deutschland verschifft. Seine Expertise machte ihn seinerzeit zum gefragten Fachmann, der auch beauftragt wurde, mit der Katalogisierung der Statuen im Ägyptischen Museum von Kairo zu beginnen. Dabei schulte er seinen Blick für die hohe Kunst der altägyptischen Bildhauer wie kaum ein anderer. Später sorgte Borchardt für Aufsehen, als er Artefakte in europäischen Museen als perfekte Fälschungen entlarvte. Kann ausgerechnet ein solcher Experte den Wert der Nofretete unterschätzt haben? Hawass unterstellt, dass Borchardt den wahren Wert der Nofretete erkannte. Er sei folglich moralisch verpflichtet gewesen, den Jahrhundertfund im Land zu lassen. Doch entsprechende Gesetze gab es damals noch nicht.

Zweifellos wusste Borchardt, welches Juwel er gefunden hatte. Er verglich die «bunte Königin» vom Nil mit den Meisterwerken der Renaissance. Geldgeber James Simon wollte eine enorm hohe Summe für die Büste auf den Tisch legen. Doch Borchardt lehnte einen Kauf ab. Wie es ihm gelang, die Nofretete für Deutschland zu sichern, ist bis heute nicht restlos geklärt. Jedenfalls lag ihm daran, die Angelegenheit «Ihre Majestät» Nofretete geheim zu halten. «Heute verlässt I. M. mein Haus», schrieb Borchardt nach der Fundaufteilung an seinen Mäzen. Er bat darum, die Causa in Berlin als Geheimsache zu behandeln – sonst werde man bei zukünftigen Teilungen kein einziges anständiges Stück mehr bekommen. Zudem fürchtete der Archäologe um seine Grabungserlaubnis, falls der Fall publik würde. Aus Dokumenten geht zudem hervor, dass Borchardt den Teilungskommissar mit einem – Kritiker fragen: gefälschten? – klappbaren Altarbild von Echnaton und Nofretete, auf das Ägypten sehr erpicht war, hatte überzeugen respektive hinters Licht führen können. Die ägyptische Rechtsordnung schrieb nämlich vor, dass die Ausgräber – in diesem Fall die Deutsche Orient-Gesellschaft – die eine Hälfte des Schatzes, der ägyptische Staat die andere Hälfte erhalten sollten. Borchardt nun habe dem Kontrolleur 1913 nicht die vorteilhafteste Fotografie der Nofretete vorgelegt und ihm das heikle Ausfuhrgut, das bereits in einer Kiste lag, «nicht gerade in bester Beleuchtung» präsentiert. Die Stiftung Preussischer Kulturbesitz als Eigner des Berliner Museumsinventars widerspricht diesem Vorwurf. Tatsache ist, dass der bestellte Teiler auf die Nofretete verzichtete und stattdessen besagten Klappaltar beanspruchte. Für diese Entscheidung war vermutlich nicht zuletzt das persönliche wissenschaftliche Fachinteresse und Urteil des Teilers ausschlaggebend – mithin wäre die Sache ein faires Abkommen gewesen, kein Betrug.

Mona Lisa in Stein

Die Ägypter waren seinerzeit mit der Ausfuhr der bunten Büste, neben
Leonardo da Vincis Gemälde «Mona Lisa», das wohl berühmteste Frauenabbild der Welt, einverstanden. Als Jahre nach ihrer Entdeckung die Büste der Nofretete in Berlin ausgestellt wurde und erste Fotos der antiken Attraktion um die Welt gingen, sah Ägypten sich übervorteilt, weil es über den immensen Wert des Fundstücks aus der Wüste getäuscht worden war. Karikaturen stellten Borchardt als Entführer der schönen Königin dar. Das kratzte an Image und Ehre des heldenhaften Schatzjägers.

Doch die wahre Tragik im Leben des Entdeckers war Adolf Hitler. Der erklärte die sagenhafte Herrscherin zu seiner Ikone und legte den Streit mit Ägypten bei: Borchardts Trophäe blieb in Berlin. Im Zweiten Weltkrieg entstand die Legende von einer Kopie, die Adolf Hitler in Auftrag gegeben haben soll. Man versteckte die Nofretete gegen Ende des Krieges in einer Salzmine in Thüringen, aber: War es die echte? Selbst Wissenschaftler waren sich in dieser Frage nicht mehr sicher. Der jüdische Entdecker der Büste aber musste in der NS-Zeit um seine Existenz fürchten. Selbst in Ägypten sah er sich Denunziationen ausgesetzt. Während sich in Deutschland ein antisemitisches Regime der Nofretete bemächtigte, zog sich das jüdische Ehepaar aus deutschen Kreisen in Kairo zurück. Borchardt machte sich auf die Suche nach einer Institution oder einem Land, dem er sein Forschungsinstitut übereignen konnte. Er starb 1938 auf einer seiner Reisen in Paris. Der Kampf und die Legende um seinen grössten Schatz haben ihn zum Mythos gemacht. ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.





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