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Mai 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » May 11, 2010

Die Erfindung des jüdischen Volkes

May 11, 2010
In seinem internationalen Bestseller «The Invention of the Jewish People», das nun auf Deutsch erscheint, will der Historiker Shlomo Sand nicht zuletzt auf Grundlage archäologischer Erkenntnisse zionistische Mythen ins Wanken bringen: Demnach lässt sich ein urbanes Zentrum in Jerusalem um 1000 v.d.Z. ebenso wenig nachweisen, wie die Ausschaffung der Juden ins Exil durch die Römer nach der Zerstörung des zweiten Tempels.

Von Shlomo Sand

Die Vertreibung der Juden ins Exil hat niemals stattgefunden. Dazu existieren auch keine israelischen Forschungsergebnisse. Es gibt kein einziges Buch über die «grösste Katastrophe des jüdischen Volkes». Der Mythos von der Galut, dem jüdischen Exil, ist ein christlicher Mythos: Darin symbolisiert der wandernde Jude die Bestrafung der Juden aufgrund der Kreuzigung. Der israelischen Öffentlichkeit war dieser Mythos weitgehend unbekannt.

Die Juden haben daher keinen automatischen Besitzanspruch auf dieses Land Israel/Palästina. Denn die Chance, dass die Palästinenser – und hier beziehe ich mich auf ein Buch, das Staatsgründer David Ben Gurion zusammen mit dem zweiten Präsidenten Itzhak Ben Zvi 1918 geschrieben hat – die Nachfolger der alten Judäer sind, ist grösser als die, dass die israelischen Juden es sind. Ich nenne die Palästinenser nicht Juden, weil sie Heiden waren, bevor sie Christen und später Muslime wurden. Erst in Folge des Massakers der Araber an den Juden in Hebron 1929 wurden die Palästinenser nicht mehr als potenzielle Partner des zionistischen Projekts angesehen. Aber auch die Palästinenser sollen sich keine Illusionen machen, dass sie die direkten Nachfahren der Judäer seien, denn sie haben sich mit allen Besatzern vermischt.

Religion, nicht Nation

Die Idee der jüdischen Nation wurde 1871 in Deutschland durch Heinrich Graetz, den bedeutendsten jüdischen Historiker des 19. Jahrhunderts, geprägt. Sein Modell war der ethnozentrische deutsche Nationalismus des Heinrich von Treitschke, nicht der zivile Nationalismus des Theodor Mommsen. In meinem Buch will ich zeigen, dass das Judentum keine nationale, sondern eine religiös-kulturelle Definition ist. Ich betrachte Religion als Grundlage menschlicher Hochkultur. Die religiöse Identität wird die nationale überleben. Daher glaube ich nicht, dass ich Juden oder das Judentum verletze oder unterbewerte, indem ich behaupte, die Juden seien keine Nation, kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft. Das Judentum war vom zweiten Jahrhundert v.d.Z. bis zum zweiten Jahrhundert n.d.Z. die erste missionarische Religion. Dies wird sowohl durch römische Quellen als auch den Talmud belegt.

Ein Staat aller Israeli

Ich bin nicht dagegen, dass Menschen sich als Juden definieren. Wer nach Hitler eine Verbindung unter Juden verneint, ist ein Idiot. Aber wer diesen Bezug als national betrachtet und glaubt, dass das jüdische Volk seit jeher ein Volk war, ist es auch. Nach Hitler ist eine Solidarität unter Juden sehr sinnvoll, die aber nicht
national ist und nicht dazu führen darf, dass Juden sich in Israel wie die Hausherren verhalten. Praktisch bedeutet dies, dass Israel die Verantwortung für das Flüchtlingsproblem anerkennen und eine begrenzte Rückkehr erlauben sollte. Aber ich bin gegen ein generelles Rückkehrrecht der Palästinenser nach Israel, weil es die kulturelle Existenz der Israeli gefährden würde. Ich will aber auch das Rückkehrrecht für Juden abschaffen. Israel soll nur noch den Juden Schutz bieten, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, und aufhören, Staat aller Juden der Welt zu sein. Israel sollte ein Staat aller Israeli werden – Juden wie Araber, so wie etwa Deutschland der Staat aller Deutschen ist, nicht der Christen.

Mein Ideal ist ein Zusammenleben von Juden und Arabern zwischen Jordan und Mittelmeer, aber das ist unrealistisch, weil die allermeisten Israeli dies ablehnen. Und ich spreche keinesfalls Israel das Existenzrecht ab, ich will nur, dass Israel sich nicht mehr als jüdischer Staat definiert. Daher bevorzuge ich das britische Modell: eine jüdische Hegemonie mit einer weitgehenden Autonomie der palästinensischen Israeli. Ohne eine solche Wende wird Israel nicht mehr existieren. ●


Der Text beruht auf einem Gespräch Shlomo Sands mit dem Berliner Journalisten Igal Avidan für unser Schwesterblatt tachles. Sands Buch ist als «Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand» jüngst auf Deutsch erschienen.







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