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30. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 29, 2010

Minderheit innerhalb einer Minderheit

April 29, 2010
Editorial von Valerie Wendenburg

Keine offizielle Stimme. Seit dem Auftritt von Nicolas Blanco, Vorsitzender des im Dezember 2009 gegründeten Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), in der «Arena» findet – nur wenige Monate nach der Abstimmung zur Minarett-Initiative – erneut eine Debatte über Muslime in der Schweiz statt. Blanchos ebenso fragwürdige wie extreme Aussagen etwa über die Steinigung als «Wert» seiner Religion werden von den Medien aufgegriffen und gerne in Verbindung zu Begriffen wie «Gefahr», «Fanatiker» und «al-Qaida» gesetzt. Die Angst vor Fundamentalismus und einer Islamisierung der Schweiz wird geschürt, und Blancho wurde mit der Einladung in die «Arena» und den darauf folgenden Interviews eine Bedeutung zuteil, die kaum in Relation zur Realität steht: Von den 350 000 bis 400 000 Muslimen, die im Land leben, sind nach eigenen Angaben nur 1000 Mitglieder im IZRS – womit es sich bei der Vereinigung um eine, wenn auch ernst zu nehmende, Minderheit innerhalb einer Minderheit handelt und keineswegs um eine Stimme, die im Sinne der muslimischen Schweizer Bevölkerung spricht.

Extreme in den Medien. Amira Hafner Al-Jabaji, Islamwissenschaftlerin und Präsidentin des Interreligiösen Think Tanks, merkte an, dass ihr schon seit Längerem auffalle, das mit Vorliebe über Extreme berichtet werde. Weltlich lebende, tolerant denkende Muslime seien dagegen nur selten ein Thema in den Medien. Ähnlich denkt offenbar auch die Genfer FDP-Nationalrätin Martine Brunschwig-Graf, die zu bedenken gab, dass fast nie über die grosse Mehrheit der moderaten Muslime gesprochen werde. Die Berichterstattung über die Muslime in der Schweiz scheint wenig ausgewogen, da Nicolas Blancho zu einem «Star» gemacht werde , wie Leser im Online-Forum der «Basler Zeitung» betonen, in dem die durchaus aufgeheizte und besorgte Stimmung in der Bevölkerung deutlich zum Ausdruck kommt.

Verankerung des Islam. Tatsächlich mutet die «Vision» auf der IZRS-Website, wo von 50 000 Mitgliedern geträumt wird, an. Gesprochen wird von einer «Institutionalisierung» und einer «Verankerung» des Islam in der Schweiz. Der Zentralrat beschreibt sich selbst als «neue, dynamische Organisation», die zum Ziel hat, «zukünftig die Mehrheit der praktizierenden Muslime institutionell zu vereinigen und gegen aussen zu vertreten». Problematisch ist, dass Blancho, der Schweizer Konvertit ist und in Bern Islamwissenschaften studiert, das erste Ziel noch lange nicht erreicht hat, die Rolle eines gewichtigen Vorsitzenden aber offenbar schon heute gerne einnimmt.

Herausforderung auch für Muslime. Die meisten Muslime in der Schweiz, die vorwiegend aus dem Balkan und nicht aus den islamisch-arabischen Ländern stammen, denken und leben anders als Blancho, werden aber im Gegensatz zu radikalen Köpfen wie ihm kaum wahrgenommen. Solange es keine muslimischen Vertreter gibt, die Fanatiker aus ihren eigenen Reihen in die Schranken weisen und an ihrer Stelle in der Öffentlichkeit für andere, mit dem Schweizer Rechtsstaat übereinstimmende Werte plädieren, wird auch dem Volk die Angst vor Islamismus wohl kaum genommen werden können. Und Politiker wie der Vorsitzende der CVP, Christophe Darbellay, der die Ziele seiner eigenen Partei gerade neu zu definieren versucht und in den Medien von «Fundamentalisten» und «Ausschaffung» spricht, tragen dazu bei, die Herausforderung, vor der die muslimische Bevölkerung steht, noch zu vergrössern.






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